Mein Erlebnis bei der Tafel

Jeder kennt sie, aber sie wird kaum erwähnt: die Tafel. Laut eigener Homepage zählen etwa 900 Vereine deutschlandweit zu den Tafeln; der Bundesverband Deutsche Tafeln e.V. ist Dachverband und vertritt die Vereine gegenüber Politik, Medien und Gesellschaft.

Etwa 1,5 Millionen Menschen nutzen die Tafel wöchentlich, rund 1/3 davon sind Kinder und Jugendliche. An diesem Tag war ich eine der Nutzerinnen.

Mir war es möglich, einmal mitzuerleben, wie es den Tafelnutzern ergeht, wie das funktioniert und vor allem: was einem durch den Kopf geht. Als Krankheitsvertretung für einen mir bekannten Tafelnutzer konnte ich es selbst erfahren.

Vorweg die Rahmenbedingungen. Die Tafel kann nutzen, wer einen Antrag darauf stellt, dessen Einkommen den Hartz IV – Regelsatz nicht deutlich überschreiten. Bei Bestätigung erhält man eine persönliche Berechtigungskarte, die man dann jede Woche bei der Tafel vorzeigt.

Mit dieser Tafelkarte und einer einmaligen Berechtigung (eine Sonderregelung im Krankheitsfall) sitze ich in einem kleinen Raum und warte. Das heutige örtliche Tafelgebäude war einst eine Schule oder ähnliches. Der Warteraum gleicht einer Umkleide; auch die Bänke erinnern stark an Schulsportumkleiden. Einige abgesessene Stühle sind ebenfalls im Raum aufgestellt. Das Geld ist knapp, für Polster ist keins übrig.

Mir wurde empfohlen, rechtzeitig da zu sein, am besten eine halbe Stunde vor Termin. Diese Uhrzeit ist verbindlich, das ist nicht wie Einkaufen, wo man eben jetzt geht oder erst in einer Stunde. Die Menschen eines Bezirkes werden in Runden aufgeteilt und bestimmten Wochentagen und Uhrzeiten zugeordnet. Abgabe erfolgt zweimal täglich, jeweils vorher platzieren die Mitarbeiter die Waren in drei Stationen: Obst/ Gemüse, Backwaren, Trocken- und Kühlprodukte.

Ich sitze also in diesem kleinen Raum mit rund 30 anderen Menschen und warte. Es werden verschiedene Sprachen gesprochen. Ich schaue die Leute an. Alle Altersklassen sind vertreten. Da ist die Anfang 30-Jährige mit ihrem Sohn, die sich angeregt mit einer älteren Dame auf Russisch unterhält. Neben mir ein etwa Gleichaltriger, der etwas auf Türkisch in sein Telefon erzählt. Weiter vorn zwei Omis, die über das Wetter oder ihre Gebrechen oder etwas ähnliches schimpfen; ich kann sie schlecht verstehen, naja vermutlich will ich es auch gar nicht.

So unterschiedlich sie sind, diese Mitwartenden, alle haben etwas gemein: sie haben kaum Geld zum Leben. Man sieht es ihnen an. Einige tragen Jogginghose und Schlabberpulli, andere ausgebleichte Hemden und der eine oder andere hat es bereits ganz aufgegeben, sich in irgend einer Weise zu pflegen.

Mir ist mulmig. Ich bin eingeschüchtert. Ich frage mich, wie sie das machen, so mit Kind und Kegel und nur dem Nötigsten. In einem Land, das sonst strotzt vor Reichtum, mit Krediten lockt und super tolle Ratenzahlungen für die neueste Elektronik für jedermann erschwinglich erscheinen lässt. In einer Stadt, in der die Mieten so hoch und die Löhne oft so niedrig sind, dass man sein ganzes Einkommen beim Vermieter abgibt. Gefühlt.

Hier, genau hier, ist diese Armut, die verschwiegen wird, wenn man vom Wirtschaftsboom und der Marktmacht Deutschlands spricht. Hier ist die sogenannte Unterschicht, der eine Teil der Arm-Reich-Schere, die ungemütliche Seite der Medaille.

Es lässt sich nicht schön reden. Sie sitzen hier, weil sie so wenig Geld haben, oft trotz Arbeit, dass sie ohne die Lebensmittelspenden verschiedener Unternehmen eben hungern müssten.

Eine Mitarbeiterin kommt mit einer Schüssel mit Papierschnipseln in den Raum und geht reihum. Ich ziehe einen. 23. Ich bin die 23. Person, die an die Reihe kommt und Essen mitnehmen darf. 22 andere vor mir. Die letzte Zahl, 35 oder 37, bekommt die Mutter mit ihrem Sohn. Sie sieht unglücklich aus. Ich habe unaussprechliches Mitleid mit ihr, würde ihr am liebsten meine Nummer geben. Doch ich bin hier ja nicht für mich. Ich bringe meinem Bekannten das Essen, das er sich für diese Woche einteilen soll. Hier gibt es kein Mitleid und keine Gerechtigkeit. Mal ist man eben der Erste und mal der Letzte.

Ich stelle mich an die 23. Stelle in der Warteschlange. Nacheinander werden wir durch die Tür geschleust. Erster Halt ist die Kasse, bei der man erneut seinen Berechtigungsschein vorzeigt und für 2,50€ drei Essensmarken bekommt: Grün für Obst und Gemüse, Rot für Trocken- und Kühlprodukte, Blau für Backwaren.

Der Weg ist vorgegeben und beginnt bei Obst und Gemüse. Ich stehe an der Station mit meinen hundert Beuteln und Tütchen, die ich mir mitgenommen habe, gebe meine grüne Marke ab und sage an, was ich haben möchte und was nicht. Die Mitarbeiterin ist freundlich und lächelt, nimmt zwei Tüten und füllt sie voll. Gar nicht mal so wenig, freue ich mich. Gut, ein paar Tomaten waren schon zerquetscht und die Bananen hatten schon braune Stellen. Aber durchaus essbar und nicht so unreif wie der Kram im Laden. Positiv denken!

An der nächsten Station gebe ich die rote Marke ab und bekomme Joghurts, Sahne, Quark, Tiefkühlpizza und Pizzabaguettes, sogar ein bisschen Süßkram. Meine Taschen füllen sich, doch ich muss ja noch an die dritte Station. Da ich keinen Überblick über die zweite Station habe, entgehen mir ein, zwei Sachen, die mein Bekannter gern gehabt hätte und ich werde von den nach mir kommenden Tafelnutzern weiter geschoben. Fühle mich bedrängt, aber gut, ich muss wohl aufgeben und weiter ziehen.

An der letzten Station gebe ich auch die blaue Marke noch ab und erhalte dafür dutzende Brötchen, ein wenig Brot, Baguettes und Quarktaschen. Meine Taschen quillen über, ich kann kaum alles tragen, zum Glück kam ich nicht allein hier her (dieser Gedanke überkam mich im Warteraum bereits.)

Vor dem Ausgang stehen noch ein paar Tische mit Spielzeug für wenig Geld. Ich lasse mich nicht beirren, mein Gepäck reicht ja aus, und trete den Weg zum Bekannten an.

Er ist dankbar, räumt die Lebensmittel ein und sortiert aus. Ein, zwei Gemüsestückchen waren doch schon faul. „Passiert“, sagt er. „Man weiß ja nicht, wie lange das schon in irgend einem Laden lag und die Tafeln haben oft nicht die Möglichkeiten, um Lebensmittel gut zu lagern.“

Die Brötchen seien jetzt schon mindestens 3 Tage alt, aber wenn man sie ein wenig anfeuchtet und nochmal kurz in den Ofen schiebt, schmecken sie wie frisch gebacken. Die Pizza muss er in den nächsten 1 oder 2 Tagen essen, denn die bekommt man ja immer schon aufgetaut. Und der Joghurt ist zwar schon etwas über dem MHD, schmeckt aber noch genauso gut.

Wir unterhalten uns noch ein wenig. Er sieht mir an, dass ich etwas beklemmt bin. „Es ist am Anfang nicht leicht, dort zu sitzen und zu warten. Die Zeit vergeht nicht, weil man sich unwohl fühlt. Aber da dort immer die gleichen Leute sitzen, kennt man nach einer Weile doch jemanden und hat einen Gesprächspartner. Ab da ist der ganze Gang zur Tafel etwas normales, wie ein Einkaufsbummel, nur eben einer nach dem anderen und man weiß nie so recht, was man bekommt, erahnt es aber irgendwann. Im Winter gibt es mehr Kohl, im Sommer auch mal Erdbeeren und Melonen und zu Weihnachten manchmal sogar Schokolade.“

Ob er denn viel bekommt bei der Tafel und ihm das für eine Woche reicht, will ich wissen.

„Man weiß es nie vorher. Mal gibt es viel und in einer anderen Woche reicht es kaum für 2 oder 3 Tage. Zukaufen muss man immer, aber bei der Tafel spart man schon sehr viel Geld. Und oft gibt es sogar Bio!“

Manchmal gäbe es gar exotisches Obst, das er noch nie gesehen hat. Er reicht mir eine avocadoähnliche Frucht, die ich tatsächlich nicht kenne. Ich darf sie behalten.

Er erzählt mir auch ein paar unangenehme Dinge. Die Mitarbeiterinnen der Tafel arbeiten größtenteils ehrenamtlich und der Großteil bekommt selbst Essen von der Tafel. Um Ärger und Gerüchten von Vorzug vorzubeugen, bekommen sie weniger als die „normalen“ Tafelnutzer. Wer verzapft so einen Mist?

Das Essen, das nach den Ausgaben übrig bleibt, wird weggeschmissen. Die Container sind abgeschlossen. Ich kann zwar verstehen, dass man nicht unendlich viele Lebensmittel lagern kann. Aber es so zu entsorgen sprach für mich bisher eigentlich gegen die Philosophie der Tafel.

Einmal, da gab es einen regelrechten Gemüsenotstand. Ein Gemüsemarkt stellte seine Spenden ein, da er seinen Überschuss lieber an eine Schweinemästerei verkaufte. Nur durch gute Vereinsarbeit konnte ein neuer Gemüselieferant geworben werden.

Fällt übrigens ein Feiertag auf den Wochentag, dem man zugeordnet ist, hat man leider Pech gehabt und bekommt nichts.
Die Regeln sind da streng und eindeutig. Wenn man zum Beispiel 2 mal gefehlt hat, ohne sich abzumelden, hat man Pech gehabt und bekommt die Tafelkarte vielleicht sogar entzogen. Dann muss man die Anträge neu stellen und muss in der Zeit selbst über die Runden kommen.

Mein eigenes Erlebnis bei der Tafel war nach diesem Tag beendet. Ich ging nach Hause, aß die exotische Frucht, die wohl eine Artverwandte der Avocado sein musste und zog mein Résumé. Es ist beklemmend und beschämend, eine Nummer zu ziehen um festzustellen, wer in dieser Woche mehr bekommt und wer weniger, wer sich schöne Dinge herauspicken kann und wer Pech gehabt hat. Es ist unangenehm, durch einen Raum geschoben zu werden und nicht zu wissen, was man bekommen wird und wie viel man später nachkaufen muss.  Andererseits ist man dankbar, diese Unterstützung zu bekommen, viel Geld zu sparen (immerhin annähernd ein Wocheneinkauf) und Hilfe zu haben. Das ist aber nur die Sicht des Einzelnen.

Gesellschaftlich betrachtet ist es unfassbar, dass es so etwas gibt und geben muss. Zumal es nüchtern betrachtet nutzlos ist. Eine Zwischenlösung, bestenfalls. Es schafft kurzfristig Linderung. Aber ein Symptom zu behandeln heilt die Ursache nicht.

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Autor: nickel

Schmeckt wie Regenbogen. kopfbunt, verhaltensoriginell, warmherzig, ehrlich, verrückt, denkintensiv, pflegeleicht. Manchmal.

4 Kommentare zu „Mein Erlebnis bei der Tafel“

  1. Ich bin bezüglich der Tafeln immer zwiegespalten. Einerseits ginge es etlichen ohne diese noch schlechter, und sie müssten wriklich manchmal Hunger leiden, andererseits ist es nur eine weitere Gelegenheit, neben Jobcentern, Sozialämtern und einigen anderen, bei der arme Menschen noch einmal unter entwürdigenden Bedingungen als Bittsteller auftreten müssen.
    Menschen ihre Würde zu nehmen ist fast noch schlimmer als ihnen auch einen bescheidenen Wohlstand vorzuenthalten, den viele von denen ohne eigene Schuld nicht erreichen konnten, nichts desto trotz aber verdient hätten, mehr vielleicht als manche von denjenigen, die über die Bedingungen entscheiden, unter denen die Armen existieren müssen.
    Und weil die Bedingungen teilweise entwürdigend sind, nehmen wohl viele das Angebot nicht wahr, auch wenn sie es eigentlich bitter nötig hätten.

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  2. Ich gehe ja auch zur Tafel, allerdings beomme ich hier immer alles vorsortiert und kann höchstens etwas nicht annehmen, was ich nicht brauche. Aber es stimmt, es ist viel Bio-Ware dabei …

    Was hier im Ort auch nicht (mehr) stimmt, ist die Organisation des Ablaufs – die geht völlig an den Bedürfnissen von uns sogenannten „Kunden“ vorbei

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  3. Danke das du dein ganz persönliches Empfinden geteilt hast. Ich finde es großartig das Menschen durch eine solche Einrichtung geholfen wird. Es ist aber wie in jedem Verein, manches klappt anderes ist zum Haare raufen. Ohne Sie wäre es aber leider noch schlimmer.

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