Wie es geht

„Gut“ antworte ich.

„Scheiße“ denke ich.

Beides ist nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch. Eigentlich fühle ich aktuell einen Mischmasch aus sich teils entgegengesetzten Gefühlen. Unlust und Widerwille vor der Arbeit, Resignation bis Gleichgültigkeit währenddessen und danach … ja danach? Das ist die Frage, die ich mir selbst noch stelle. Wie geht es mir sonst?

Urlaubsbedingt (der Urlaub der KollegInnen natürlich) habe ich zur Zeit nur jeden 3. Samstag frei statt wie üblich jeden 2. Das ist normal, da muss ich durch, es kommt auch wieder besser. Hoffe ich doch? Dennoch zehrt dieses Dauerarbeiten -und das ist es, denn an einem einzigen freien Tag in der Woche kann man NICHT ausreichend entspannen- sowohl an den Kräften als auch am Wohlbefinden. Die Sprünge zwischen Früh-, Spät- und Nachtschicht tun ihr übriges, muss ich nunmal einspringen wo Not ist, als Kinderlose.

Ich fühle mich matt, müde und ausgelaugt. Gleichzeitig werfe ich mir ebendies vor, denn mal ehrlich: ich arbeite nicht Vollzeit und die Vollzeitarbeitenden bekommen es doch auch hin? Teilzeit kann man es aber auch nicht nennen, denn für die Zuordnung zu Teilzeit sind es doch zu viele Wochenstunden. Ich dümple also in meiner Nicht-Vollzeit-Nicht-Teilzeit-Beschäftigung, die nicht einmal eine besonders schwere oder schlimme ist, vor mich hin, schlafe beschissen und fühle mich matt. Nach nicht einmal 3 Monaten. Großes Kino, Nickel. Ganz großes Kino.

Doch stelle ich fest, dass besonders in Phasen mit „normallangen“ Arbeitstagen meine Stimmung so heftig abfallen kann, dass ich die Zeit bis zum nächsten Therapietermin als quälend lang empfinde. (Die Therapiekostenübernahme wurde indes bewilligt.) Montag der nächste Termin und ich freue mich und ängstige mich gleichermaßen davor. Wobei Angst auch nicht ganz zutrifft, denn der Grund für das unangenehme Gefühl ohne Namen geht von mir selbst aus. Sage ich diesmal, wie es mir wirklich geht, auch wenn ich es gar nicht in Worte fassen kann, oder geht es mir in dem Moment wieder „okay“ genug, um zu sagen, dass es mir „ganz gut“ geht? Das ist ja nicht einmal gelogen (ich habe mir geschworen, der Therapeutin IMMER die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie unangenehm, peinlich oder schmerzhaft ist), aber eben anders als ich jetzt gerade in diesem Augenblick, da ich diese Zeilen schreibe, fühle.

Und diese Beobachtung mit den „normallangen“ Arbeitstagen stellt in mir die Frage: Bin ich wohlmöglich jetzt, nach fast 6 Jahren, noch immer nicht ausreichend rehabilitiert, um einem „normalen“ Arbeitsverhältnis nachzugehen? Bin ich nicht voll erwerbsfähig? Hab ich eigentlich völlig einen an der Waffel, dass ich mir wegen der paar Arbeitsstunden am Tag so das Hemd vollmache?

Wenn mich also jemand fragt, wie es mir geht, dann ist die einzig ehrliche Antwort: ich weiß es nicht. Ich bin zerrüttet. Ich stehe im Zerwürfnis mit mir selbst. Großteils ist es mir auch egal, denke ich nicht darüber nach. Manchmal fühle ich mich leer, oft erschöpft, gelegentlich grummelig, häufig genervt, meistens gleichgültig, aber eigentlich lache ich auch viel und das nicht gespielt. Und ich liebe, denn ich fühle mich dem Liebsten so nah wie nie.

Und ich bin dankbar dafür Freunde zu haben, die meine emotionale Verwirrtheit akzeptieren und notfalls einfach nochmal fragen.

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Autor: nickel

Schmeckt wie Regenbogen. kopfbunt, verhaltensoriginell, warmherzig, ehrlich, verrückt, denkintensiv, pflegeleicht. Manchmal.

6 Kommentare zu „Wie es geht“

  1. Das was Du beschreibst ist so ungewöhnlich nicht. 2-3 Monate hält oftmals eine gewisse gespannte Euphorie und Neugier an, bis uns die Belastung des Arbeitsalltags brutal ins Gesicht schlägt. Das erleben auch viele Menschen die „nur“ den Job wechseln.
    Womit das genau zu tun hast weiß ich nicht, ggf. kann Dir das Deine Therapeutin beantworten. Bei vielen Menschen verändert sich dann nach weiteren 1-2 Monaten dieses ausgebrannte Gefühl wieder. Die Arbeit wird als solche wahrgenommen, die Wahrnehmung wird differenzierter. Also gute und schlechte Tage wechseln, es entsteht das Alltagsgefühl.
    Das kenne ich aus eigener Erfahrung sehr gut und mir geht das bis heute so, wenn ich neue Aufgaben, Projekte beginne.

    Ich drück Dir die Daumen, dass Du aus dem 3-Monatsloch schnell wieder raus kommst.

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  2. Ich denke, das kann tatsächlich auch mit den unregelmäßigen Arbeitszeiten zusammenhängen. In meiner ersten Ausbildung zur Kinderkrankenschwester hab ich gemerkt, wie anstrengend dieser Wechsel zwischen den Schichten eigentlich ist. Ich habe in der Zeit auch oft schlecht geschlafen. Es stellt sich halt kein richtiger Rhythmus ein, kein richtiger Alltag. Und das stresst. Bei mir kamen noch unangenehme Ausbilder dazu und dann bin ich nur noch mit Bauchschmerzen hin.
    Ich kann dich also gut verstehen. Auch, dass dich ganze Tage anstrengen ist klar, weil es halt kein Alltag für dich ist.
    In meiner zweiten Ausbildung habe ich zwar i.d.R. von 9-18:30 gearbeitet und Samstag bis mittags, aber ich war gerne dort, meine Arbeit wurde wertgeschätzt, die Kollegen super nett und ich wusste, dass ich wichtig war (es gab keine Springer, die im Krankheitsfall einspringen konnten). Außerdem waren die Arbeitszeiten regelmäßig. Und ich konnte mich dort mit meinen Ideen ein Stück weit selbst verwirklichen.
    Vielleicht hilft es dir, wenn du deinen momentanen Job einfach als Lückenbüßer siehst. Du musst es ja nicht ewig machen. Vielleicht liest du ja in der Zeitung mal ne interessante Anzeige und bewirbst dich dort. Telefonsex für Gehörlose oder so. 🙂

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  3. Ich schätze ihr beiden habt Recht. Es stellt sich kein Alltag ein, weil ich ständig anders arbeiten muss und keine Regelmäßigkeit vorhanden ist, was den Stresslevel nach oben bringt. Für die nächsten zwei Wochen ist jetzt glücklicherweise ein Plan da, der mir regelmäßigere Arbeitszeiten ohne großen Sprung und halbwegs Gleichmäßigkeit verspricht. Jetzt muss er nur Bestand haben und darf sich nicht wieder kurzfristig ändern *hoff*

    Und klar, mir ist bewusst, dass es nur (von mir aus) befristet ist, nur hilft mir das in der Situation nicht unbedingt. Ich habe sogar schon Ideen, wie es weitergehen könnte. Dabei könnte mir der Job sogar weiterhelfen. DAS hilft mir dagegen sehr. ^^

    Und wie gesagt, eigentlich ist die Arbeit nicht schlimm oder schwer oder saublöd. Aber manchmal…hach.

    Alles in allem ist es nicht so negativ, wie es hier klingt. Wollte ich mal dazu sagen.

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