Throw Back Thursday: #aufschrei

Nee, das wird jetzt keine neue Reihe (glaub‘ ich) und auch keine Challenge oder Blogspiel. Eher eine lose Gedankensammlung.

Ich klickte mich gerade durch die „was heute geschah“-Funktion bei Facebook und stieß dabei auf ein paar meiner älteren Artikel. Wisst ihr noch?

#aufschrei

Zu dem Thema (das jetzt schon unglaubliche 3 Jahre her ist!) postete ich damals relativ spät in der Debatte meinen #Aufschrei-Nachzügler, zu dem ich heute gemischte Gefühle habe. Einige Punkte sehe ich noch heute so und ein paar Textstellen gefallen mir. (Ich bin selbstkritisch und finde viele Texte von mir heute furchtbar, aber manchmal freue ich mich über den einen oder anderen Beitrag. Diesen finde ich teils gut gelungen.) Andererseits fallen mir retrospektiv ein paar Punkte auf, die ich mittlerweile anders sehe.

Ein Beispiel: Betrunkene Männer, häufig die alten und die mit geringen IQ, aber auch solche, von denen man es nicht unbedingt erwartet, sind meiner Erfahrung nach unberechenbar. Als Frau sollte man dann wirklich nicht alleine sein. Denn vom Pöbeln zum Sprücheklopfen, ja bis hin zum Grabschen ist alles möglich.

Äh…ja. Nee. Das war schon irgendwie saublöd formuliert. Heute würde ich entgegnen, dass auch betrunkene Frauen ziemlich unberechenbar sind und es egal ist, wer da besoffen übergriffig wird, denn es sind ja doch trotzdem Arschkrampen. Alkohol verstärkt nur gewisse Verhaltensweisen und senkt die Hemmschwelle. Egal ob Frau oder Mann oder Katzenmensch. (Außerdem ist das mit dem IQ und dem Alter echt unschön. Schäm‘ dich, Nickel aus 2013!)

Ich schreibe aus dieser Sicht, weil ich nunmal eine Frau bin und nicht wirklich etwas zur umgekehrten Konstellation (Frau belästigt Mann) sagen kann.

Mittlerweile wurde mir leider berichtet von männlichen Freunden, die von betrunkenen Mädels so offensiv bedrängt wurden, dass es nicht mehr okay war.

Was ist heute aus #aufschrei geworden?

 

Vereinzelt sehe ich alle paar Monate mal einen Tweet zur Thematik. Ich denke aber oft über Sexismus in der Gesellschaft nach. Das hat meistens einfach seinen Grund in universitären Themen, ging mir aber auch bei der Arbeit im Supermarkt durch den Kopf. Mit einem Kommilitonen redete ich neulich darüber, nachdem er mir die Tür aufhielt und ich ihm erzählte, dass es Frauen gibt, die sich dadurch beleidigt fühlen. (Was ich absurd finde. Ich halte übrigens auch Türen auf. Auch Männern.)
Im Gesprächsverlauf stellte er irgendwann die kritische Frage, weshalb sich manche/viele/einige Frauen auf Parties wie Freiwild anziehen und geben. Darüber habe ich lange nachgedacht.

Im ersten Moment dachte ich reflexartig an die Minirockdebatte und war sauer – schließlich sollen Frauen anziehen dürfen was sie wollen, auch wenn es nur ein etwas breiterer Gürtel ist! Nach längerer Problemwälzung jedoch fragte ich mich, ob ich -als Frau- mich wirklich aufreizend kleiden möchte, wenn ich auf Parties gehe, oder ob es nicht doch ein gesellschaftlicher oder ein latenter intrinsischer Zwang, also „unbewusst“ von mir ausgehend, ist.

Für den gesellschaftlichen Zwang oder Gruppenzwang würde sprechen, dass ich mich auf Parties selbst dann aufhübsche, wenn ich einfach nur weggehen und Spaß haben möchte und auf ein sexy Outfit, Make-Up und unbequeme Schuhe überhaupt keine Lust habe, da ich sonst negativ auffallen oder als verschrobene Alte gelten würde. (Wobei: Ist das so?)

Der latent intrinsische Zwang heißt, dass ich anhand meiner Kleidung positiv wahrgenommen werden möchte. Zudem ist es ein Abchecken des „Marktwertes“: wenn ich wollen würde, könnte ich jemanden abschleppen/ würde ich abgeschleppt werden? Hat nicht zwingend mit Untreue zu tun, sondern dem Bedürfnis nach Bestätigung; einem ganz einfachen Ich-Bedürfnis also.

Im Prinzip ist beides relativ egal und kann positiv oder negativ oder gar nicht gewertet werden: es ist eben so. Doch lässt es mich den Satz „Frauen sollen anziehen dürfen, was sie wollen“, was an sich richtig ist, in seinen Bestandteilen aber kritisierbar, ein wenig anders betrachten. Wobei ich jetzt vom Thema #aufschrei abgewichen bin. Sorry for that.

 

Und dann war da die Silvesternacht 2015.

Die anschließenden Diskurse über #einearmlaenge, Frauenbild und Männerrollen haben gezeigt, dass das Thema noch lange nicht in einem Konsens mündete. Stattdessen wurde es auf eine neue Ebene gebracht, nämlich der Frage, wie Sexismus und Kulturkreise korrelieren oder ob es da überhaupt gültige Aussagen zu treffen gibt. Von rechten Hetzern wurde das Thema missbraucht, um Stimmung gegen immigrierte Männer zu machen und einen Vorwand zu haben, Abschiebungen voran zu treiben und Integration (sowie den Willen dazu, von beiden Seiten aus: wir erinnern uns – Integration ist keine Einbahnstraße, siehe Punkt 2) zu verhindern.

Nach #einearmlaenge merkte mein Kommilitone noch etwas an, das mich nachdenken ließ: Er sei schockiert über die Aussage mehrerer Freundinnen, sie haben eigentlich immer eine latente Angst, wenn sie weggehen, dass ihnen etwas passieren könnte. Und ich muss sagen: kann ich bestätigen. Auch wenn ich nicht explizit denke, dass ich vergewaltigt werden könnte, so plane ich doch etwa, mit wem ich mich treffe oder welche Gegenden ich nachts meide und wie ich sicher nach Hause komme. Eine Zeit lang hatte ich sogar grundsätzlich Pfefferspray dabei, wenn ich wusste, dass ich alleine spät nach Hause kommen würde.

 

Abschließend könnte man also sagen, dass #aufschrei eigentlich noch immer debattiert wird, nur in anderen Versionen. Zum Beispiel auch wie im obigen Tweet, was uns meiner Meinung nach um ein paar Jahrzehnte zurück wirft. So verbot beispielsweise ein ehemaliger Arbeitskollege seiner Tochter, Mitte 20, im kurzen Rock (a.k.a. über den Knien endend) aus dem Haus zu gehen. Hallo Minirockdebatte und Opferschuld.

Ob die Fortführung des Themas gut oder schlecht ist -oder gar nichts von beidem- muss jeder für sich entscheiden. Ich glaube, dass es aber schon bei vielen in meinem Umfeld dazu beigetragen hat, empfindlicher auf Sexismus zu reagieren. Jedoch ist dies eine ganz subjektive Einschätzung.

Bei mir beobachte ich schon eine andere Sicht auf Frauenrechte und Männerbilder, die ich jedoch immer weiter mit mir verhandle. Dabei bin ich kritischer geworden, fordere nicht mehr polternd mehr Gleichberechtigung um jeden Preis, sondern differenziere heute anders.

Wie geht es euch damit? Hat #aufschrei bei euch etwas bewirkt? Geht euch die Debatte auf den Senkel? Prallt das an euch ab?

Autor: nickel

Schmeckt wie Regenbogen. kopfbunt, verhaltensoriginell, warmherzig, ehrlich, verrückt, denkintensiv, pflegeleicht. Manchmal.

2 Kommentare zu „Throw Back Thursday: #aufschrei“

  1. Ich mache selten bei solchen hashtagaktionen mit. Nie eigentlich. Allerdings schreibe ich durchaus über aktuelle Themen und hatte mir auch Gedanken um Köln gemacht. Das war eine andere Hausnummer als früher, aber begrabscht wurden und werden Frauen immer und in jeder Disco. Und da gab es auch immer Orte, zb an Türen, wo Männer schön eng standen und man sich durchzwängen musste, sodass die Körper aneinander rieben.
    Hinsichtlich der Ausgehklamotten. Ich finde diese Minirockdebatte übertrieben. Für mich war es immer so, dass ich anzog, was ich mochte, dass ich mich aber besonders ins zeug legte und kürzere röcke trug, wenn ich wen kennenlernen wollte. Das war scjon das eindeutige Ziel. Klar, da fühlten sich dann auch viele Typen von angesprochen, die ich scheiße fand, aber das war collateral damage, die ich in Kauf nehmen musste.
    Naja, so viel erst mal dazu …
    Lieber gruß

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  2. Tja. Ich lebe ja auf so einer rosa Wolke, fühle mich schon mein Leben lang sicher wie in Abrahams Schoß. Gut für mich. Dennoch, Maßnahmen wie: niemals im Rock tanzen gehen, niemals Getränke aus Gläsern trinken, mich von betrunkenen Unbekannten fernhalten, niemals auch nur 5 Meter allein nach Hause gehen, immer jemand Vertrauenswürdigem erzählen wann ich wohin gehe und wann ich zurückzukommen gedenke… sind mir seit ich 14 bin in Fleisch und Blut übergegangen und ich ertappe mich selbst oft dabei wie ich beim Anblick eines sehr kurzen Rockes oder eines zu offenherzigen Oberteils „nuttig“ denke. Die Debatte der letzten Jahre hat mich allerdings dafür sensibilisiert den Gedanken direkt zu löschen, denn egal was die Dame an hat, niemand hat das Recht mit ihr etwas zu machen, was sie nicht möchte. Nein heißt nein.

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