To eat or not to eat

TL;DR: Nicht lieblos einen Veggie Day einführen, sondern das Konzept in der Kantine sowie generell die Ernährungsweise überdenken.

Alle Welt…ach nein, halt. Sind ja nur wir. Also: ganz Deutschland regt sich darüber auf, was die Grünen forderten: einen Veggieday in Kantinen öffentlicher Einrichtungen. Und ganz Deutschland fühlt sich persönlich angegriffen, in der Ehre verletzt, eingeschränkt, beschnitten an Freiheit und Wohlstand.

So stoisch das Land in Sachen GEZ, Überwachung und Dronen war, so viel Energie steckt es nun in die Entrüstung über einen einzigen, gut gemeinten Vorschlag – und spaltet sich darüber. Und dabei weiß keiner, wer nun eigentlich wofür oder wogegen ist. Ja nicht einmal die großen Zeitungen sind sich darüber einig, was Deutschland nun will. N24 titelt: Deutschland sagt „Nein“: 61 Prozent gegen „Veggie Daywährend Focus schreibt: Hälfte der Deutschen will Veggie-Day.

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So wirklich richtig oder falsch oder richtig falsch liegen beide nicht. Dass es bei einer Befragung von nur 1000 Leuten stark darauf ankommt, wen man fragt, wo man fragt und wie man fragt, hatte ich ja schonmal erwähnt. Allerdings vermute ich, dass viele einfach selber nicht so richtig wissen, ob sie nun dafür oder dagegen sein sollen und wollen. Bei dieser Befragung kam eigentlich auch nur heraus, was man schon vermuten konnte: je liberaler, desto eher ist man für einen V-Day, Frauen sind eher dafür bereit als Männer. Es gibt keine wirkliche Mehrheit auf einer der beiden Seiten, weswegen man rein prinzipiell eigentlich nix entscheiden könnte.

Und ganz davon abgesehen, wie ich selbst zu veganer Ernährung stehe, kann ich beide Seiten verstehen, wobei die Pro Veggie Day Fraktion für mich einen entscheidenden Vorteil hat: richtige Argumente. Sorry, aber „Oh mein Gott, ich soll einen Tag im Monat auf Fleisch zum Mittag verzichten?“ ist für mich kein Argument.

Ach, Wahlfreiheit soll ein Argument sein? Hat schonmal irgendwer so richtig die Wahl gehabt in einer Kantine? Veganer bisher jedenfalls nicht. Selbst als Fleischesser, der seinen Fleischkonsum ein wenig reduzieren möchte, hat man kaum eine Chance, denn meist gibt es nur 1-2 vegane/vegetarische Gerichte und wenn die einem nicht zusagen, hat man eben Pech gehabt. Oft sind solche „fleischlosen Alternativen“ auch einfach nur einfallslos. Milchreis, Haferbrei, toll. Ich habe es sogar shcon erlebt, dass ein eigentlich veganes Gericht dann doch mit Fleischbrühe angerührt wurde, was das ganze ad absurdum führt.

Sprechen wir doch einfach mal die Wahrheit aus: in einer Kantine stehen höchst selten Köche und wenn doch, dann meistens die, die sonst keine Stelle gefunden haben. Ja, es gibt Ausnahmen, denen ich auch gar kein Unrecht tun will. Aber die Mehrheit der Kantinenköche ist nicht richtig ausgebildet – oder besteht aus einem Konsortium aus Aushilfen, die gerade mal ihr Gesundheitszeugnis vorweisen können. Isso.

Und in den wenigstens Kantinen wird selbst gekocht, sondern das Essen wird angeliefert. Und meist bekommt der Lieferant den Auftrag, der am billigsten ist. Dass man da keine große Qualität erwarten kann, ist eine logische Schlussfolgerung. Ihr wisst, worauf ich hinaus will? Darauf, dass richtiges, frisches Gemüse, das auch richtig zubereitet wurde und nicht nur mehr Matsch ist, einfach teurer ist, als das Restefleisch aus der Massenhaltung. Das Problem mit dem Veggie Day liegt also tiefer, als nur bei der Ausgabe in der Kantine.

Doch zurück zur Konsumentensicht. Ich habe nocht nicht erklärt, warum ich die Pro Veggie Day Seite viel sinnvoller finde. Einfach, weil sie Recht haben. Sie haben Recht damit, dass wir zu viel Fleisch fressen. Sie haben Recht damit, dass wir zu viel Massentierhaltungen haben. Sie haben Recht damit, dass wir einfach völlig maßlos sind im Umgang mit Fleisch und mit Leben.

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Nein, ich halte es nicht für normal, jeden einzelnen Tag Fleisch zu essen. Zumindest nicht unter diesen Bedingungen. Rein ernährungstechnisch kann man sich da jetzt streiten und das darzulegen habe ich auch gar keine Lust. Aber so lange Tiere weiter so beschissen gehalten werden, nur damit man sich ein Stück davon zum Mittag ins Maul stopfen kann, finde ich es einfach unverantwortlich. So lange ein Stück Fleisch so unterirdisch billig ist, dass man ein Steak günstiger bekommt als eine Packung Gemüse, kotzt es mich an und regt es mich auf. Zumal man diesen Unpreis ganz eindeutig merkt. Nicht nur am Geschmack, nein. Ich werde sogar krank von diesem abgepackten Zeug. Und das ist keineswegs etwas psychisches, denn es passiert auch dann, wenn ich nicht wusste, dass es sich um Billigfleisch handelte. (Prima Weg, um herauszufinden, welche Gaststätte qualitativ hochwertig kocht und welche nicht…)

Ich finde auch nicht, dass es an Alternativen mangelt. Eher glaube ich, dass die Leute einfach nur Angst und Skepsis zeigen, wenn sie etwas Neues ausprobieren wollen. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier- und der Deutsche ganz besonders. Schaut euch einmal die traditionelle deutsche Küche an. Fleisch, wohin das Auge reicht. Wir sind damit aufgewachsen, unsere Eltern sind damit aufgewachsen und so weiter. Der Sonntagsbraten gehört genauso zur deutschen Selbstverständlichkeit wie übermäßiger Bierkonsum auf dem Oktoberfest. Und: ein echter Mann isst Fleisch. Eben deswegen sind ja allen voran die Konservativen (und viele Männer) so gegen den Veggie Day.

Ich will mich auch gar nicht von denen außnehmen, die anfangs skeptisch waren, fleischlos zu essen. Ich bin auch damit aufgewachsen, dass zu einem Mittag einfach Fleisch gehört. Und wenn es mal kein Fleisch zu Essen gab, dann kam aus dem männlichen Teil des Haushalts mindestens eine Nachfrage, eher aber ein Vorwurf. Wer seinen Gästen kein Fleisch servieren konnte, musste ganz arm dran sein- oder geizig. Meine fleischlose Rebellion habe ich auch nicht länger als ein Jahr ausgehalten, weil man einfach mehr oder weniger von allen dazu genötigt wurde, auch ein Stück Fleisch zu essen.

Der Umbruch kam dann erst, als ich von Daheim ausgezogen war und mich selbst versorgen musste. Und es ging so lange gut, bis ich mit dem Brüllmann zusammenzog und er -in männlich-traditioneller Manier- sein Stück Fleisch einforderte. Was für Überredungskunst, Zeit und Einfallsreichtum es mich kostete, ihn davon abzubringen, wird der eine oder andere hier vielleicht nachvollziehen können. Doch es funktioniert- und es schmeckt. Uns fehlt es an nichts. Nur weil ich fleischlos koche ist das doch nichts anderes oder besonderes. Im Gegentel kann man nun ein Stück Fleisch, wenn es sich denn einmal in meine Küche verirrt, viel mehr wertschätzen und genießen. Weiterer Bonus: seitdem wir uns umgestellt haben, achten wir viel mehr darauf, wie wir uns generell ernähren, weil wir aufmerksamer und bewusster im Umgang mit Essen sind, seit wir unsere eingefahrenen Gewohnheiten aufgegeben haben.

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So viel geschrieben und noch immer kein Fazit. *seufz*
Also: ich bin dagegen, dass man mit Gewalt einen Veggie Day einführt, einfach weil ich es irgendwie….hm…kindisch? arrogant? finde, jemandem zu sagen: ich entscheide jetzt für dich!

Ich bin aber eindeutig dafür, dass man etwas in den Kantinen ändert. Mein Vorschlag wäre: mehr vegane und vegetarische Alternativen bei guter Qualität UND bei der Variante mit Fleisch kein Billigfleisch zu verwenden, sondern qualitativ hochwertiges, das vernünftig als glückliches Tier gehalten wurde. Ja, das wird die Fleischportion teurer machen, aber genau das sollte auch so sein, denn die Billigfleischmentalität muss endlich aus den Köpfen verscheinden, da sowas wie Discounterfleisch NICHT NORMAL ist!

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Autor: nickel

Schmeckt wie Regenbogen. kopfbunt, verhaltensoriginell, warmherzig, ehrlich, verrückt, denkintensiv, pflegeleicht. Manchmal.

6 Kommentare zu „To eat or not to eat“

  1. Wenn diese lobbyindizierte und -unterstützte Subventioniererei im Landwirtschafts- und Lebensmittelbereich nicht wäre, würde sich das Ganze preisbedingt selbst regulieren. Sprich, Fleisch wäre teurer und Gemüse erschwinglicher. Da würden die Leute sich auch ganz anders ernähren.

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  2. Man sollte lieber die Tierhaltung kontrollieren anstatt den Menschen vorzuschreiben was sie essen sollen.
    Es geht doch nicht darum, dass man sich komplett fleischlos ernährt, sondern dass Tiere artgerecht gehalten und nicht gequält werfen. Das hat auch mit dem Preis zu tun, aber auch mit dem Verständnis für Tiere.
    Ein vegetarisches Gericht in der Kantine ist ja schön und gut. Besser wäre es auf die Fleischqualität zu achten. Das kann man nur schwerlich vorschreiben. Gute Lebensmittel kosten. Das gilt auch für Gemüse. Denn auch hier ist nicht alles koscher. So manches wird unter Menschen verachtenden Bedingungen geerntet oder die Ernte gleicht einem Massaker. (Schau dir mal die Vollernter an. die ernten nicht nur Kartoffeln sondern töten und verstümmeln auch massenhaft Tiere und das ist nur ein Beispiel.

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    1. Das auf jeden Fall! Das ist auch das erste, was mir in den Sinn kommt beim Thema Fleischessen. Ich hab ja auch geschrieben: so lange Tiere so gehalten werden wie jetzt, so lange ist Fleischkonsum in solchen Massen verantwortungslos. Ich denke, der Konsument muss sich da mit einbeziehen, denn Angebot und Nachfrage sind ja ein altes Paar, das sich gegenseitig stimuliert.
      Würden die Menschen mehr auf ihre Ernährung und deren Konsequenzen achten, dann bin ich mir sicher, würde sich so viel schon ganz automatisch regulieren. Nicht alles, klar. Aber wenn so viele Leute das Billigfleisch ausm Discounter kauft -was nunmal immer und ausnahmslos von solchen erbärmlichen Massenhaltungen stammt- dann wird es das auch immer geben.
      Und ja, auch mit dem Gemüse ist nicht alles koscher, aber das wär schon ein oder zwei eigene Beiträge wert. Hach, es gibt so viel zu tun. :/

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    2. „Ein vegetarisches Gericht in der Kantine ist ja schön und gut. Besser wäre es auf die Fleischqualität zu achten.“

      Ähem – nein. Aus Vegetariersicht finde ich auch die beste Fleischqualität nicht besser als ein vegetarisches Gericht. Beides ist wichtig. Ich will auch keine glücklichen Kühe, Schweine oder Hühner essen.

      Die wichtigste Frage aber ist: Wenn rd. 40.000.000 Deutsche jeden Tag ein Stück Fleisch auf dem Teller haben wollen (also ca. 50 %), wo soll das herkommen? Wie kann das ohne die industrielle Massentierhaltung funktionieren?

      Zumal man auch noch berücksichtigen muß, daß von den anderen 40.000.000 auch nur wenige komplett auf Fleisch verzichten und die meisten ebenfalls mehrmals die Woche Fleisch essen wollen.

      Eine Kuh liefert etwa 250 kg verwertbares Fleisch, von Steaks über Innereien bis zu solchem Fleisch, das nur noch für die Wurst reicht. Wieviele Portionen sind das? 2.500? Ein Schwein liefert nur knapp 100 kg verwertbares Fleisch, 1.000 Portionen.

      Wieviele Tiere müßten allein an einem Tag geschlachtet werden, um allein den 40.000.000 ihre 100 g-Portion zu verschaffen? 16.000 Kühe oder 40.000 Schweine…

      Sicher gibt es nicht nur Schweine- und Rindfleisch, aber ich bin auch kein Wissenschaftler, der daraus eine Examensarbeit machen will. Ich wollte nur aufzeigen, daß es ohne Massentierhaltung wohl nicht geht, wenn die Leute nicht zu dem zurückkehren, was vor dem großen Wirtschaftswunder normal war – nämlich daß der Sonntagsbraten etwas Besonderes ist, weil es eben höchstens ein-/zweimal die Woche Fleisch gibt.

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      1. Das sage ich auch: der Konsument muss sich selbst überdenken. Wo Nachfrage, da Angebot.
        Und wie auch schon im Artikel geschrieben: ich finde es nicht normal, jeden Tag Fleisch zu essen. Schade, dass viele das aber noch immer so sehen.

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