Die Ehe

Sie sitzt auf dem Sofa und kaut an ihren Nägeln, während sie „Wer wird Millionär“ sieht und konzentriert auf den Fernseher starrt.
Er beobachtet sie. Wie er sie einst liebte. Auch heute noch würde er für seine Ehe mit ihr töten. Doch nicht einen der Verehrer, die sie einst zuhauf hatte, sondern am liebsten seine Frau selbst.
Ach, wie sie ihm zuwider ist. Nicht nur das Nägelkauen und die Rufe gen Gameshowkandidat, welche Antwort denn die richtige sei, stoßen ihn ab. Es ist viel mehr die Veränderung, die sich in so vielen Feinheiten breit machte.
Anfangs gab sie sich noch alle Mühe, um ihm zu gefallen. Sie trug Make-Up und die modernste Kleidung (oder wenn sie wie so oft die Leidenschaft packte ihr reizendes Parfum und sonst nichts). Damals war ihr Körper noch schön. Sie achtete sehr auf ihre Figur; ihre Haut war weich und glatt. Heute kann er ihre Flecken und Falten kaum noch zählen.
Sie hatten viel Spaß zusammen, gingen in Museen, besuchten Theateraufführungen oder ließen sich von den exotischen Klängen der Straßenmusiker mitreißen. Heute ist ihre Hauptbeschäftigung der Fernseher.
Alles war so perfekt- bis er sie heiratete. Er weiß nicht, ob er sich das nur einbilde, oder ob sie diese Gelegenheit damals nutzte, um sich abzusichern. Versicherung für das Altern. Sie gebar ihm zwei durchaus gelungene Kinder, die nun ihre eigenen Familien gründen. Doch danach verlor sie jeglichen Elan.
Sie ging nicht mehr aus, achtete nicht mehr auf ihr Äußeres, sogar ihr wunderschönes Lachen verschwand. Was hätte er nur dafür gegeben, sie noch einmal so lachen zu sehen wie in den glücklichen Tagen! Doch er wartete vergebens darauf.
Die Jahre vergingen. Sie tauschte ihr Lachen gegen Bitterkeit und ihre Lebensfreude gegen Lethargie.
Wie konnte er das nur zulassen? Er hätte etwas tun sollen, als er es noch konnte. Nun ist er zu alt und träge, von Krankheit und Schmerz geplagt und mit einer Art von Frau bestraft, mit der er niemals alt werden wollte.
Er muss handeln. Doch was soll er tun? Sie auf die Straße zu setzen wäre unmenschlich. Wo sollte sie denn hingehen? Sie zu motivieren würde nur unnötig Energie kosten- er hatte es schon so oft versucht. Er hat eine viel bessere Idee. Wenn er ihre Versicherung für das Altern ist, müsste er ihr nur seine Dienstleistungen entsagen. Er könnte ihr einfach sagen, dass er sie verlassen würde, sollte sie sich nicht ändern. Auch wenn er das gar nicht wirklich vorhat, so wäre es doch ein Grund für seine Frau, etwas an sich zu tun.
Doch halt, denkt er. Das glaubt sie mir doch nie. Nicht in den paar Jahren, die wir noch haben.

Er sieht sie an- sie ist in Gedanken versunken.
Sie schaut zurück. Und sie lächelt..

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Autor: nickel

Schmeckt wie Regenbogen. kopfbunt, verhaltensoriginell, warmherzig, ehrlich, verrückt, denkintensiv, pflegeleicht. Manchmal.

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