[Catcontent]: Purzel

Purzel, gelegentlich auch Frau Salzmann genannt, ist das, was ich als Wildkatze bezeichnen würde. Wir -genau genommen der Stief- fanden sie damals auf einem Holzlagerplatz. Purzel war noch ein Kitten und natürlich nicht das einzige. Ihre Mutter selbst verbrachte schon ihr ganzes Leben auf diesem Platz und war so scheu wie eine freilebende Katze eben ist. Die Menschen, die diesen Platz mit seiner Katze kannten, ließen gelegentlich etwas zu fressen da, aber anfassen ließ sich Purzel-Mutter nie.

Purzel selbst hätte ihr Katzenleben wohl auch so verbracht, hätte nicht mein Stief Mitleid mit ihr gehabt, sie kurzerhand eingpackt und zu uns nach Hause gebracht.

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Ich kann mich noch ganz genau an den Tag erinnern, als er sie mitbrachte. Mangels eines besseren Behältnisses brachte er das scheue, wilde Kätzchen im Karton mit. Um sie nicht direkt mit unserer Hündin Sina und Katze Minka zu konfrontieren, ließ er sie erst einmal in der Waschküche frei. Sämtliche Versuche von ihm und meiner Mutter, das ängstliche schwarze Etwas einzufangen, gingen grandios schief. Purzel zerkratzte beide und wehrte sich mit aller einem Kitten zur Verfügung stehenden Macht.

Schließlich versuchte ich es. Ganz behutsam und vorsichtig und ein bisschen in der Angst, gleich attackiert zu werden, holte ich sie aus der Ecke, in die sie sich in ihrer Panik verkroch, hervor. Und dann war es magisch: wir kamen irgendwie überein, Purzel und ich, dass wir uns gern haben. Statt mich zu zerkratzen kuschelte sie sich auf meinem Arm an mich, ließ sich kraulen und fing sogar an, zu schnurren, wie nur Kitten schnurren: laut und ausdauernd.

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In ihren ersten zwei, drei Jahren ließ sie sich nur manchmal anfassen. Sie ist nicht die Art Katze, die man einfach einmal nehmen und beschmusen kann, wenn man Lust dazu hat. Vielmehr beschmust Purzel ihre Menschen, wenn sie selbst Lust dazu hat. Alle Versuche, sie außerhalb ihrer Schmuselaune zu streicheln, werden mit Bissen und fiesen Kratzern quittiert.

Allerdings kann man sie über ihren Spieltrieb dazu bringen, doch etwas Zeit mit ihr verbringen zu dürfen. Außerdem ist Purzel sehr intelligent. Sowohl was ihr Gespür für die Launen ihrer menschlichen Mitbewohner angeht, als auch ihre Lernfähigkeit im allgemeinen.

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Als Purzel noch jung war, aber alt genug, sie nach draußen zu lassen, begleitete sie mich morgens ein Stück auf meinem Weg zum Schulbus und zurück. Das lief jeden Tag gleich ab: Ich ging zu meiner üblichen Zeit aus dem Haus, Purzel lief ein Stück mit, bis ich sie einige Meter vor der Hauptstraße weg schickte, damit sie sich von der Straße fern hielt. Am Nachmittag, wenn ich dann zurück kam, wartete sie an einer Ecke auf mich und kam wieder mit ins Haus.

Eines Morgens, wir liefen wieder die Treppen hinunter bis zur Haustür, beobachtete sie mich etwas genauer als sonst. Ich drückte die Türklinke nach unten, sah zu Purzel und irgendwie machte es bei ihr in diesem Moment klick. Seit diesem Tag kann dieses kleine, schlaue Wesen eigenständig Türen öffnen. Und ich könnte schwören, diese Erkenntnis an jenem Tag in ihren Augen gesehen zu haben.

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Ihre Scheu und Wildheit hat sie nie verloren, genauso wie ihren Freiheitsdrang. Purzel in der Wohnung behalten zu wollen geht grundsätzlich schief. Sie verlangt ihre Ausgehzeiten und setzt diese auch mit allen Mitteln durch. Dass sie Türen öffnen kann, hilft ihr dabei natürlich, jedoch bekommt sie die Wohnungstür nicht allein geöffnet. Ihr Rufen, wenn sie nach draußen gehen möchte, zu ignorieren, fällt schwer. Ignoriert man es dann doch einmal, kann man sicher sein, dass man ziemlich bald mit einer aggressiven, übellaunigen Katze zu tun hat, die auch schon einmal ihrem Unmut Luft macht, indem sie Dinge zerstört. So lange, bis man sie endlich frei lässt.

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Heute, mit ihren 11 Jahren, ist Purzel aber sanftmütiger und zutraulicher geworden. Man darf sie gern jederzeit am Kopf kraulen und sie verbringt freiwillig mehr Zeit mit ihren Menschen. Wenn ich einmal zu Besuch bin, ist sie gern bei mir. Sie genießt die Ruhe, die ich ihr verschaffe, weg von den Hunden und dem Trubel, der in der Wohnung herrscht. Sie folgt mir einfach, wenn ich mich zurück ziehe, denn dieses Bedürfnis nach Ruhe und Stille eint uns. So war es mir dann auch möglich, diese schönen Bilder auf unserer Terrasse zu knipsen. In trauter Zweisamkeit und völliger Stille.

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Übrigens ist Madame ein Jagdtalent. In ihrer besten Zeit brachte sie täglich eine Maus mit, manchmal auch zwei oder drei. (Ja, die Nachbarschaft war voller Mäuse. Wir waren tatsächlich die ersten in dieser Ecke des Dorfes, die eine Katze hatten. Dafür haben die meisten Nachbarn seit jeher Hühner oder Kaninchen oder beides. Und das lockt nun einmal Mäuse an. Ihr macht euch kein Bild…)

Doch nicht nur Mäuse bringt sie uns. Von Maulwürfen, Fledermäusen und Vögeln bis hin zu größeren Nagern wie Ratten war gefühlt alles dabei, was die heimische Fauna so hergibt. Sogar eine kleine Schlange hatte Purzel einmal im Gepäck. Zu meiner Freude frisst sie auch Spinnen, die ihr über den Weg laufen.

Weniger erfreut war ich jedoch darüber, als sie einmal erst das Amselmännchen, dann das Amselweibchen und schließlich das gesamte Amselnest inklusive der (unbeschädigten!) Eier mitbrachte. Aber was soll man da schon machen?

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Ich bin wirklich froh, dieses zarte, scheue und eigensinnige Wesen zu kennen. Purzel ist eine tolle Katze und eine sensible Samtpfote. Was für ein Glück, dass der Stief sie mitbrachte und sie ihr Leben bei uns verbringt!

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Autor: nickel

Schmeckt wie Regenbogen. kopfbunt, verhaltensoriginell, warmherzig, ehrlich, verrückt, denkintensiv, pflegeleicht. Manchmal.

5 Kommentare zu „[Catcontent]: Purzel“

  1. Ach schau, unsere alte Dame heißt auch Purzel. Der Grund dafür ist, dass sie als einzige ihrer Geschwister mal ihrer Mutter aus dem Maul purzelte, als sie ihre Kinder von einem Hochbett nach unten brachte. Passiert ist ihr dabei nichts. Außerdem war sie die kleinste der drei.

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  2. hm, zu klären wäre noch, ob bei aller Vielzahl jemals eine Brüllmaus unter den „Gastgeschenken“ war ;).
    Und insgesamt ein schönes Beispiel, dass Wildnis und Treue sich nicht ausschließen.

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