Lookism

Ich bin eben über diesen Artikel gestoßen, der sich im Grunde damit beschäftigt, dass die Frage, ob man zu dick sei und was man dagegen tun könnte, viel zu bedeutungsschwer (hähä Wortspiel) ist.

Grundlage dessen ist ein neuer „Aufschrei“ auf Twitter: #Waagnis.
Hier schmeißen Frauen ihre Waagen weg, um dem Schlankheitsdruck zu entgehen. Ich frage mich: ist es wirklich so einfach?

Meine Meinung: nein. Es wäre schön, wenn es so einfach wäre. Man wirft die Waage hinfort und gut ist. Aber dass dem nicht so ist, merkt man spätestens, wenn man im Laden steht und es die gewünschte Hose nur in XXS bis S gibt, darauf aber die Buchstaben M und L prangen. Von XL fangen wir gar nicht erst an und ab XXL wird es schon utopisch.

Quelle: Die Welt: „Können so dicke Frauen noch ästhetisch sein?“, Onlineausgabe vom 09.02.2012. Klick aufs Bild.

Weiter geht es im Umgang mit anderen. Da wird geglotzt und kommentiert; ob die Meinung interessiert oder nicht ist dabei egal. Und ganz ehrlich, da draußen gibt es auch eine Menge A*löcher, die eine Frau in Kleidergröße 38 als fette Kuh beschimpfen. Es muss aber nicht einmal so offensichtlich bösartig sein, nein, verunsichert wird man doch eher von den kleinen Spitzen der Freundin oder Tante, die mit einem süffisanten Grinsen und Blick auf den Bauch bemerkt, dass es einem ja scheinbar gut geht. Soll heißen: Mädel, hast du zugelegt!
Man braucht sich selbst doch gar nicht mit dem eigenen Gewicht beschäftigen, das machen schon andere!

Am meisten treffen mich als Nichterfüllerin der gesellschaftlichen Gewichtsnormvorstellungen aber diese nett gemeinten Aussagen – man könnte sie Unkompliment oder Nicht-Kompliment nennen. Etwa „Du bist richtig hübsch (dafür, dass du so dick bist)“ oder „Ich finde es toll, dass du dich trotz Schwabbelstampfer in einen Rock traust.“ Ja gut, der zweite Satz war überspitzt, doch den ersten habe ich bisher nicht nur einmal gehört. Zu dieser Thematik des miteinander Umgehens habe ich noch eine Leseempfehlung.

Ein weiteres -und das wohl offensichtlichste Problem- ist die bunte Welt der Stars und Sternchen und der Werbung. Man kann sich noch so sehr dagegen wehren, diese Frauen (beziehungsweise ihre Figuren) als Vorbild zu nehmen. Aber jede hat bestimmt schon einmal gedacht „ach könnte ich doch auch so dünn oder hübsch sein wie…“ Und wer behauptet, nie daran gedacht zu haben -und wenn es nur für eine Sekunde war- der lügt. Das ist auch gar nicht schlimm, sondern ganz natürlich. Vorbilder sind wichtig, weil man in Abgrenzung oder Nachahmung derer lernt, sich selbst zu definieren. Sprich: entweder möchte man eben gern so aussehen wie Heidi Klum oder eben nicht. In dem Moment, in dem man sagt, dass man nicht so aussehen möchte, hat man sich ja schon wieder auf die Person bezogen.
Das Problem dabei ist: es gibt kaum „normalgewichtige“ Frauen in der Öffentlichkeit, die immer hübsch präsentiert werden. Eine Schauspielerin mit ein paar Speckröllchen und verschiedengroßen Brüsten erzielt einfach nicht die selbe Wirkung wie die dralle Blondine mit der Wespentaille.
Das Paradoxon scheint für mich darin zu liegen, dass man (resp. die Mehrheit) keine ’stinknormale‘ Person auf der Leinwand sehen will, sich aber doch an eben diesen nicht stinknormalen Personen orientiert.

Quelle: Go feminin. Klick aufs Bild.

Die üblichen Verdächtigen auf der Suche nach einem Grund für unser verzerrtes Schönheitsbild kennt man doch. Magermodels, immer schlanke Schönheitsköniginnen, anorexiegebeutelte Schauspielerinnen, aber auch die 150. Anzeige mit Diättipps und Abnehmstories. Ja, Abnehmen heißt Erfolg. Darüber muss man erstmal nachdenken.

An und für sich sollten uns solche Anzeigen und Werbeplakate ja gar nicht stören. Klar, wir grenzen uns ab und beziehen uns schon deshalb darauf. Wir vergessen aber auch, dass Kinder damit aufwachsen, dass Mutti ständig abnehmen möchte oder im Vergleich mit anderen Muttis bzw. den Supermuttis aus dem Fernsehen weniger hübsch oder dicker aussieht. Kindern nehmen dann das Ritual des Abnehmenwollens in ihren Habitus auf. Sind wir nicht vielleicht sogar selbst damit aufgewachsen? Wir bekommen auch gar nicht mit, dass wir dem allen so viel Bedeutung beimessen und uns eigentlich tagtäglich damit befassen – nach dem Aufstehen mit der Kleiderwahl, die kaschieren soll und doch kneift oder bei der Essenswahl, die bloß nicht zu viel Fett oder Kohlenhydrate enthalten soll!

Ihr seht, es reicht nicht, die Waage wegzuschmeißen. Es gehört noch viel mehr dazu. Es ist ein schöner Anfang. Aber -ich bin pessimistisch- ich glaube nicht, dass eine Gesellschaft jemals in der Lage sein wird, sich gänzlich von Schönheitsidealen und Moden freizumachen – und dazu gehört nunmal auch die Frage nach dem Gewicht. So befreiend es auch wäre. Doch wir sind ja auch nicht die ersten, die sich darüber den Kopf zerbrechen.

Sobald wir uns damit beschäftigen, uns nicht mit etwas zu beschäftigen, beschäftigen wir uns bereits damit.

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Autor: nickel

Schmeckt wie Regenbogen. kopfbunt, verhaltensoriginell, warmherzig, ehrlich, verrückt, denkintensiv, pflegeleicht. Manchmal.

13 Kommentare zu „Lookism“

  1. Ich bin leider auch eine dieser Personen, die sich sehr von diesem ganzen Wahn einfangen lässt. Die Denke „Ich möchte auch so schlank sein wie…“ ist mir nur zu bekannt und lässt mich bei jedem Schokoriegel ein schlechtes Gewissen haben. Stark genug das einfach auszublenden bin ich tatsächlich nicht.

    Wenig hilfreich sind da wirklich ständige Werbeanzeigen, z.B. auf Facebook. Ich bin es satt (hihi, auch ein Wortwitz), ständig von Wundermitteln und Diäten zu lesen, bei denen man innerhalb von 7 Tagen 14kg verliert. Da muss ich nichts lesen, da weiß ich auch so wie das geht: Aufhören zu essen! Besonders penetrant ist dieses eine ständig von „Friends“ gelikte Vorher-Nachher-Foto, bei dem alles nach Photoshop schreit, das gerade noch schlau genug ist, nicht auf diese Lüge herein zu fallen.

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    1. Oh ja, diese Anzeigen sind abartig! Ungesünder geht es nicht.
      Abnehmen ist eben auch ein Marktzweig. Damit kann man richtig viel Geld machen. Wunderpillen für 50€ oder superduper-Abnehmkurse für 30€ pro Woche werden eben trotzdem bezahlt, weil man einfach mit den Hoffnungen der Menschen spielt, eines Tages ihrem irrealen Schönheitsbild zu entsprechen.
      Hier ist Gewicht gleich Zwang.

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  2. Es ist doch nicht nur das Gewicht. Es gibt immer irgendwas, was uns zeigt, dass wir anders sind als das, was in den Medien als Schoenheitsideal propagiert wird. Die Haare, die Hautbeschaffenheit, der Teint, Po oder Brust, die „falsch“ gerundet sind…. etc., etc., etc. Ich denke, dass die Idee mit der Waage leider zu kurz greift.

    Schlimm finde ich, dass uns nicht nur durch Film, Fernsehen, Zeitschriften & Co signalisiert wird, wie Frau zu sein hat. Wir machen uns auch noch untereinander mit dummen Sprüchen oder Blicken fertig. Einerseits wünschen wir uns, dass wir so akzeptiert werden, wie wir sind. Und dann ziehen wir die Augenbrauen hoch oder grinsen, weil jemand aus der Reihe tanzt und Sachen trägt, die vielleicht nicht kaschieren, sondern vermeintliche „Schwachstellen“ aufdecken. Aber so lange wir das machen, sind wir auch nicht besser als die Medien.

    Manchmal denke ich, dass wir das ja ein bisschen beeinflussen könnten. Keine Filme oder Serien mehr sehen, in denen nur „Barbies“ vorkommen. Entsprechende TV-Formate oder Zeitschriften boykottieren und deutlich machen, dass wir endlich wieder ECHTE Menschen in all ihren Facetten sehen wollen… groß, klein, dick, dünn, lange oder kurze Haare, mit Poren, Hautunreinheiten und Orangenhaut … aber das ist wohl ein bisschen utopisch. Sorry… ich spinne manchmal rum. 😉

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  3. Nachtrag: Und die Sache mit dem Schoenheitsideal ist ja nun auch kein 2.0. Phänomen, wenn man mal einen Blick in die Geschichte wirft. Ging schon bei den Ägyptern los und seither ging es hin und her, rauf und runter. Unterschied ist doch nur der, dass wir jetzt permanent mit perfekten Bildern konfrontiert werden. 🙂

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    1. Kann ich in allem zustimmen!
      Ich ertappe mich manchmal selber bei gemeinen Gedanken über andere und dann denke ich mir „Käse, warum hast du das jetzt gedacht? Lass ihn/sie doch rumlaufen, wie es beliebt!“
      Ich schaue schon seit vielen Jahren keine solche Sendungen mehr und kaufe mir schon sehr lange keine Zeitschriften mit Püppchen, aber das bringt im Großen und Ganzen nichts, denn es gibt eben immer Leute, die es doch sehen/kaufen.

      Ich denke auch, dass die Sache mit dem Gewicht natürlich zu kurz greift. Aber es ist doch einer der Hauptaugenmerke. Und vor allem ist es ja der Hauptaufhänger von #Waagnis. Ich hätte da noch mehr schreiben können, aber das soll ja auch einer lesen, nech? 😀

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  4. Als Betroffene finde ich es bedenklich seine Waage einfach wegzugeben. Dabei gehts mir weniger um einen Schönheitswahn, oder darum etwas darzustellen was ich nicht bin. Alle die zum Beispiel diesen Models nacheifern, dürfen sich getrost mal sagen lassen, dass diese ohne ihr Team von Friseuren und Visagisten genau so normal aussehen, wie jeder andre auch. Möchte nicht Heidi Klum direkt nach dem Aufstehen begegnen.
    Doch zurück zur Waage. Meine ‚Seele‘ sag ich mal hats so eingerichtet, dass ich mich teilweise gar nicht mehr ganz im Spiegel betrachte, sondern nur noch mein Gesicht. Ich sehe mich nicht wirklich so wie ich bin. Hätte ich die Zahlen auf der Waage nicht, säh das schlimm aus. Denn ab einem gewissen Grad ist Übergewicht eben auch gesundheitsgefährdend.
    Klar soll jeder ‚befreit‘ Leben und sich auch mal was gönnen, aber ich kann aus Erfahrung sagen, wenn man mal sehr sportlich war und wird wach und ist beinah zwei Menschen, das ist n ganz schöner Schocker.

    Liebe Grüße,
    N.

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  5. Gerade heute habe ich gedacht, dass die vielen schönen Nackedeis / Starsuch-Serien/Sängerinnen im Fernsehen auch die subtile Aussage haben: „Fleisch ist zum Beglotzen da.“
    Sprich: Was im Fernsehen erlaubt ist (da gehe ich doch recht in der Annahme als bereits jahrelange Fernsehabstinente, oder?), das darf man auch im realen Leben kommentieren – und wenn es nur heimlich ist.

    Ich habe mal gezählt, wie viele – unrealistisch – zierliche Modelle ich zu sehen bekomme, wenn ich ganz normal einkaufen gehen, auf der Suche nach einer neuen Hose zum Beispiel. Es waren mehr als 50 in relativ kurzer Zeit. Ich habe Schaufensterpuppen gezählt und großformatige Bilder über den Kleiderständern. Und ich hatte mich gefragt, weshalb ich mich so mies fühle, wenn ich einkaufen war. Ul*la Po*ppken (heißt die so?) hat das übrigens auch herausgefunden und stellt nur deutlich dicke Damen als Verkaufspersonal ein – da fühlt man sich dann gleich viel schlanker.

    Dass quasi alle Hollywood-Damen auch Modells sind, macht selbstverständlich auch subtil Druck.
    Ich empfehle englische Serien (nicht alle). Das gibt es auch dickere Damen, Schauspieler mit Falten, graue Haare und Bäuche, auch bei den Herren. Und eines ist mir aufgefallen, was ich erst nach einigem Sinnieren in Worte fassen konnte: Auch die Damen und Herren mit deutlichen Falten haben anscheinend ein ausgeprägtes Es Eh Ix Leben, während zum Beispiel in deutschen Serien dicke Menschen, ältere Menschen, Menschen mit Brille tendenziell als a es eh ix uell dargestellt werden.

    Dicke Menschen werden in Medien leider auch oft als dumm und/oder brutal gekennzeichnet. Man denke nur an die Gegenspieler von Ha..y P0tt.er oder an den dicken Fiesling in Lauras St*ern. Gewicht wird also auch mit Hirngröße oder Charakter in Verbindung gebracht.

    Und so weiter und so weiter.

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  6. Ich hab’s neulich schon irgendwo geschrieben: wie viel Lebenszeit man damit vertut. Und schlimmer: Wie viel Leid, Umzufriedenheit, Selbstzweifel, ja sogar Selbsthass man damit heraufbeschwört. Womit eigentlich: mit dem Streben, einem Ideal hinterherzulaufen, dass uns von 18-Jährigen Models wieder und wieder präsentiert wird. Das kann nur Unblick bringen. Man stelle sich vor, einmal auf dem Sterbebett zu resümieren, wie viel Energie man darein verpulvert hat. Vernichtet hat. Was man damit hätte machen können.
    Okay, ich bin etwas älter und aus dem schlimmsten Jugendwahn rausgewachsen.
    Echter Frieden mit mir sieht aber anders aus.
    Und: Schlanksein will ich trotzdem, weils 1. gesünder ist und weil es mir 2. physisch und psychisch besser geht.
    Die Waage bleibt also an ihrem Platz.

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    1. Oh ja, die Zeit, die Mühe und so viel Selbstqual da nur drinsteckt! Und wie oft man sich deswegen wirklich scheiße fühlt, weil man denkt „man, ich bin so ein Loser, dass ich dieses Kilo nicht noch wegbekomme“ oder „ich bin fett und hässlich gegen diese Models!“ naja oder so ähnlich eben.
      Diesen Selbsthass kenne ich nur zu gut. Und das schlechte Gewissen, weil man mal ein Stück Schokolade gegessen hat. Wie bescheuert das eigentlich ist.

      Andererseits sind da aber auch die Blicke, wenn man als korpulenter Mensch in der Öffentlichkeit etwas Ungesundes isst. Ganz von alleine und nur wegen eines falschen Selbstbildes kommt der Selbsthass also nicht. Es hängt alles irgendwie zusammen: die Werbung – die Anderen – ich selbst.

      Aber ich schweife ab. Meine Waage bleibt auch, einfach weil ich die Selbstkontrolle mag. Ja, das steht vielleicht gegen den obigen Artikel, aber ich brauche das, weil ich sonst weiß, dass es ausufern würde. Und das will ich nicht. Sonst bin ich irgendwann ja wieder beim Selbsthass. ^^

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