5. Türchen

Wenn der Vater besoffen unterm Christbaum liegt.

Er schlich in Richtung Wohnzimmer. Schlich. Andere Kinder wären in die Gute Stube gestürmt, um mit der Familie, einem strahlenden Tannebaum und viel Harmonie Weihnachten zu feiern.

Weihnachten. Das Fest der Liebe. Ha. Ha. Ha.

Zwar war er erst zehn, doch Illusionen über den Ablauf des heutigen Abends machte er sich keine mehr. Sie würden essen, der Vater würde trinken. Nicht die erste Flasche. Und wenn anderswo Bescherung war, würde es hier eine schöne Bescherung geben. Alle Jahre wieder. Irgendwann würden die Eltern streiten und dabei die Wörter benutzen, die man Kindern eigentlich verbietet. Anständigen Kindern aus anständigen Familien.

Der Vater würde irgendwann die Mutter verprügeln, und solange er damit beschäftigt war, war Gelegenheit zu flüchten. So viel hatte er gelernt. Sonst bekam er auch seinen Teil. Deshalb würde er sich auf dem Klo einschließen, darauf warten, daß der Vater mit der Mutter fertig war und ihn suchte. An die Tür hämmern würde er, sich dagegen werfen, aber die Tür hatte bisher immer gehalten. Irgendwann spät in der Nacht würde es still werden, der Vater irgendwo vom Schnaps betäubt herumliegend schlafen und er selbst zur Mutter gehen, die heulend auf dem Sofa zusammengekauert liegen würde, übel zugerichtet und den größten Teil der Kleidung in Fetzen vom Körper gerissen bekommen habend, und sie trösten müssen.
Das war Weihnachten. Alle Jahre wieder.

So setzte er sich zu seinen Eltern an den Tisch, während der Vater trank. Doppelkorn. Große Flasche. Gelegentlich mußte der Junge ihn im Supermarkt holen, und zwar viel, viel, viel davon. Auch wenn man ihm das Zeug nicht hätte aushändigen dürfen, war das kein Problem. Alle wußten, es war für seinen Vater.

Er hätte gerne zu ihm aufgeschaut wie andere Kinder, doch dies hatte sein Vater ihm ausgeprügelt. Er roch nach Alkohol, Zigaretten und viel Schweiß.Und war ganz gelb im Gesicht und hatte einen Kugelbauch. Der Tannebaum, vielmehr, die struppige Karikatur einer Tanne, war immerhin irgendwie geschmückt.

Eigentlich hätte sie auch Schnapsflaschen dranhängen können…

Irgendwann war es soweit. Der Vater fing Streit an. Stand auf. Brüllte.
Doch dann hörte er plötzlich auf. Würgte. Wurde blaß. Ging in die Knie, stürzte.

Er schaffte es dann bis auf alle viere, während die Mutter das Telefon suchte, um den Notarzt zu rufen. Der Junge stand bei seinem Vater, als er gurgelnd weiterwürgte. Da kam Blut. Viel Blut. Eine große Lache breitete sich am Boden aus. Die Mutter hatte das Telefon gefunden, doch als der Notatzt eintraf, lag der Vater schon tot in einer Lache Blut unterm Christbaum. Der Junge stand daneben.

(Dies ist eine Geschichte. Ich habe sie nicht selbst erlebt. Sie soll Kontrast bieten zur vermeintlich heilen Welt. Anlaß war ein Freund, der vergleichbares hinter sich hat)

Ulf

8 Kommentare zu „5. Türchen

  1. Nicht zur Veröffentlichung:
    Ich bräuchte dringend mal Deine EMail Adresse, liebe Nickel, damit ich Dir meinen Beitrag für den Kalender senden kann.
    Liebe Grüße von Felina, die ziemlich fleißig war 😉

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  2. OmG!

    Was für eine schreckliche Geschichte…

    Aber bei dem ganzen Friede-Freude Eierkuchen, der derzeit herrscht, sollte man wirklich immer daran denken, dass nicht überall heile Welt herrscht.

    Fürchterlich!
    Ganz fürchterlich!

    Aber irgendwie geht es gut aus, auch wenn es eigentlich ein schreckliches Ende ist, so ist die Tortur für das Kind und die Mutter zu ende…

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    1. Ja, genau das dachte ich auch. Sowohl den ersten als auch den zweiten Teil. Ich persönlich kenne eine Frau, die genau so einen Kerl daheim hatte. Das Kind ließ er in Ruhe, aber sie eben nicht. Sein Tod war das beste, was der Familie passieren konnte. Klingt makaber, ist aber genau so und nicht anders.

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