Random Facts #114

1 Human Terrain System war eine Militäroperation der USA, die von 2007 bis 2014 im Irak und in Afghanistan stattfand. Es markierte einen Wechsel von Waffengewalt zu Netzwerken: Anthropologen wurden in verschiedene Dörfer geschickt, um die Verbindungen der Bewohner zu erforschen, um so die sozialen Netzwerke der Gemeinden auszumachen, sodass das Militär gezielt „Knotenpunkte entfernen“, also Menschen töten kann, um besser an Ziele wie damals Osama Bin Laden zu gelangen.

2 Bamboo Harvester war das darstellende Pferd der Serie Mr. Ed. Er starb 1968, was von der Öffentlichkeit nicht bemerkt wurde. Stattdessen wurde ein anderes Pferd als Mr. Ed 1978 beerdigt. 1990 wurde ihm zu Ehren ein Grabstein an seinem Sterbeort aufgestellt. Dieses zeigt das falsche Todesdatum 1979. mister_ed

3 Janina Altmann ist eine 1931 geborene polnisch-israelische Chemikerin und Holocaust-Überlebende. Sie wurde im Zwangsarbeitslager Janowska inhaftiert und konnte 1943 fliehen. Sie wurde in Krakau von verschiedenen Familien versteckt. Michał Borwicz, der ihre Flucht aus dem Lager ermöglicht hatte, überzeugte sie, ihre Erlebnisse aufzuschreiben, die sie 1946 veröffentlichen konnte. Mit den Augen einer Zwölfjährigen setzt an, wo Anne Franks Tagebuch aufhört, nämlich „als es kein Verbergen mehr gibt und das Kind schutzlos den Gefahren und den schrecklichen Erlebnissen im Lager ausgesetzt ist.“ (F.Krause) janina_altman

4 König Kyros II gilt als erster Herrscher, der ein Menschenrechtsdekret bestimmte. 539 v.Chr. soll er bestimmt haben, dass alle Sklaven befreit werden, jeder Mensch seine Religion frei wählen dürfe und es keinen Rassenunterschied gebe.

art20-20cyrus20the20great20portrait

5 Die Kinder aus Charlie und die Schokoladenfabrik repräsentieren die sieben Todsünden.

charlie_and_the_chocolate_factory_willy_wonka_gene_wilder_1920x1080_wallpaper_wallpaper_2560x1440_sarcastic

6 Der wahrscheinlich älteste Streetartist der Welt ist Grace Brett. Die 104-jährige häkelte ganze Gegenden in Schottland ein. “I liked seeing my work showing with everyone else and thought the town looked lovely.”

7 Der längste Satz in einem Buch besteht aus 823 Wörtern, geschrieben von Victor Hugo im Roman „Les Miserables“. ebcosette

Random Facts #113

1 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verursachten Pferde so viel Dreck, dass Automobile als die „saubere Lösung“ galten.

new-york-fire-department

2 In der Stadt Athens im US-Bundesstaat Georgia gibt es eine Sehenswürdigkeit, die als Tree That Owns Itself, also Baum der sich selbst besitzt, bekannt ist. Colonel William Henry Jackson vermachte dem Baum aufgrund schöner Kindheitserinnerungen den Besitz an sich selbst und eine Fläche von 8 Fuß darum herum. Die Schenkung der frühen 1830er Jahre wurde rechtskräftig; der Baum konnte nicht gefällt werden. 1942 fiel er um, wurde aber wenig später durch einen Setzling aus einer der Eicheln des Baumes ersetzt; das Besitzrecht wurde quasi vererbt. Der heutige Son of The Tree That Owns Itself ist mittlerweile 15 Meter hoch.

Treethatownsitself.jpg

3 In Costa Rica gibt es ein Grundstück namens Territorio de Zaquates, Land der Streuner. Dort können verstoßene (Straßen-)Hunde frei leben. Man kümmert sich um sie wie in einem Tierheim, gibt ihnen Nahrung, medizinische Versorgung usw, jedoch leben sie nicht in Zwingern, sondern haben ein großes Gebiet für sich. Wanderer dürfen das Gebiet betreten und mit den Hunden spielen, sie streicheln – oder adoptieren.

4 Ziegen haben Akzente.

ziege

5 Die Positionierung der Buchstaben auf der Tastatur rührt von den Anfängen des elektronischen Schreibens. Auf der Schreibmaschine sollten häufig benutzte Buchstaben nicht nahe beieinander sein, damit sich die Schreibarme nicht verhaken.

smith99_462

6 Der Codex Hammurabi, eine Sammlung von Rechtssprüchen aus dem 18. Jahrhundert v.Chr., stellte unter anderem das Verwässern von Bier unter Todesstrafe. Hart aber fair.

codeofhammurabi

7 Kurt Cobain heiratete Courtney Love in seinem Pyjama.

cobainwedding

Wir treffen uns am @

Geschlossener Raum, geschlossener Geist

Bericht vom 20.04.2016

Der 20.04.2016 ist ein sonniger Tag mit dunklen Gedanken. Es wird am Abend einen Fackelumzug geben von Thügida, der braunen Schwester von Pegida, geleitet von Faschisten. Das Gericht in Gera sieht keinen Zusammenhang mit dem Hitlergeburtstag. Bittersüße Fassungslosigkeit erfasste mich in den letzten Tagen ob dieser Einschätzung, gehe ich schon seit 15 Jahren an diesem Datum gegen Faschisten auf die Straße und kenne die Neonaziszene Südthüringens sowie die Netzwerke dieser geistigen und wortwörtlichen Brandstifter, die sich vor wenigen Jahren in Form des NSU endlich auch ins Bewusstsein der Gesellschaft brannten, die das Problem unterschätzte oder vernachlässigte, obwohl wir¹ sie doch immer warnten…

Ich bemerke beim Schreiben dieser Zeilen eine gewisse Verbitterung, aber auch Traurigkeit ob der verschlossenen Herzen der Menschen. Manchmal erscheint mir die Welt tiefschwarz, wenn ich sehe, welche Geister sich darin befinden.

Im Vorfeld der Demonstrationen habe ich mich mit einigen Mitstudierenden unterhalten. Alle sind ausnahmslos gegen Neonazis und fassungslos über die Entscheidung des Gerichtes, vor allem auch der nachträglichen und kurzfristigen Verbote einiger angeblich die öffentliche Sicherheit gefährdender Gegendemonstrationen – was ist gefährlicher als eine Horde Faschisten mit Fackeln für den Führer? Nur wenige Mitstudierende wollen zu den Gegenveranstaltungen gehen; ich ertappe mich dabei, wie ich ihre Haltung ein wenig verachte: Ist das nicht auch eure Stadt? Wollt ihr „die“ hier haben? Tatsächlich fühlt sich die Thügida-Demo wie ein Eindringling in „meine“ Stadt an; ich möchte meine Stadt schließen und keinen Rechtsradikalen hineinlassen. In den Gesprächen bekomme ich die Information, dass 47 Busse mit Polizisten aus verschiedenen Bundesländern eintreffen sollen, doch sämtliche Informationen beruhen stets auf Hörensagen.

kartedemo

Am Nachmittag laufe ich einige Stunden vor Beginn der Veranstaltungen durch die Stadt, als Zäune aufgebaut werden. Erschaffung geschlossener Räume. Die Route der Fackelfaschisten wird großräumig abgegrenzt. Jetzt, da noch niemand dort marschiert, aber niemand mehr hindurch laufen darf, fühlt sich der Raum leer und unwirklich an. Wer nicht über die geplanten Geschehnisse bescheid weiß, könnte dort auch einen Festumzug vermuten. Dennoch fühle ich mich angespannt. Die Straßenbahnen fahren nicht mehr durch bzw. in die Stadt, sodass ich auf meinem Weg von einem Termin in der Stadt nach Hause durch den Park laufen muss, um zur temporären Endhaltestelle zu gelangen. Dabei begegne ich einigen zwangsspazierenden Menschen, die in die Stadt hinein gelangen wollen. Ich beginne schon hier in „Freund“ und „Feind“ zu unterscheiden und merke selbst eine gewisse Geschlossenheit in meinem Denken.

Gegen 18.00 Uhr fahre ich zurück in die Stadt und treffe mich im Zentrum mit Mitstudierenden. Auf dem Weg vernehme ich in Lautsprecher geschriene Hassbotschaften. Klingt ein bisschen wie Hitlers Reden; Betonung und phonetische Kniffe sind gleich. Der Redner kehrt die Konstellation der Ausgrenzung um und sieht die Fackelläufer als ausgegrenzte Andersdenkende. Wenn er meint.

An einer Barrikade wird mein Gang gestoppt, ich muss Umwege gehen. Auf der anderen Seite sind Gleichgesinnte. Ganz geschlossen kann dieser Raum also (noch) nicht sein.

Ich laufe auf Gegendemonstrationsseite an mehreren Ständen mit Musik vorbei, auch bei der Partei Jena, die später noch relevant wird. Am Treffpunkt angekommen, es ist mittlerweile 18.30 Uhr, fällt mir vor allem die Leere in den Läden auf, einige schließen gar.

Treffe mich mit Freunden; wir bewegen uns weiter zur Demonstrationsgrenze. In der Masse stehend werden wir von einem wohl verirrten älteren Mann angepöbelt, der sich beschwert, dass er „wegen dieser Scheiße hier“ drei Stunden für seinen Weg gebraucht hat. Tauschen ein paar Worte aus, ehe er weiterzieht und andere Unbeteiligte anpöbelt. Mir wird klar, warum er bisher drei Stunden benötigte.

Stehen mittlerweile nahe der Musikbox der Partei Jena. 90er Jahre Techno- und Chartmusik. Vorbeilaufende beginnen zu grinsen, manche tanzen, manche singen mit. Makarena ertönt und es bilden sich mehrere Grüppchen Tanzender. Stimmung ist locker. Die Polizei bewacht weiterhin den abgegrenzten leeren Raum.

Mit fällt das Kommunikationsteam der Polizei auf in ihren Uniformen, die sich klar von der Masse abgrenzt. Kleidung ist eine Möglichkeit, Zugehörigkeit zu signalisieren und Geschlossenheit zu schaffen. So bilden auch der schwarze Block oder eine Gruppe pink Kostümierter jeweils eigene scheinbar geschlossene Gruppen; wobei auch ich ganz in schwarz gekleidet bin, ohne zum schwarzen Block zu gehören. Das Kommunikationsteam steht derweil abseits und kommuniziert mit niemandem.

Nach einer Weile kommt der rund 200 Personen umfassende Trupp Faschisten vorbei, es wird laut. „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten ertönt, wir singen mit und grenzen sie dadurch aus, bilden eine Gemeinschaft, die gegen eine andere Gemeinschaft ansingt. Sie marschieren mit schwarz-weiß-roten Fahnen und Sprüchen wie „Ami go home“ oder „Wir sind das Volk.“ Sie lechzen nach einer geschlossenen Gesellschaft, die keine Einflüsse von außen erfahren soll. (Allein schon die Unterscheidung in „wir“ und „sie“ ist interessant.)

Gegen 20 Uhr haben wir den Standort gewechselt, nachdem der Fackelumzug weiter zog. „Nazis raus“ und „haut ab“ wird gerufen. Jemand aus meiner Gruppe wird gefragt, ob er Nazi sei; er trägt ein Metalshirt. „Aber dann habe ich gesehen, dass Sie mit einem indisch aussehenden Mitbürger reden.“ – „Er ist Inder.“ Vorurteile zeigen geistige Verschlossenheit der Vorurteilenden.

Auch in der Gruppe der Gegendemonstrierenden kann man Uneinigkeit finden. An dieser Stelle frage ich mich, wie sehr „unsere“ Gruppe eine geschlossene Gruppe sein könnte. Denke ich zurück, sehe ich vor meinem geistigen Auge Buntgekleidete neben Metalheads, Studenten neben Arbeitern, Jugendliche neben Rentnern. Dementsprechend dürften sich viele verschiedene und sicher auch gegenläufige Ansichten finden; was uns eint ist es, gegen Neonazis zu sein. Reicht es aus, ein gleiches „Feindbild“ zu haben? Ist der Mechanismus auf der rechten Seite ähnlich, oder definieren sie sich doch –die Weltanschauungen außen vor gelassen- über andere Variablen als wir?


Tage später erfahre ich, dass Gegendemonstranten mit Flaschen und Steinen geworfen haben. Das ist nicht in Ordnung. Davon distanziere ich mich. Mit Gewalt gegen Faschisten vorzugehen ist wie Saufen gegen Alkoholismus. Und das ist genau das, was sie wollen. Dass wir eskalieren und sie als die ordentlichen, friedlichen Demonstranten gelten. Wobei es wohl auch auf Naziseite zu Ausschreitungen kam. Empfehlen kann ich dazu DIESEN Artikel.

Am 17. August wollen die Faschos schon wieder meine Stadt belästigen. Diesmal zum Todestag von Hess. Es kommt nicht überraschend, wollen sie doch die Stadt erobern, die massiven Widerstand leistet. Dennoch bin ich erzürnt und sehr genervt.

P.S.: Hey Gericht Gera, bleibt ihr bei der Aussage, dass das alles nix mit Hitler zu tun hatte?


¹ „Wir“ heißt eine antifaschistische Interessengruppe, der ich in meiner Jugend angehörte. Wir warnten einige Jahre vor Bekanntwerden des NSU vor rechtsradikalen Netzwerken, doch wurden nicht beachtet.

180 Grad

Manchmal frage sie sich, meine Therapeutin, was sie zu dem, was ich ihr erzähle, eigentlich noch sagen soll. Oberflächlich betrachtet ist alles gut und was nicht gut ist, wirft mich auch nicht aus der Bahn. Sie sagt, ihr sei der Eindruck entstanden, dass ich weniger zum Problemwälzen und mehr zum Einholen einer Rückversicherung da sei. Schließlich habe ich eine 180-Grad-Wendung gemacht, seit ich das Studium begonnen habe.

Da hat sie mich tatsächlich erwischt. Mir geht es oft so, dass ich gar nicht weiß, was ich erzählen soll. Brennende Probleme wie noch vor ein paar Monaten gibt es nicht mehr. Überhaupt sind meine Tage aktuell so geschäftig, dass ich gar keine Zeit habe darüber nachzudenken, was nicht gut läuft – und das ist wohl die Lösung für mich.

Ich bin ein Grübler. Für mich gibt es nicht viel, was mich so zerstört wie zu viel Freizeit. Oder besser gesagt Freizeit, in der ich mich langweile und vor mich hin gammle. Das ist pures Gift für Grübler. Das heißt nicht, dass ich nicht auch mal einen freien Abend oder ein freies Wochenende genieße. Hätte ich aber mehrere Wochen nichts zu tun, würde ich ziemlich wahrscheinlich wieder in meine Negativspirale driften. Die Erfahrung bestätigt das.

Es ist viel schwerer sich zu motivieren, wenn man kein Tagesziel hat, als sich zu motivieren, wenn man viel zu tun aber keine Lust hat.

Vor der Uni war ich tatsächlich anders als jetzt. Ich habe -salopp gesagt- zu meinem alten Ich aus der neunten Klasse zurück gefunden, als ich rebellisch war und selbstsicher und Klassensprecher und resilient. Klar hatte ich auch da mal einen beschissenen Tag, aber ich habe ihn überstanden und nicht wie noch letztes Jahr zwei Wochen daran zu knabbern gehabt.

Dann kam die Uni und mein Entschluss: Ich will nicht mehr ängstlich sein, ich will dazugehören, ich will gerne zur Uni gehen. Ich kann jeder sein, der ich will, weil mich niemand kennt. Also bin ich, wer ich gerne sein möchte.

Es hat mich viel Überwindung gekostet und ich war oft nervös und habe gezweifelt, hatte Berührungsängste und die Frage im Hinterkopf, ob er oder sie mich mag. Doch es ist mir gelungen: Ich bin, wer ich sein möchte.

Das klingt klasse und das ist es auch. Einfach ist es aber nicht. Denn diese Verwandlung ging irrsinnig schnell. Innerhalb weniger Wochen war ich nicht mehr ein graues Mäuschen, sondern das Mädchen mit den bunten Ideen. Und so sehr es mir gefällt, aus mir raus zu gehen und bekannt zu sein und gemocht zu werden, weil ich Spaß mache, so sehr zweifle ich manchmal im Nachhinein, weil ich mich frage, ob ich übertrieben habe, ob ich nerve, ob ich überhaupt ernst genommen werde. Und da setzt eben die Therapie an. Ja, ich gehe dort zur Zeit hin, um eine Rückversicherung zu bekommen. So schnell wie meine Transformation vonstatten ging, ist es nicht verwunderlich, dass ich mir selbst noch nicht ganz traue.

Ich bin aber auf dem besten Weg.