Vorstellungsrunde (2)

Am Freitag in der Frühe machte ich mich zu meinem zweiten Vorstellungsgespräch auf. Herr C. hatte mir schon gesagt, dass ich zwei Stunden einplanen solle, da es erst eine Firmenpräsentation und dann die Bewerbungsrunde gäbe. So ließ ich mich von meinem Freund R. hinfahren, wobei wir knapp eine Stunde unterwegs waren und hoffte, nach dem Gespräch gut wieder zurück zu kommen.

Ich sollte vielleicht vorweg nehmen: in meiner Recherche stellte sich irgendwann heraus, dass es sich hier um ein Call Center handeln musste, was weder in der Bewerbungsanzeige noch auf der Internetpräsenz klar gesagt wurde. Ich hatte mich also schon von vorn herein gegen diese Ausbildung entschieden, wollte das Bewerbungsgespräch aber als eine Art Training mitnehmen.

Als ich dort eintraf, war ich erstmal ernüchtert. Plattenbau, uncharmant, hässlich. Die moderne Inneneinrichtung konnte diesen faden Beigeschmack nicht wettmachen, zumal selbst diese ihre besten Zeiten schon hinter sich hatte.

Neben mir waren noch 3 weitere Bewerberinnen da; zwei von ihnen gehen noch zur Schule, die dritte war auch ein wenig jünger als ich, hatte aber schon mehr Erfahrung als die anderen beiden. Wir wurden in einen kleinen Besprechungsraum geleitet, der wie alle anderen Räume wahnsinnig gesichert war: Chips, Pin-Zahlen… Kann ich nachvollziehen, macht bei dünnen Pappwänden aber wenig Sinn. Naja.

Die „Firmenpräsentation“ war einfach nur der Interviewer, der uns ein wenig von der Firma und von den Ausbildungen erzählte. Interessant war, wie er schon hier die typischen Floskeln herunterrasselte, die gut klingen, aber was anderes heißen.

– „Die Bezahlung ist angemessen“ – zumindest für uns, schließlich seid ihr ja nur Azubis und Azubis wohnen bei Mama und brauchen kein Geld. (Die Bezahlung war tatsächlich unterirdisch! Als er das Gehalt nannte, hätte ich am liebsten schallend gelacht.)

– „Die Arbeitszeiten sind Montag bis Sonntag von 07.00 bis 23.00 Uhr, wobei wir bemüht sind, unsere Azubis nicht so lange dazubehalten“ – ernsthaft bemühen wir uns nicht wirklich. Wer lernen will, muss leiden.

– „Es kann auch mal vorkommen, dass Sie am Wochenende arbeiten müssen, aber das geschieht nur alle zwei Monate mal an einem Wochenende“ – zumindest anfangs. Wir werden öfter versuchen, euch am Wochenende ranzuholen und wenn ihr einmal zugesagt habt, kommt ihr da nicht mehr raus und seid alle zwei Wochenenden hier. Euer Privatleben gehört UNS!

– „Überstunden werden vorausgesetzt…“ Ihr seht dafür keinen müden Cent.

– „…aber in einem guten Team ist das kein Problem.“ Wir sind uns nicht zu schade, solche ollen Personalerkamellen anzuwenden und den Einzelnen mit dem Kollektiv zu bedrängen.

 


 

Er zählte ein paar Aufgaben der Ausbildung auf. Wohl gemerkt hatte ich mich als Kauffrau für Büromanagement beworben, was ein neuer Beruf ist, bei dem es viel um Organisation von Arbeitsabläufen geht, aber auch buchhalterische Tätigkeiten, Einkauf und Logistik, Haushaltsplanung, Arbeitsverträge vorbereiten (also Rechtskram) etc pp.

Die Aufgaben dort waren unter anderem: Motivationsplakate für die Mitarbeiter gestalten und aufhängen, die Mitarbeiter kontrollieren und motivieren… Mädchen für alles. Aber irgendwie nicht so richtig für das, was zum Beruf gehört, fand ich.

Die Übernahmechancen sind zwar recht gut, aber da übernommen werden würde ich auch nicht wollen.

Wir bekamen einen schriftlichen Test und Herr C. ließ uns damit für 30 Minuten allein. Die Fragen waren so larifari, dass ich sie schon als beleidigend empfand. (Wie heißt das gesuchte Wort? PFTO; Welches Rechenzeichen ist richtig? 10 [ ] 14=24; Was sind 30% von 1000?)

Danach wurden wir alle einzeln zu einem kurzen Gespräch mitgenommen und konnten danach gehen. Ich war als letzte dran und konnte mich somit noch mit den anderen unterhalten. Ich war mit meinem Eindruck nicht alleine, dass das kein erstrebenswerter Ausbildungsplatz sei.

Schließlich holte Herr C. auch mich ab. Seine Frage nach meinem Empfinden fand ich ja noch nett. Aber der Rest war entweder wenig aussagend (Wo haben Sie sich noch beworben?) oder einfach völlig daneben. „Warum sollten wir Sie NICHT einstellen?“ Ernsthaft? Was ist das für eine scheiß Frage? Warum sollte ich danach noch bei euch eingestellt werden wollen? Dämliche Psychospielchen, die wie ich finde nicht dazu beitragen, dass man sich kennenlernt, was ja aber eigentlich der Grund ist, warum man ein Vorstellungsgespräch hält. Oder liege ich da falsch?

Ich versuchte, wenigstens theoretisch positive Eindrücke wiederzugeben, auch wenn mir das echt schwer fiel. Dementsprechend redete ich nicht aus dem Herzen, sondern aus dem Kopf. Herr C. sagte dazu: „Sie sind so analytisch!“ Wenn er meint.

Naja. Alles in allem: Fail. Ich will dort auf keinen Fall hin. Die Bezahlung ist grottig, die Rahmenbedingungen schlecht, die Aufgaben bescheuert. Selbst überhaupt dorthin zu kommen ist grauenvoll. Vom Standort bis zum Hauptbahnhof brauchte ich sage und schreibe anderthalb Stunden, weil die Verbindungen dort hin so bescheiden sind. Und dann brauche ich ja noch etwas über anderthalb Stunden, um vom Bahnhof bis nach Hause zu gelangen. Macht sage und schreibe 3 Stunden…

Ich sehe es als Erfahrung. Ich habe gelernt, was ich NICHT möchte. Und auch, dass man teuflisch aufpassen muss, wenn etwas (wie diese Stelle) mit vielen Fremdwörtern umschrieben wird. Denn dann ist meistens etwas faul an der Sache.

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Autor: nickel

Schmeckt wie Regenbogen. kopfbunt, verhaltensoriginell, warmherzig, ehrlich, verrückt, denkintensiv, pflegeleicht. Manchmal.

12 Kommentare zu „Vorstellungsrunde (2)“

  1. Als ich noch arbeiten wollte und musste, habe ich solche Erfahrungen vielfach gemacht. – Manchmal hätte ich am liebsten gefragt: „Soll ich mein Gehalt nicht gleich selbst bezahlen, damit sie nicht solche Umstände damit haben?“

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    1. Schon Wahnsinn, was manche Unternehmen für Vorstellungen haben, nicht? Und dann wundern sie sich, warum sie einerseits so einen großen Arbeiterverschleiß haben und andererseits so schlechte Bilanzen.

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  2. Voll gut geschrieben, ich hab‘ mich richtig gegruselt. Und mir so dunkle Räume vorgestellt, mit flackerndem Neonlicht. Keine Fenster. Kaffeeflecken auf dem mit Teppich ausgelegtem Boden. Uuuaaahhh. Die Fragen sind auch echt herb. „Wo haben sie sich noch beworben?“ Hä? Auf die andere Frage hättest du antworten können: „Weil ich sie sonst wahrscheinlich heimlich vergiften würde.“ Oder so. 😀

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    1. Hab’s schon vergessen. Wollte es nur auch euch erzählen.
      Ich konzentriere mich auf die guten Dinge -wozu auch eine Aussicht auf einen sehr guten AUsbildungsplatz gehört. Wäre ja Geilomatensalat. Also wenn das klappt.

      Hab du auch nen guten Wochenstart!

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    1. Ja, habe mich auch gewundert, sowas direkt mal live zu erleben. War schon ein komisches Gefühl. Ich bin mir vorgekommen wie in einem schlechten Film und habe mich umgesehen, ob nicht doch irgendwo eine versteckte Kamera ist und gleich jemand aus einem Versteck heraushüpft und ruft „Erwischt! Wir wollten euch nur mal testen! Jetzt geht’s ins richtige Gebäude!“

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    1. Danke!
      Nein, sie haben gesagt, dass sie in zwei Wochen ausgewählt haben und sich dann nochmal melden.

      Überlege noch, ob ich vorher eine Absage schreibe. Schließlich will ich da wirklich nicht hin. Da wäre ich lieber arbeits- bzw. ausbildungslos.

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  3. Vielleicht bekommst du ja auch eine Absage, weil sie gemerkt haben, dass du angep… bist.
    Falls du eine Absage bekommst kannst du auch noch nachfragen warum sie dir abgesagt haben, das kann auch eine nützliche Information sein.
    Absagen kannst du immernoch, wenn sie dir zusagen. Da läuft dir nichts weg;-)

    Nur mein Rat, aber du musst antürlich selbst wissen was du tust.

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    1. Hm, da hast du Recht. Andererseits hab ich mir so wirklich gar keine Mühe gegeben beim Einzelgespräch. Und wenn es nen anderen Grund hatte als das, ist mir das sogar ziemlich egal. Entweder kommt man mit meinem Lebenslauf klar oder eben nicht.

      Boh, klingt das trotzig. War gar nicht so gemeint. 😀

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