Drummerboy

Er war schon ein harter Motherfucker, das war klar. Wie er da ganz cool an der Wand lehnte und seine Zigarette rauchte, die oberen drei Hemdknöpfe geöffnet, das Haar wild wie der Charakter, den er darzustellen versuchte.

Eigentlich war er nur ein armer Irrer, genau wie die anderen armen
Irren an diesem gottverlassenen Ort, diesem heruntergekommenen Szeneclub mit bröckelndem Putz und Pissegestank in den Ecken.

Wie hätte er ahnen können, dass er mit Ende Zwanzig wieder in diesem Dreckskaff landen würde, aus dem er vor vielen Jahren mit seinen Bandkollegen geflohen war? Den großen Absprung hatten sie wohl geschafft, wenn man den Fangirls glauben konnte, die die Konzerte zu Kreischorgien machten. Doch massig Kohle wie bei den Glamourbands, die es in die Bravo schafften, sprang nie raus. Und zu Ende war der schöne Schein schließlich, als sich der neuerdings drogenaffine Sänger sein verschissenes Hirn mithilfe einer mit Rattengift gestreckten Line aus dem Schädel ballerte.

Die Mitleidsbekundungen von falschen Freunden wollte er nicht mehr ertragen und so blieb ihm nur die Rückkehr in das verschlafene Kuhkaff, das von seinem Kurztrip ins Musicbiz nicht viel mitbekommen hatte. So stand er nun also lässig gegen die Clubhauswand gelehnt in der Nacht, rauchte und versuchte, sich seine Verbitterung nicht anmerken zu lassen.

Doch da erschien sie. Fast hätte er sich am Zigarettenqualm verschluckt und kurz entgleiste ihm die Maskerade, als er sie erblickte. Sie! Himmelherrgott. Wie lange es wohl her war?

Sie war nicht seine erste Liebe, doch schon eine von den ganz großen. Der Unterschied war nur, dass er und sie sich nie haben konnten. Sie war schüchtern, er meist vergeben. Und doch waren sie sich stets nahe, wenn sie sich -unter Vorwänden und nie allein- trafen. Nicht körperlich, dafür waren sie beide zu ängstlich. Im Kopf.

Er erinnerte sich an kleine Begebenheiten von früher. Wie sie versehentlich als Erste aus der Clique in seiner Wohnung auftauchte und beide sich anschwiegen, sofern sie keine daher geplapperten kurzen Sätze über Musikbands oder das Wetter wechselten.

Wie er rot wurde, wenn sie etwas Nettes zu ihm sagte.

Wie sie einmal den Slip einer Eroberung neben seiner Couch fand und er am liebsten sofort gestorben wäre.

Wie sie mit einer gebrochenen Nase ankam und er dem Typen, der sie verursachte, gern den Garaus gemacht hätte.

Nie hatte er Mut, sie zu fragen, ob sie etwas trinken oder essen gehen wollten. Und sie zierte sich genauso, das war ihm klar. So schmachteten sie sich an und liebten sich aus der Ferne, bis er schließlich in die echte Ferne, die Großstadt 600 Kilometer weit weg zog. Mut, den lernte er erst später kennen, in der Großstadt, bei den Jägern und Sammlern von
Geschichten und Eroberungen, doch zu spät für SIE.

Und da stand sie vor ihm, lächelte voller Freude über das unerwartete Wiedersehen und tippelte, nicht Imstande etwas zu sagen, auf ihren
Zehenspitzen, wo sie ihm doch gerne um den Hals gefallen wäre.

Er schaute sie -außen ruhig und innen nervös wie damals- an.

„Zigarette?“

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Autor: nickel

Schmeckt wie Regenbogen. kopfbunt, verhaltensoriginell, warmherzig, ehrlich, verrückt, denkintensiv, pflegeleicht. Manchmal.

5 Kommentare zu „Drummerboy“

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