10. Türchen

Wie die Weihnachtsbräuche in unserer Familie entstanden

Es war Anfang Dezember. Wir hatten im Mai geheiratet und waren im Juli in eine andere Stadt und in unsere erste gemeinsame Wohnung gezogen. Wir statteten die Wohnung mit gebrauchten Möbeln aus und kauften nur wenige Stücke neu. Darunter auch das apfelgrüne Sofa, auf dem wir gerade saßen. Draußen fiel Schnee, drinnen gab es zum Kakao die ersten Weihnachtsplätzchen des Jahres bei Kerzenschein. Ich schaute dem Flockentanz vor dem Fenster zu, und dabei fiel mir eine wichtige Frage ein. „Was machen wir eigentlich zu Weihnachten?“ Mein fast noch frisch gebackener Ehemann schaute mich fragend an. „Fahren wir zu Deinen oder zu meinen Eltern?“

Nun muss man wissen, dass unsere Eltern räumlich nur 20 km trennten. Wem geben wir am Heiligabend den Vorzug? Zu wem gehen wir am ersten Weihnachtstag, zu wem am zweiten? Wie legen wir die Reihenfolge fest, ohne jemanden zu beleidigen? Bei wem übernachten wir? Schwierige Fragen. Wir einigten uns darauf, Heiligabend zu Hause zu bleiben (und fuhren am ersten Weihnachtstag zu meinen Eltern, am zweiten zu seinen Eltern. Im Jahr darauf machten wir es umgekehrt.). Diese Entscheidung zog weitere Fragen sowie einige Neuanschaffungen nach sich.

Zunächst klärten wir unser „Festessen“. In meiner Familie gab es am Heiligen Abend immer Heringssalat, von meiner Oma höchstpersönlich in zwei Farben hergestellt. Der rote enthielt Rote Beete, die mein Vater nicht mochte und es deshalb auch weißen geben musste. Ich mochte keinen von beiden, deshalb bekam ich ein Wiener Würstchen. Die gab es auch immer bei meinen Schwiegereltern, und zwar klassisch mit Kartoffelsalat. Wir waren der Meinung, dass es in unserer Ehe eine neue Tradition geben sollte und entschieden uns für Spaghetti Bolognese (die es seither immer bei uns am Heiligen Abend gibt). Weiterhin machten wir uns über einen Weihnachtsbaum Gedanken. Wenn wir schon zu Hause blieben, wollten wir wollte ich auch einen eigenen Baum. Also kauften wir am nächsten Tag einen Weihnachtsbaumständer, silberne Kugeln, Lametta und Kerzen. In der Zeitung lasen wir zufällig, dass im nahen Wald Bäume zum Selbstschlagen angeboten werden. Das entsprach sehr den Vorstellungen meines Ehemannes und wir zogen also, bewaffnet mit einer Axt (neu), am Wochenende vor Weihnachten los.

Ich durfte den Baum aussuchen und fand ein wunderschönes Bäumchen, gerade und gleichmäßig gewachsen. Der Chef setzte also die Axt ein, und ein Waldarbeiter sah ihm dabei zu. Als die Fichte umfiel, entpuppte sie sich als eine von drei dicht zusammengewachsenen und hatte deshalb keine Rückseite. Unter den Augen des Waldarbeiters wollten wir aber keinen neuen Baum schlagen, also nahmen wir das Ding mit. Es wurde am 24. in unserem Wohnzimmer in einer Ecke auf einem Hocker aufgestellt und liebevoll geschmückt. Später saßen wir auf unserem grünen Sofa, aßen Spaghetti Bolognese und hörten dazu Schallplatten mit Weihnachtsliedern. Beim Abräumen passierte es dann.

Der Chef ging am Baum vorbei, als dieser plötzlich durch die fehlende Rückseite Übergewicht nach Vorne bekam und, da nicht angebunden, den Chef „ansprang“. Baum, Kugeln, Lametta und Chef gingen zu Boden. Zu „Lasst uns froh und munter sein“ half ich nach dem ersten Schreck meinem Mann unter dem Baum heraus und musste sehr lachen, als er mich, mit Lametta über den Ohren, nicht gerade freundlich ansah. Wir beseitigten gemeinsam die Bescherung – danach gab es dann die Geschenke. An diesem Abend wurden noch zwei neue Regeln aufgestellt: Weihnachtsbäume werden immer angebunden, und ich darf nie wieder den Baum aussuchen.

chat noir

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Autor: nickel

Schmeckt wie Regenbogen. kopfbunt, verhaltensoriginell, warmherzig, ehrlich, verrückt, denkintensiv, pflegeleicht. Manchmal.

1 Kommentar zu „10. Türchen“

  1. So hat jeder seine Weihnachtstraditionen, liebste Katzenschwester… Als meine Kinder noch Zuhause wohnten, hatten wir auch jedes Jahr einen Weihnachtsbaum und der bekam immer den Namen eines Schauspielers oder Filmcharakters… Einmal hatten wir z.B. ein ziemlich kleines, aber eher umfangreiches Bäumchen, daß Danny de Vito hieß 😉
    Aber egal, wie schön der Baum, den wir ausgesucht hatten auch war, nach ein paar Tage fiel uns immer auf, daß er an irgendeiner Stelle doch nicht ganz gerade war. Und seitdem ist das Erste, was wir beim Anblick eines geschmückten Tannenbaums sagen grundsätzlich: „Der Baum ist schief!“
    Das ist bei uns so Tradition…
    Liebe Grüße von Felina, bei der nicht nur die Weihnachtstraditionen etwas verrückt sind 😉

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