Aufsatz einer Nachtschülerin

Sie haben es versäumt, rechtzeitig die Nachtschulhausaufgaben zu bearbeiten.
Versuchen Sie, sich gegenüber dem Professor mit einem Gedicht zu rechtfertigen!

Oh Herr Professor mit Eurem Antlitz lieblich zart,
Das Schicksal traf mich ach so hart!
So musste ich doch arg verzagen.
Verlor gar meine Hausaufgaben!

Lasst mich erklären, wie es geschah,
Dass es mir schier unmöglich war,
Die Aufgaben pünktlich abzugeben,
Wo doch die Nachtschul‘ ist mein ganzes Leben!


Eines Abends, ich sag‘ es war
Die Nacht vor Abgabe sogar,
Da vernahm ich eine leise Stimm‘
Die mich quälte oh so furchtbar schlimm!


Die Uhr schlug neun, ich wollte schlafen gehen,
Hatte meine Lösungen im Heftlein stehen,
Doch eine Stimm‘ lies mich nicht ruhen,
Kein Auge konnte ich zu tuhen!


Drum wollt‘ ich schauen, woher sie kam,
Weswegen ich ein Lichtlein nahm
Und suchte -schon im Schlafgewand-
Bis ich vor einer Türe stand.


Dahinter -– ich konnt’s genau vernehmen!
Musste jemand rufend stehen,
Denn die Stimme, nun laut und klar,
Hallte im Echo: „„Wunderbar!““


Es klang gar freudig, drum wollt‘ ich sehen,
Ob ich nicht könnte dort hin gehen,
Um zu fragen, nett und fein,
Ob sie wohl könnte leiser schrei’n.


Ich war entschlossen, wollt‘ es tun,
Drum legte ich den Mantel um
Und schritt mit mutigem Gefühle
Energisch durch die große Türe.


Da stand ich nun im Labyrinthe,
An dessen Geschicht‘ ich mich entsinnte:
Von einem Buntbärn- er war blau,
Daran entsinnt‘ ich mich genau!


Doch außer an sein blaues Haar
Sind meine Erinnerungen rar,
Drum schritt ich nunmehr ahnungslos
In meine eigene Geschichte bloß.


Ich lief schon eine ganze Zeit,
Verflogen war die Müdigkeit.
Da entdeckte ich eine Gestalt,
Sie war vom Aussehen her recht alt.


Und auch gar hässlich, mit Pickeln im Gesichte,
Die Falten massig, das Haar doch lichte,
Auf der krummen Nase eine große Warze,
Die Zähne gelb, auch ein paar schwarze.


„„Wunderbar!““ rief sie erneut
Und hat sich großartig gefreut.
Da wusste ich, das muss sie sein,
Dieses Ziel war also mein.


„„Entschuldigung““, begann ich nun,
„„Kannst du das bitte leiser tun?““
Doch leider keine Reaktion,
Das Wesen zeigte kein Pardon.


Stattdessen rief es immer wieder.
Vor Erschöpfung schmerzten mir die Glieder.
Ich flehte nun „„so sei doch still,
Weil ich nun endlich schlafen will!““


Da drehte sich das Ungetüm
Endlich in meine Richtung hin,
Beäugte mich wie Zuckerlinsen
Und begann gar breit zu grinsen.


„„Wunderbar“!“, schallte es nochmal,
Ich fühlte mich wie Zitteraal.
Es griff nach meinem rechten Arm.
Sein Griff war fest und viel zu warm.


Ich stieß es von mir, angeekelt,
Als es sich in meine Richtung rekelt.
In meinem Kopf Alarm ganz helle,
Ich musste raus,– das auf der Stelle!


Drum rannt‘ ich los, woher ich kam,
Meine Beine fühlten sich so lahm.
Doch sollte mich das Ding nicht kriegen,
Drum musste ich die Angst besiegen!


Ich dachte dran, wenn’s näher kam,
War das Abendbrot mein letztes Mahl
Und da gab es doch nur Grubenbarsch;
Der schmeckte ziemlich sehr nach Turnschuh!


Mäuseblasen hätten es sein müssen,
So wie sie meinen Gaumen küssen,
Das wär‘ vernünft’ges Henkersessen,
Doch meine Wünsche war’n vermessen.


Nun lief ich also vor mich hinnen,
Versuchte mich dem Weg zu sinnen.
Hinter mir das Ungetier,
Da erreichte ich die Tür.


Ich schritt hindurch und schmiss sie zu,
Und dacht‘, dass ich das Richt’ge tu,
Doch drehte ich mich um und sah:
Das Getüm auch bei mir war!


Es war wohl durch den Spalt gekrochen,
Der aus der Tür ward raus gebrochen,
Als ich neulich versucht‘ zu kochen
Einen Riesennebelrochen.


Eine neue Tür sollt‘ ich Euch schenken,
Doch d’ran war grade nicht zu denken,
Da das Wesen vor mir stand
Und meine Chance zu überleben schwand.


Ich fragte mich „„wasmachichbloß?““
Rannte erneut schnell einfach los,
Zurück in mein eig’nes Kämmerlein,
Hoffte, dort würde jemand sein.


Alleine war ich leider doch,
Das Ding mir hinter dannen kroch.
Nun musst‘ ich handeln, ziemlich schnell!
Doch meine Idee war unoriginell.


Ich hielt ihm ohne Hoffnungsschimmer,
Nun mitten in meinem kleinen Zimmer,
Meine Hausaufgaben vor die Nas‘
Und „oh wunderbar!“ es sie tatsächlich las!


Es war von meiner Schrift gebannt,
Weshalb es langsam nun entschwand
Und mich alleine lies in meinem Raum,
Ich staunte gar und glaubt‘ es kaum.


Schließlich ist dies die Geschicht‘
Warum ich es leider schaffte nicht
Meine Hausaufgaben abzugeben.
Sie retteten mein junges Leben!


Ich wünsche nun, Ihr habet Gnade,
Wenn nicht, dann wär‘ es wirklich schade,
Weil ich doch ganz in meiner Macht
Uns rettete in dieser Nacht!


Die Nachtschule ist eine Institution zu Ehren der Zamonienromane von Walter Moers. Der angesprochene Buntbär ist Käpt’n Blaubär.

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Autor: nickel

Schmeckt wie Regenbogen. kopfbunt, verhaltensoriginell, warmherzig, ehrlich, verrückt, denkintensiv, pflegeleicht. Manchmal.

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