Schule? So nicht!

schule heute

Die freundliche Misanthropin hat heute in ihrem Blog über die aktuelle Schulbildung geschrieben. Und da meine Antwort als Kommentar darunter viel zu lang geworden wäre, gebe ich meinen Senf dazu nun hier ab.

Ich habe nach meinem Abitur als Praktikantin in einer privaten Grundschule gearbeitet. Dort ging die Schule für alle von früh um 8 bis nachmittags um 3, schon ab der ersten Klasse. Das allein ist meiner Meinung nach schon ziemlich heftig. Freistunden zum Spielen, Lesen, Malen usw. gabs nur für die erste und zweite Klasse. Die beiden dritten Klassen mussten „durchackern“.

Und damit die Karriereeltern von heute nicht auf ihre Karrieren verzichten müssen, gabs schon ab der dritten Klasse (!!!) die Möglichkeit, das Kind ins Internat zu geben. Die Kinder haben ihre Elten dann alle zwei Wochenenden mal gesehen… Schrecklich! Mir taten diese „verlassenen“ Kinder so leid. Zumal die Internatsmutti in dem Haus, in dem ich Nachmittags noch bespaßen sollte, ein echter Hausdrache war – auch zu mir! Sie schrie gern und war überstreng; die Kinder hatten kaum Freiheiten bei ihr. Kindheit? Dort nicht.
(Ich sagte immer, „wenn die sich weiter so über jeden Pups aufregt, bekommt sie bald nen Herzkasper!“ Etwa ein Jahr, nachdem ich dort weg war, hatte sie tatsächlich einen Herzinfarkt. So viel zum Thema „Beschreien“ 😉 )

Für die Internatskinder sah der Tag so aus:
6 Uhr aufstehen, frühstücken und was halt dazugehört. 8 Uhr fing der Unterricht an, halb 4 hörte er wieder auf. Zwischendurch ein paar Pausen, hier mal ein paar Minuten, dort mal ein paar Minuten. Die Stunden waren keine normalen Stunden von 45 Minuten, sondern generell Blöcke von 90 Minuten. Täglich waren das 7 solcher Blöcke und dazwischen eben Pausen; 30 Minuten Frühstückspause, 1Stunde Mittagspause und zwischen den sonstigen Stunden etwa 10 Minuten.

Das allein ist ja schon stressig. Aber dann sollte ich die Internatskinder ab um 4 noch etwa eine Stunde oder anderthalb bespaßen, wobei ich nicht einfach mal mit ihnen ein Video schauen durfte, nein nein, das musste alles Sinn und Struktur haben und pädagogisch hoch wertvoll sein! Selbst als wir eine Woche lang an einen Pappmaché-Sparschwein bastelten, wurde ich angeschnauzt, warum wir denn so lange dafür bräuchten und dass ich was anderes machen soll. Die Sparschweine habe ich dann für die Kinder fertiggestellt, sie selbst hätten dafür ja gar keine Zeit gehabt…
Nach der pädagogisch ausgefeilten Spielstunde gab es noch eine Stunde Hausaufgaben- und Lernzeit (ja echt, die haben noch Hausaufgaben bekommen) und schließlich Abendbrot, danach war der Tag so ziemlich gelaufen. Und der ganze Mist fing am nächsten Tag wieder an.

Die Kinder taten mir so leid, dass ich mich weigerte, sie nachmittags noch zu irgendwas Großartigem zu zwingen. Im Sommer spielten wir Fußball oder gingen in den angrenzenden Wald, im Winter bauten wir Schneemänner oder spielten drinnen Brettspiele. Es war mir egal, dass der Hausdrache mich ab und an dafür rügte; Kinder so von früh bis spät in die Mangel zu nehmen ging einfach gegen meine Moral.

Was das Internatsleben, das ständige Ausgeplantsein und das von den Eltern verlassen-Fühlen anstellen kann, sah man an einem der Drittklässler ganz deutlich. Robin (Name geändert) war einer der Internatskinder aus der dritten Klasse; außer ihm gab es noch einen, die anderen Internatskinder waren älter. Er erinnerte mich immer ein bisschen an meinen Cousin, er sah genauso aus und in manchen seiner Eigenheiten war er auch wie mein Cousin in dem Alter, einmal nannte ich ihn deswegen auch wie meinen Cousin. Robin jedenfalls galt als schwierig, als lernfaul, anstrengend. Er hatte zwar Freunde in der Klasse, doch er zog sich auch gerne mal zurück und unterhielt sich mit mir. Er klaute den anderen ständig irgendwelche Sachen, die er nach einer gewissen Zeit aber immer wieder heimlich zurück lag- er war da sehr geschickt drin. Nur manchmal, wenn er zu lange wartete, es zurück zu geben, wurde er erwischt. Dann zeigte er sich immer reumütig und war für die nächste Zeit ganz still und in sich gekehrt. Außer mir vertraute er sich niemandem an, er erzählte mir, dass er oft wütend ist und viele der Kinder nicht leiden kann. Sein aufständisches Verhalten war einfach nur ein Ausdruck seiner Verzweiflung, seiner Einsamkeit, seiner Wut auf Lehrer und Eltern, weil sie nicht für ihn da waren.

Versteht mich nicht falsh, die Schule an sich fand ich nicht schlecht, die Art zu lehren gefiel mir gut, es gab Wochenpläne und viele Projekttage, die Kinder konnten neben dem üblichen Grundschulstoff auch noch ein Wahlfach belegen, das von Handarbeit über Tanzen oder Reiten bis hin zu Waldkunde oder Schauspiel reichte und allen Spaß machte. Es gab klassenübergreifenden Unterricht und ab und an auch Klassenfahrten und Wandertage.
Aber ich finde es einfach nicht gut, ein Kind ab der Grundschule schon so zu verplanen, mit Wissen vollstopfen zu wollen und es wohlmöglich noch ins Internat zu stecken, obwohl es die Eltern noch so dringend braucht. Dabei wäre es so wichtig, das Kind einfach mal Kind sein zu lassen, ihm Freiheiten zu geben und auch mal Langeweile zu erlauben. Stress bekommt man früh genug im Leben, da muss man ihn für Kinder nicht noch künstlich erzeugen. Und statt Unsummen für die allertollste Schuldbildung und Freizeitkurse auszugeben, sollte man mal einen Gang zurück schalten und lockerer werden. Schließlich ist das ein Kind, das man da erzieht und kein Roboter, den man programmiert!

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Autor: nickel

Schmeckt wie Regenbogen. kopfbunt, verhaltensoriginell, warmherzig, ehrlich, verrückt, denkintensiv, pflegeleicht. Manchmal.

2 Kommentare zu „Schule? So nicht!“

  1. Ist schon erschreckend und bedauernswert, wieviel Stress den Kindern zugemutet wird an manchen Schulen. (Den Lehrerberuf stell ich mir allerdings auch stressig vor)

    Bei uns in der Türkei tun mir die Kinder erst Leid… sie müssen extrem viel lernen und dazu kommt noch, dass fast jedes Kind zur „Dershane“ gehen muss. Das ist schon fast eine „Schule außerhalb der Schule“, eine Schülerhilfe-Schule quasi. Die allermeisten sind dort angemeldet. Dafür müssen die Eltern monatlich/jährlich auch noch so viel zahlen.
    Kinder/Jugendliche, die nicht dort angemeldet sind, haben fast keine Chance für’s spätere Studium. Denn ohne Studium bist Du fast ein „nichts“ dort.

    Es ist nur noch ein Marathon, in dem die Jugendlichen ‚gepeitscht‘ werden zu lernen, lernen, lernen… schlimm sowas.

    Ach, und was ich immer interessant dort finde ist, dass es in den Schulen Schichten gibt. Ich hatte mich gewundert, als meine Cousine mir erzählte :“Unsere Tochter hat immer Spätschicht“. Ich sagte: „Häh? Was denn für ne Spätschicht??“

    Die Schüler teilen sich also auf, die einen haben Frühschicht (ganz normal, wie hier) , die anderen Spätschicht und gehen erst mittags zur Schule und kommen erst am späten Nachmittag, gegen Abend wieder. Krass oder?
    Besser gesagt, die Grundschulen haben ‚Spät‘, die weiterführenden Schulen ‚Früh‘. Denn alle Schulen sind meistens auf einem Gelände dort, nebeneinander. Der Grund ist , dass man die Zusammenkunft der ganz Jungen . mit den Älteren vermeiden möchte. Das gäbe wohl Konflikte und Stress für die Kleinen.

    Ein anderer Grund ist, dass die Schulen bei der Schülerzahl nicht ausreichen.

    Das widerum gibt ganz andere „Nebenwirkungen“, kann man sich ja denken.

    In Deutschland geht es den Schülern da viel besser. Aber jedes Land hat natürlich seine eigenen Sorgen.

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    1. Vielen Dank für den Vergleich!
      Das stimmt wohl, dagegen geht es deutschen Schülern gut. Aber man sollte natürlich nicht mit schlechteren Standards vergleichen (ich hoffe, das wird nicht falsch verstanden) und sich darauf ausruhen, ja immernoch besser als A, B oder C zu sein. Viel besser sollte man schauen, wo es besser ist und warum und versuchen, sich ebenfalls zu verbessern.
      Und man muss natürlich auch schauen, wer die Akteure sind. In der Türkei können die Eltern sicher nicht direkt was dafür, dass die Schule so ist wie sie ist. Das ist ein Problem des Systems. Wenn ich aber sehe, wie viel manchen Kindern in Deutschland wegen der überfürsorglichen Eltern zugemutet wird, dann ist das ein Strukturproblem. Hier liegt das Problem bei den Eltern und ihrem Denken, aber auch an den Eindrücken von außen: „biete ich meinem Kind nicht dies und das und jenes, denken andere, ich wäre eine Rabenmutter. “ Und dann wird uns in tollen Fernsehserien gezeigt, wie viel die Kinder und Jugendlichen dort in ihrer Freizeit unternehmen, wir werden von schlechten Nachrichten alarmiert, weil gelangweilte Jugendliche von der Bahn gekommen sind und wir werden von der Werbung hypnotisiert: „Machen Sie Ihr Kind klüger, schneller, besser, ausdauernder als alle anderen!“
      Ich meine, es ist nichts dagegen einzuwenden, sein Kind in einem Verein anzumelden, damit es am Nachmittag Fußball spielen, singen oder reiten geht. Aber doch bitte nicht jeden Tag.

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