Kontrolle

Ich bin ein emotionaler Mensch.

Ich fühle viel, ich fühle intensiv und manchmal überwältigen meine Gefühle meinen Verstand. Gelegentlich sogar in „harmlosen“ Momenten, etwa wenn mich jemand von einer Verabredung versetzt und vielleicht sogar gute Gründe hat. Ich bin nämlich auch jemand mit vielen Ängsten, etwa der Angst, Verlassen zu werden. Die ist sogar so stark ausgeprägt, dass an einem schlechten Tag eben schon eine Absage genügt, um sie zu triggern und mich durchdrehen zu lassen.

Das wissen nicht viele, denn mal ehrlich: wie crazy und abgefuckt ist das? Man kann nicht, weil XYZ und die andere Person reagiert total überzogen? Da sagt man eher nicht „Ich hatte Angst, dass du mich verlässt“ sondern lässt sich irgend etwas anderes einfallen, das das Gegenüber auch versteht, ohne zu denken, dass man völlig bekloppt ist. Hab ich recht?

Ich schweife ab.

Kontrolle.

Zur Zeit finde ich, dass ich die Kontrolle über meine Gefühle habe und das ganz gut. Ich fühle mich stark und reagiere nicht hysterisch, wenn ich schlechte Nachrichten bekomme, sondern bewahre einen kühlen Kopf. Das ist ein Fortschritt. Wenn mir jemand auf den Keks geht und nervt, schnauze ich ihn nicht an (oder ärgere mich tagelang über eine Nichtigkeit), sondern atme erst einmal durch. Großer Fortschritt. Tatsächlich!

Doch die Kontrolle fühlt sich spröde an, rissig. Lavede, wie man hier sagt. Sie hält noch ganz gut, doch mit jeder weiteren größeren weggeatmeten Emotion wird sie brüchiger. Was ja irgendwie auch heißt, dass sie von vornherein eine Konstruktion war, nicht ehrlich, nicht natürlich gewachsen.

Ich bin mir nicht sicher, ob das so ist, ob meine neugewonnene Selbstkontrolle nicht echt ist. Irgendwie schon und irgendwie auch nicht. Dieses Terrain ist mir völlig neu und fremd. Mein bisheriges emotionales (Er-)Leben sah anders aus. Ich habe andere Reaktionen erlernt und verfestigt. Diese Information muss überschrieben werden. Dieses Muster muss durchbrochen und neu erlernt werden. Klingt anstrengend, ist noch viel anstrengender.

Ist die Mauer, die ich mir da aufgebaut habe, eine Lösung? Hält sie? Braucht nicht jeder eine Mauer, ein dickes Fell, um den Alltag und Krisenzeiten zu überstehen? Und vor allem den Alltag in Krisenzeiten? Denn das ist es ja eigentlich gerade. Alltag in Krisenzeiten. Und Laufen lernen.

In meinem Leben gibt es momentan so viele Baustellen, dass ich sie noch nicht einmal mehr aufzählen kann.

Diese Baustellen atme ich weg, krisenmanage ich, emotionalkompetenziere ich ins Nirvana.

Ins Nirvana? Nee. Da ist das schon alles noch. Und es brodelt. Quasi. Kratzt an der Mauer. Brüche, Risse. Lavede, wir erinnern uns.

Ich will nicht jammern und nicht heulen. Eigentlich will ich nur sagen, dass ich komplett ahnungslos bin. Wie geht das, dieses emotionale Kompetenzdings? Wie reagieren denn andere auf „solche“ Nachrichten? Gibt es eine Vorlage, die ich abarbeiten kann? Ein Formular 73b vielleicht? Was macht man wenn… ja wenn. Wenn man mein Leben führt und meine Probleme hat? So wie alle anderen auch, nur in verschiedenen Variationen und Zusammenstellungen?

Wie zur Hölle geht das mit den Emotionen ohne durchzudrehen und wer hat Panzertape für mein Mäuerchen?

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Autor: nickel

Schmeckt wie Regenbogen. kopfbunt, verhaltensoriginell, warmherzig, ehrlich, verrückt, denkintensiv, pflegeleicht. Manchmal.

5 Kommentare zu „Kontrolle“

  1. Lass dir von einem Kopfmensch gesagt sein – es gibt kein Formular. Und ich habe gelernt das braucht es auch nicht. Mit Menschen reden die einem gut tun. Ein Weg der mir immer wieder hilft und viele Probleme mit einem Lächeln hinwegfegt 😉

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  2. Panzertape: Flickwerk bricht irgendwann erst recht zusammen. Vgl. meinen Artikel zum „Gute-Laune-Sinulator“ und: Wenn Du zu lange flickst statt solide zu renovieren, aber die Last weiter anziehst, dann macht es irgendwann knack.

    Achte gut auf Dich. Und besorge für Deine Mauer am besten Zement.

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  3. Baue ein großes Regal mit verschiedenen Ebenen in Deinem Kopf auf, liebe Nickel… Und stelle Dir Gefäße vor, die Du beschriften und fest verschließen kannst. Sieh Dir Deine Probleme und Konflikte alle nacheinander gründlich von allen Seiten an und entscheide, ob Du sie jetzt lösen kannst oder ob es sinnvoller ist, Dich erst später damit zu befassen. Das was im Moment nicht lösbar ist, packst Du in eins der Gefäße, beschriftest es und stellst es je nach Dringlichkeit auf die entsprechende Ebene ins Regal. Dort läßt Du es stehen, bis der Zeitpunkt, Dich darum zu kümmern gekommen ist. Jetzt hast Du Platz im Kopf, um Dich mit den aktuell lösbaren Aufgaben zu beschäftigen. In einem zweiten Regal sammelst Du Gefäße mit guten und positiven Erfahrungen. Wenn Dir dann mal wieder alles zuviel wird und Du an Dir zweifelst, kannst Du eines der Gefäße auf diesem Regal öffnen um daraus Mut, Kraft und Selbstbewusstsein zu ziehen. Wichtig ist, daß Du beide Regale für Dich sehr deutlich und möglichst detailliert visualisiert. Das ist ein ganz simpler Trick aus der Psychotherapie, der fast immer gelingt.
    Liebe Grüße von Felina, in deren Regalen nach langen Jahren des Chaos inzwischen eine gut zu überschauende „Ordnung“ herrscht.

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    1. Liebe Felina,

      vielen Dank für diesen Tipp. Den finde ich richtig gut. Passt auch ganz toll mit meinem Faible für Listen und Ordnungssysteme. ^^

      Eine Frage stellt sich mir allerdings: was mache ich mit akuten Problemen, die mich belasten, auf die ich aber keinen Einfluss habe?

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      1. Da habe ich für mich einen Trick entwickelt, liebe Nickel. Immer wenn ich auf eine Entscheidung warten muss, auf die ich selber keinen Einfluss habe, versuche ich, irgendetwas Sinnvolles zu tun, möglichst etwas, was ich schon längst hätte erledigen sollen, und/oder etwas, mit dem ich jemand anderem helfen kann. Ich rede mir ein, daß ich damit dem Schicksal meinen gute Willen zeige und es sich dafür gnädig erweist… Komischerweise hat das schon häufig funktioniert. Und wenn’s nicht funktioniert hat, hat es mich zumindest davon abgehalten, mich verrückt zu machen und die Wartezeit ist schneller vergangen.
        Liebe Grüße von Felina, die niemals vergessen hat, sich in den Fällen, in denen etwas gut ausgegangen ist beim Schicksal zu bedanken. Das war erfreulich oft der Fall.

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