Das Leben ist eine Packung Erdbeeren

Später Nachmittag. Ich sitze im Auto -meine Mutter neben mir- und rase. Innerlich ein bisschen mehr, denn das Auto gibt nicht so viel her wie ich es gern hätte. Wie ich es fühle.

Es ist soweit. Mein Geduldsfaden ist gerissen. Geplatzt, mit einem lauten Knall. Sie traf exakt den einen wunden Punkt mit einer Zielgenauigkeit, die nur meine eigene Mutter an den Tag legen kann. Ich schreie.

Du solltest niemals Deine Mutter anschreien. Irgendwann vielleicht wahrscheinlich früher als Du damit rechnest- ist sie nicht mehr da und Du fragst Dich, warum Du blödes Arschloch Deine Mutter angeschrien hast, statt ihr zu sagen, dass Du sie lieb hast. Der immergleiche Reuescheiß eben. Aber wahr.

Doch ich schreie. Tagelang brodelte es zwischen uns. Unterschwellige Aggressionen in einer Kalt-Heiß-Dusche abwechselnd mit Nettigkeiten. Genau der Psychologiespielmist, der mich zermahlt und zerfrisst, während sich emotionales Wundwasser so lange ansammelt, bis eine Blase platzt und sich über den ergießt, der gerade da ist. Diesmal trifft es die Verursacherin.

Als wir aussteigen sehe ich, dass sie weint und möchte mich ohrfeigen. Oder schlimmeres. Eine Entschuldigung würde sie selbst noch wütender machen als sie bereits ist, also lasse ich es bleiben.

Am späten Abend habe ich mich noch immer nicht beruhigt und kreise mit meinen Gedanken, dass mir schlecht wird. Erst ein guter Freund, der mich mit zarten Schlägen zur Besinnung bringt, kann meine selbstverletzenden Gedanken unterbrechen und mich erden. Wir chatten die halbe Nacht durch. Am nächsten Morgen ziehe ich mich nach wenig Schlaf an, sitze mit meiner Mutter schweigend am Frühstückstisch und entrinne der quälenden Situation, indem ich im Garten ein paar Stunden lang stupide vor mich hin arbeite. Kopf aus, Muskeln an. Zerkratzt und eins mit mir finde ich schließlich Gelegenheit, meinen Wutausbruch zu erklären und höre mir an, was meine Mutter zur Situation sagt. Wie fast immer handelte sich alles bloß um ein Missverständnis.

Die nächsten Tage sind harmonisch, körperlich anstrengend aber seelisch angenehm. Dennoch muss ich zurück nach Jena, auch wenn mir dies gemischte Gefühle bereitet. Einerseits muss ich mich um Probleme kümmern, die meiner Anwesenheit dringend bedürfen, vermisse den Brüllmann und ein wenig meinen Alltagstrott. Andererseits lasse ich meine Mutter nur ungern allein zurück, wenn sie zwar zurecht kommt, aber eben mühsam. Gerade jetzt, wo wir wieder zueinander gefunden haben. Gerade jetzt, da wir erfuhren, dass mein Stief auf die Dringlichkeitsliste für ein Spenderherz kommt und auf unbestimmte Zeit in einem Krankenhaus eines anderen Bundeslandes bleiben muss.

Das Leben ist irre.

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Autor: nickel

Schmeckt wie Regenbogen. kopfbunt, verhaltensoriginell, warmherzig, ehrlich, verrückt, denkintensiv, pflegeleicht. Manchmal.

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