Digital Natives und Kinder im Internet

Oder: Kinder des Internets und mit Kindern im Internet.

Das Nuf hat einen sehr interessanten Artikel geschrieben und da mein Kommentar dazu meilenlang gewesen wäre, habe ich mir gedacht, schreibe ich eben einen ganzen Artikel als Antwort. 😉 (Leider ist auch der sehr lang geworden, ich hoffe, dass trotzdem jemand mitliest.)

Es ging darum, dass Louis C.K. gute Argumente gebracht hat, um seinen Kindern kein Smartphone zu erlauben. Zum einen wäre das in diesem Alter, in dem sie soziale Interaktionen erlernen -wie auch Kommunikationskompetenzen entwickeln- einfach fatal. Es fehlen direkte Rückmeldungen, wenn man geschriebene Konversationen führt.

Wenn ich jemanden etwa von Angesicht zu Angesicht beleidige, merke ich an seiner Reaktion, dass es nicht richtig war. Im Internet fehlt diese Reaktion. Ich sehe nicht, dass er verletzt oder wütend ist und lerne: aha, eine Beleidigung hat keine Konsequenzen.

Ein anderes Argument C.K.’s war, dass man dank Smartphone/Internet permanent jemanden um sich hat. Via WhatsApp kann ich jeden noch so kleinen Gedanken direkt weiterleiten; ich muss mich nicht langweilen, wenn ich allein daheim bin; ich muss mich nicht mit mir selber beschäftigen, ich bin nie allein, ich bin nie gelangweilt. Die ZEIT schrieb in einem Artikel vom Oktober letzten Jahres: „Kinder müssen sich langweilen, um kreativ zu werden

Ein Kind braucht das. Ein Kind muss filtern lernen, was es interessiert, was es fesselt, was wichtig für seine psychische Reifung ist.
In dem Artikel heißt es weiter: „»Einer der Gründe, warum viele Kinder und Jugendlichen nichts mit sich anzufangen wissen, ist paradoxerweise, dass sie sich noch nicht genug gelangweilt haben«, sagt Caldwell.“ Und ich glaube, das stimmt. Die kleine Schwester einer Freundin etwa, die war ebenfalls nie allein (hatte ja die große Schwester und wurde außerdem von den Eltern sehr verhätschelt) und ich sag euch eins: das Kind war nervig. Sorry, aber isso. Es mochte mich sehr gerne und ich mochte die Kleine auch gern, aber sie war schon sehr anstrengend. Immer musste jemand mit ihr spielen, nie konnte sie allein spielen. Und wenn man dann endlich mal was ausgesucht hatte, hieß es nach spätestens 5 Minuten: „Langweilig! Was anderes!“ Und nein, dieses Kind hatte wirklich keine Phantasie.

Und ich glaube, heute ist das durch die vielen medialen Spielereien und Zippereien ähnlich. Man muss gar nicht mehr kreativ sein. Alles, was das Herz begehrt, gibts doch im App-Store. Da werden ständig so viele neue Apps und Spiele rausgeschissen, dass man gar nicht mehr weiß, was man will…

Also, fassen wir zusammen(tl,dr): Smartphones behindern die Erlernung sozialer Interaktion, Kommunikationskompetenzen und Phantasie und Selbstreflexion. Stattdessen wird man permanent von anderen reflektiert oder reflektiert andere.

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Ich sehe das ähnlich. Man sollte seinem Kind genauso Grenzen mit Smartphone und Internet setzen, wie man das früher mit dem Fernseher gemacht hat. Ist natürlich ein schwacher Vergleich. Internet macht sehr viel süchtiger. Und was ganz deutlich immer wieder klar wird: Internet schafft eine psychische, eine emotionale Abhängigkeit. Man möchte viele Follower haben, viele Likes bekommen, viele Shares haben. Ich hab sogar schon erlebt, wie ein Jugendlicher dafür ausgelacht wurde, auf Facebook ja nur so wenige Freunde zu haben…
Man muss nicht wie wir damals den Klatsch der Stars halbwegs mitbekommen, nein. Man soll bitteschön auch noch jedes neue virale Video kennen, jedes neue Meme, jede Internetberühmtheit. Dazu noch Internetfails von Freunden und „Berühmtheiten“. Man soll nix verpassen. Bloß nicht. Einen Tag mal nicht aufgepasst und zack, hat man was Wichtiges nicht mitbekommen.

Das Argument mit der Kommunikation ist auch gut. Diejenigen, die 24/7 im Internet hängen, haben tatsächlich ein Kommunikationsdefizit. Andererseits gibt es auch eine eigene Internetsprache. Damit meine ich nicht nur die fürchterlichen Abkürzungen (kommts mir nur so vor, oder hat das zumindest im Deutschen wieder etwas abgenommen?), sondern so kleine Feinheiten wie die drei Punkte, Smileys und dergleichen. Internetkommunikation ist extrem kontingent. Meint der das jetzt so oder anders?

Ein Verbot wäre natürlich sinnlos. Das Verbotene reizt. Und Kinder bzw. Jugendliche heute müssen definitiv Kompetenzen entwickeln, um sich im Internet zurecht zu finden. Und zwar zusätzlich, zu den „normalen“ Kompetenzen dazu, also Kommunikation, Umgang usw.

Ich selbst gehöre laut Definition auch zu den Digital Natives. Meinen ersten Kontakt mit Internet hatte ich mit 14, glaub ich. Damals wurde das Internet noch minutenweise bezahlt- und das bei einem Modem! Aber so richtig wusste ich gar nicht, was ich da soll. Ich war in einem Chat, habe mir Songtexte ausgedruckt, aber das wars so ziemlich schon. Es gab keine Seiten wie Facebook oder 9gag, auf denen man den ganzen Tag herumlungern konnte – oder zumindest waren sie mir nicht bekannt. Wäre auch echt teuer gewesen und hätte viel Ärger mit Muttern gegeben. Und meinen Freunden erging es ähnlich. Wir trafen uns immernoch draußen statt im Web.

Danach war sehr lange nichts. Also internetmäßig. Ich habe mein Abi ganz ohne Internet gemacht. Es war härter als bei denen, die welches hatten. Auf jeden Fall. Aber ich habe trotzdem sehr gut abgeschnitten. Denn meine Infos habe ich aus meinen Notizen gewonnen oder eben aus Büchern. Heute kann ich mir das kaum noch vorstellen. Abi ohne Internet? Vergiss es!

Erst als ich von daheim auszog hatte ich plötzlich wieder welches. Und mir bot sich eine völlig neue Welt dar. Ich musste quasi nochmal bei Null anfangen, oder zumindest nicht weit darüber. Das Internet hatte sich in den Jahren meiner Abstinenz so krass verändert. Es war nicht nur schneller, es war auch viel viel viel größer. Und oh, all diese Informationen, die ich für mein Studium gebrauchen konnte! Doch halt, auch für die Freizeit! Hallelujah! Ein wahrlicher Segen, war ich doch ganz allein in der großen, neuen Stadt und ohne Mitbewohnerin, da meine in Hamburg arbeitete und nur alle paar Wochen mal vorbei schaute. Das Internet hat mich damals gerettet, glaub ich, sonst wäre ich elendig vereinsamt.

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Aber jetzt ist es ja schon wieder ganz anders, das Internet. Ich denke, wäre ich heute 14, wäre ich völlig überwältigt. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Und man kommt so leicht auf „verbotene“ Seiten. Leider. Klar, gabs früher auch, aber ehe sich da mal eine Pornoseite oder ein Pop-Up aufgeladen hatte, hat man es schnell weggeklickt. Heute, da wird man von allen Seiten beschallt mit allem Möglichen und Unmöglichen. Und auch das reizt.

Ich finde, wenn man nicht aufpasst, kann man im Internet schon einen gewissen Schaden erleiden. Es gibt wirklich unheimliche, abstoßende Inhalte da draußen! Und Jugendliche neigen nunmal häufig dazu, alles für bahre Münze zu nehmen, was ihnen da vorgesetzt wird. Dabei ist vieles doch sarkastisch oder soll durch seine Überzogenheit zum Nachdenken anregen oder ist einfach nur ein Troll oder oder oder…

Zurück aber zum Smartphone (das für mich einfach eng mit dem Thema Internet verbunden ist.) Wer kennt sie nicht, diese Zombies, die unaufhörlich auf ihre Handydisplays schauen und gar nicht zuhören? Die mit ihren Freunden am Tisch sitzen, ohne sich zu unterhalten? Auf dem Bestatterweblog gab es dazu einen tollen Artikel.

Und genau hier setzt auch das an, was Louis C.K. meinte: das behindert soziale Interaktionen! Wie soll man sie so lernen? Zumal ich persönlich sowas unglaublich unhöflich finde. Wenn sich jemand, der mit mir am Tisch sitzt, auch auf Bitte nicht vom Display lösen kann, ja dann lasse ich ihn sitzen. Und dann habe ich auch keine Lust, nochmal mit ihm an einem Tisch zusammen zu kommen.

Ein Gespräch besteht schließlich aus vielen Feinheiten in Mimik und Gestik. Wenn das einer nicht mitkriegt, dann kann er ja gar nicht einschätzen, wie ich etwas meine. Gleichzeitig reagiert er nicht mit Mimik und Gestik, was mir das Gefühl gibt, dass mir nicht (aktiv) zugehört wird. Und wenn ich nicht wichtig genug bin, um mir Aufmerksamkeit zu schenken, dann lass ich es eben bleiben. Diese Feinheiten muss man aber lernen. Das geht nicht im Internet. Das geht nicht über WhatsApp. Das geht nur im „Leben draußen.“

Nagut, so will ich denn mal langsam zu nem Fazit kommen.
Ich denke, man sollte Kinder und Jugendliche beschränken – sowohl im Internetzugriff allgemein als auch mit dem Smartphone. Das heißt auch, dass man hin und wieder kontrolliert, was sie da so treiben. Mancher mag jetzt einen Eingriff in die Privatsphäre daraus erkennen, aber der ist zum Schutz des Kindes hier einfach notwendig. Ich durfte auch im TV nicht alles gucken – und das war ganz gut so. Man muss mit so viel klarkommen als Heranwachsender, da sollten Internet und Smartphone wirklich hintenan stehen.

Ich denke auch, dass man dem Druck nicht nachgeben sollte, seinem 10-Jährigen ein Smartphone zu kaufen. Ich weiß nicht, was das beste Alter ist -und das ist sicher auch bei jedem unterschiedlich- aber 10 ist einfach noch zu früh. Auch 14 finde ich sehr früh. Wann nun, das muss natürlich jeder Elternteil selbst entscheiden.

Zudem sollte man die Angebote der Kindersicherung definitiv nutzen. Das geht von Seitensperrungen über begrenzte Surfzeiten bis hin zu Protokollen der Aktivität oder Zugriff über einen PC. Da kann man schon was machen, damit die Kinder keine Schindluder im Netz treiben. Außerdem halte ich internet- und smartphonefreie Zeiten für ein gutes Mittel. Gemeinsame Aktivitäten sollten anch wie vor einen gewissen Stellenwert in der Familie haben.

Aber am allerwichtigsten -und das auch bei dem noch so tollen Sicherungsprogramm- ist doch die Aufklärung! Gespräche über Internetverhalten und Internetgefahren sollten von vornherein dazu gehören. Wer das nicht kann, der kann sich Hilfe von internetaffinen Leuten suchen. Und wer das auch nicht gewährleisten kann, ja der sollte sich unbedingt selber mit der Materie vertraut machen. (Das aber eigentlich sowieso.)

Solange man sein Kind nicht 24/7 unbeobachtet und unbeachtet aller Gefahren im Internet und am Smartphone daddeln lässt, wird es sicher keinen fürchterlichen Schaden nehmen. Man sollte wie auch beim TV die Erziehung auf keinen Fall dem Internet überlassen. Man darf es aber auch nicht verteufeln. Es gehört nunmal zum heutigen Lebensstandard dazu (laut Gesetz ist es ja sogar ein einklagbares Recht) und wird es auch noch in 20 Jahren. Viele Berufe kommen ohne Internet gar nicht mehr aus. Man sollte seinem Kind nicht die Internetbildung verwähren. Man sollte es aber auch nicht darin versumpfen lassen.

Internet und Smartphone allein machen ein Kind nicht krank, genauso wenig wie es von „Ballerspielen“ zum Amokläufer wird. Das ist Bullshit. Entscheidend sind in beiden Fällen einzig und allein ein festes soziales Netz und ein bewusster Umgang mit dem Medium. Internet ist kein Teufelswerk. Internet ist auch kein Erzieher.

Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. (GG, Art. 6, 2)

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Wer es bis hier hin geschafft hat, kriegt ein Fleißbienchen ins Muttiheft.
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Autor: nickel

Schmeckt wie Regenbogen. kopfbunt, verhaltensoriginell, warmherzig, ehrlich, verrückt, denkintensiv, pflegeleicht. Manchmal.

9 Kommentare zu „Digital Natives und Kinder im Internet“

  1. Mensch nickel, das ist so ein interessanter und guter Beitrag, danke!

    Vieles ist mir so aus der Seele geschrieben.
    Das mit der Kommunikation der Kinder, Mimik, Reaktion usw., ist so interessant und richtig, wie C.K. das dargestellt hat.

    Und das mit der Langeweile…wie wahr!

    Vor allem nervt es mich auch so ungemein, wenn ich irgendwo bin, mit Freundinnen z.B.,, und jede 2. hat ihren Smartphone in der Hand und ist zugange damit, völlig unkonzentriert auf unsere Unterhaltung, unser Beisammensein, boah, wie mich das aufregt!
    Als ich letztens eine Freundin besuchte, sagte sie, dass ihr Sohnemann gerade Besuch von seinen Kumpels habe. Im Vorbeigehen, sah ich zufällig, wie alle Jungs da so saßen im Kinderzimmer, jeder war mit seinem Handy beschäftigt..und ich dachte mir, was für eine Kommunikation! „Connecting people“ ? Ja klar, mit der Außenwelt SCHON, aber mit dem Gegenüber immer weniger.. Echt traurig und gruselig manchmal.

    Ich sag ja immer, dass es eine Frage der richtigen und sinnvollen (oder harmlosen) Benutzung ist. Das ist genauso wie mit einem Feuerzeug. Man kann damit eine Kerze anzünden, den Gasherd anmachen, für’s Kochen oder den Kamin anzünden….man kann damit aber auch ein Haus in Brand stecken, einen Waldbrand hervorrufen usw.

    Oder einfach nur seinen eigenen Pups verbrennen:)

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    1. Na holla *rotwerd* dankeschön! Ohne Nuf wäre ich aber gar nicht so auf das Thema gekommen, oder zumindest nicht von dieser Sichtweise her.

      Connecting people- ja schon. Jeden Tag. Ich erreiche Menschen, die ich sonst nie erreichen würde. So wie hier. Aber die Peergroup eines Jugendlichen befindet sich ja eigentlich in seiner unmittelbaren Umgebung, in der Schule und/oder Nachbarschaft. Umso schlimmer finde ich Situationen wie die, die du beschreibst.

      (Übrigens kann Pupse anzünden auch nach hinten losgehen, wortwörtlich, und innere Verbrennungen hervorrufen. 😉 )

      Ich frag mich ja, wie das alles so bei den Generationen vorher ankommt. Also einmal das Internet an sich und dann noch der Umgang dieser Generation(en) damit. Sicher alles nicht so einfach.

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  2. Wo pack ich als Nicht-Mutti ohne Muttiheft nur mein Fleißbienchen hin?

    Ich habe das Glück, daß diejenigen meiner Freunde, die ein Smartphone haben, dieses auch ignorieren können. Es liegt dann z. B. im Restaurant auf dem Tisch (weil die Dinger so unpraktisch groß sind, daß sie nicht mehr in die Hosentasche passen), aber da liegt es dann auch unbeachtet, bis wir wieder aufbrechen.

    Vielleicht liegt es daran, daß wir einer Generation angehören, die noch völlig ohne diesen Krempel aufgewachsen sind. Ich war über dreißig, als ich mir mein erstes Handy holte, und mein aktuelles Handy ist inzwischen 10 Jahre alt. Ich muß nicht ständig ins Netz können.

    Hätte ich ein Kind, bekäme es sicherlich kein Smartphone. Ein Handy, ja, das ist ganz praktisch, vor allem, weil es heutzutage nur noch wenig Telefonzellen gibt. Ein Smartphone könnte es sich aber selbst kaufen, wenn es alt genug dafür ist (sprich, voll geschäftsfähig).

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    1. DIe Idee hatte ich auch: Handy ja, Smartphone nein. Ich meine, ich habe auch kein Kind und kann deswegen nicht ganz 100% wissen, was ich machen würde. Und vllt wäre der Druck von außen bis dahin auch so groß, dass es unbedingt ein Smartphone haben müsste. Oder bis dahin gibts schon wieder was anderes und Smartphones sind total out.

      Man muss das schon sehen, wie man entscheidet, wenn man in der Materie drin steckt. Aber von meinem jetzigen Standpunkt aus wäre ich auch gegen Smartphone für Jugendliche.

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      1. Näää – selbst habe ich keins, aber (m)einem Kind sollte ich ein Smartphone kaufen? Ich glaub‘ nicht, daß ich das täte….Aber Du hast natürlich recht, wer weiß, wie es in der konkreten Situation wirklich wäre. Ich sage heute auch: nein, niemals Rosa, egal ob zartrosa, altrosa oder neonpink. Möglich, daß eine trotzige Vierjährige mich umstimmen könnte. Und ich dann nur noch mit Sonnenbrille rumliefe.

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