Der Glaubenskrieg unter Eltern

Ich bin Mutter und ich stille nicht.

Das scheint ein Satz zu sein, der eine Mutter ins soziale Aus unter Müttern und sogar bei einigen Hebammen treiben kann. Aber von vorn:

Nach der Geburt des Mäuschens wurden wir für zwei Tage getrennt, weil es ihr nicht gut ging und sie überwacht werden sollte. Was das für den Stillprozess bedeutet, versteht man wahrscheinlich nur, wenn man drin steckt. So viel kann ich aber verraten: es ist nicht gut. Was dann für mich und uns folgte, war eine Odyssee aus regelrechten Kämpfen zwischen dem Kind und mir und mit mir selbst. Es flossen viele Tränen und brauchte sehr viel gutes Zureden seitens meiner Hebamme, um meine Selbstzweifel und die Enttäuschung, dass es einfach nicht klappte, zu lindern. Man macht sich selbst Druck und Vorwürfe, obwohl man sein Menschenmögliches versucht und keine Schuld an der Misere hat.

Ich habe ganze Tage damit verbracht, das Kind anzulegen, es dann noch zuzufüttern und zu guter Letzt außerdem abzupumpen. Das verschlang an Spitzentagen schon einmal 15 (!) Stunden. In einer Zeit, in der ich ohnehin empfindlich und verletzlich war, hat mich das zusätzlich nervlich wie körperlich stark belastet. Es hat lange gedauert, bis ich mich mit diesem „Schicksal“ und der Gewissheit, dass diese Arbeit keine dauerhafte Lösung war, abfinden konnte und kein schlechtes Gewissen meiner Tochter gegenüber mehr hatte, weil mein Körper trotz aller Versuche und Selbstschindung nicht ausreichend Milch produzierte, um sie satt zu bekommen.

Bei Müttern, denen es wie mir ging und geht, findet ein langer Prozess der (Selbst-)Akzeptanz statt, der so zerbrechlich ist, wie man sich in dieser besonderen Zeit fühlt. Das macht es um so unerträglicher, was sich zunehmend unter Müttern und auch Hebammen abspielt.

Schon im Geburtsvorbereitungskurs wird man darauf getrimmt, dass nur Stillen gut und Flaschennahrung Teufelswerk ist. Das wird auch über Homöopathie und Schulmedizin gepredigt. So wurde ich etwa abschätzig angeschaut, als ich sagte, gegenüber einer PDA offen zu sein und in der Situation entscheiden würde. Das ist doch böse Chemie, die das Band zwischen Mutter und Kind stört! Die Vorfreude, bald das Kind im Arm zu halten müsse ausreichen, um selbst diese enormen Schmerzen auszuhalten. Nun, das hat es bei mir leider nicht und ich wäre vermutlich aus dem Fenster des Kreissaals gesprungen, gäbe es diese medizinische Unterstützung nicht. Definitiv hat es sich aber negativ auf den Geburtsprozess ausgewirkt, als ich vor Schmerzen nicht mehr mit den Wehen arbeiten konnte.

Globuli sind unter Müttern und Hebammen weit verbreitet. Grundsätzlich scheint der Trend in Richtung Esoterik immer stärker zuzunehmen. Gleichzeitig wird der Ton untereinander immer schärfer. Du stillst nicht? Rabenmutter! Du gibst dem Baby bei Fieber lieber Zäpfchen, als es im Mondlicht dreimal um den Brunnen zu tragen? Kindeswohlgefährderin! Mir wurden sogar während der letzten Geburtsphase Globuli in den Mund gesteckt, obwohl ich vorher deutlich gesagt hatte, dass ich daran nicht glaube. Mich zu wehren hatte ich in dem Moment weder Zeit noch Kraft und Muße. Als ich später anmerkte, dass ich das nicht in Ordnung fand, wurde das lapidar abgetan mit „Naja, schaden kann’s ja auch nicht!“

Mütter untereinander, aber auch Hebammen, die Frauen in ihrer neuen Rolle unterstützen sollen, mobben regelrecht alle, die anders leben. Doch was bringt es? Würde dieses Verhalten im Zweifelsfall eine Mutter umstimmen? Geht es ihr oder ihrem Kind damit besser?

Sollten wir uns nicht lieber gegenseitig unterstützen und Mut zusprechen, wenn nicht alles so klappt, wie man es gerne hätte, statt noch nachzutreten?

Ich beobachte einen alarmierenden Trend von Mütterkämpfen einerseits und blinder Hörigkeit gegenüber alternativmedizinischer Praxis andererseits. Die Zahl der Impfgegner nimmt zu. Eltern geben selbst bei ernsten Krankheiten lieber Zuckerkugeln als zum Arzt zu gehen – teils aus eigener Überzeugung, oft aber aus der Angst vor sozialer Ächtung oder nach erfolgreicher Hirnwäsche. Es wird weniger reflektiert und informiert, was fatale Folgen haben kann. Gerade die Homöopathie bietet aber viele Denkfehler.

Die Liste der Gründe für Glaubenskriege unter Eltern ist lang und endet nicht bei Globuli, Stillen und Erziehungsmethoden. Dabei sollten wir aufhören, uns gegenseitig der Kindeswohlgefährdung zu beschuldigen und endlich anfangen, wirklich miteinander zu diskutieren. Denn es gibt da Probleme, die wir nur gemeinsam angehen können. Hebammenangel und Kinderbetreuung etwa. Fangen wir also an, uns miteinander auseinanderzusetzen. Wer ohne Fehler ist, der werfe den ersten Stein.

11 Kommentare zu „Der Glaubenskrieg unter Eltern

  1. Den Großen konnte ich auch nicht stillen, weil sein Saugreflex kaum vorhanden war. Ich hab auch alles ausprobiert. Meine Hebamme war super, die hat mich immer beraten und in allem unterstützt, egal für welchen Weg ich mich entschieden habe. Die war immer sehr bemüht, unser Selbstbewusstsein als Mütter zu stärken und wollte, dass wir den Mund aufmachen, wenn wir gegen unser Bauchgefühl handeln. So eine Hebamme ist natürlich Gold wert! Trotzdem ist das ein Scheißgefühl, wenn du dein eigenes Kind nicht satt bekommst mit deiner Muttermilch. Wir sind wohl genetisch so gepolt und dann noch diese Hormonscheiße… Da fühlt man sich erstmal als Versager, wenn das Stillen nicht klappt, damit muss man sich erstmal arrangieren.
    Aber das ist ja auch nur eine Phase, ein Jahr später interessiert das keine Sau mehr.
    Beim Kleinen hab ich dann nach 4 Monaten auch schon langsam wieder abgestillt und war nach 6 Monaten ganz durch – man ist dann doch flexibler und kann den Papa mal füttern lassen und stillen in der Öffentlichkeit ist ja auch nicht jedermanns Sache (obwohl ich das nie verurteilen würde).
    Vor 50 Jahren war es ja andersrum und die Stillenden wurden verurteilt und die Flaschennahrung war der heilige Gral. Und die Kinder mussten alle auf dem Bauch schlafen.
    Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass Globuli und co. nur bei kleinen Wehwehchen eingesetzt werden, bei denen man früher gar nichts gegeben hat, zB bei Schnupfen oder Kratzern, blauen Flecken.
    Ich kenne jetzt persönlich niemanden, der lieber Globuli gibt bei 40 Fieber als Zäpfchen etc.
    Auf der anderen Seite wurde dem Großen auch schon mal 5 Mal in einem Jahr ein Antibiotikum aufgeschrieben, was ich jetzt auch nicht unbedenklich finde.
    Ich kenne jetzt auch persönlich keine Impfgegner, aber in der Presse wird ja immer wieder darüber berichtet. Schwer nachzuvollziehen.
    Im Grunde genommen glaube ich, es gibt gar nicht so viele Mütter, die ihre eigene Sichtweise als die einzig wahre betrachten. Aber es gibt so ein paar Querschläger, die irgendwie immer im Gedächtnis bleiben – und ein paar, die mit Sicherheit unreflektiert und blind hinterher rennen.

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  2. Ich habe auch nicht gestillt, meine Tochter wollte es nicht, sobald die Brust kam drehte sie das Köpfchen weg und daran ließ sich auch nichts ändern.

    Heute ist meine Tochter 25, sie war fast nie krank, beendet bald ihr Studium und wir haben eine super Verbindung zueinander. Also: Take it easy, das wichtigste ist und bleibt Liebe und Urvertrauen!
    Liebste Grüße Ela

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  3. Danke für deine Offenheit und das Teilen deiner Erfahrung. Ich hoffe, ihr habt die Zeit soweit gut überstanden und du bist emotional wieder in ruhigerem Fahrwasser unterwegs.

    Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht, wie Menschen so sehr davon überzeugt sein können, genau zu wissen, was für einen anderen Menschen gut und richtig ist. Wo sie doch immer nur draufschauen und nicht drinstecken.

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    1. Vielen Dank! Uns geht es gut und ich selbst bin sehr viel entspannter. Was sich natürlich auch auf das Mäuschen überträgt.

      Genau das wollte ich auch im Artikel sagen: man muss viel entspannte rmiteinander umgehen, auch einmal vernünftig miteinander reden. Ich habe das Gefühl, dass der Ton untereinander -vielleicht auch angestossen durch das Internet und Social Media- schärfer geworden ist.

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      1. Ich finde auch, dass der Umgang entspannter sein sollte. Und offener für andere Ansichten. Und mit viel mehr Vertrauen darauf, dass der andere seine guten Gründe für das hat, was er tut. Mit dem Wissen darum, dass jeder Mensch einen anderen Weg gegangen ist und die Dinge, die er heute macht, aus seiner Historie begründet auch Sinn machen. Und dass die Lösungen des einen nicht die Lösungen des anderen sind, weil jeder andere Probleme hat, ganz individuelle, egal wie gleich sie manchmal scheinen mögen.

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  4. Gerade in der Zeit nach der Geburt ist man so unglaublich verletzlich, das ist für Menschen im normalen Alltag oft schwer, sich ins Bewusstsein zu rufen. Und wenn es dann nicht klappt mit dem Stillen, dann wiegt das doppelt schwer. Wie gut, dass ihr für euch einen guten Weg gefunden, damit umzugehen.
    Ich hatte beim ersten Kind auch einen schweren Stillstart, aber anders gelagert und irgendwann klappte das Stillen gut. Ich war glücklich, das Kind auch. Alles lief nach Plan. Weil unser Junge stark allergiegefährdet war, wollte ich alles 100% richtig machen, also ein halbes Jahr vollstillen, dann perfekter Beikoststart mit Weiterstillen und ohne irgendeine Kuhmilchkomponente und mit einem Jahr abstillen.
    Was mich dann kalt erwischt hat, war, dass das Kind auch unter keinen Umständen abstillen lassen wollte. Ich bin ganz ohne Plan „Langzeitstillerin“ (blödes Wort) geworden und was dann passiert ist das, was ich von vielen Müttern gehört habe, die nicht stillen konnten oder wollten. Da wird (ab)gewertet und kommentiert, das kannst du dir nicht vorstellen. Ich sei zu inkonsequent, das sei schräg, das sei eklig, ich wolle das Kind bewusst an mich binden, ich könne nicht loslassen, das sei pervers etc.
    Ist das nicht verrückt? Dass ein Thema, das direkt nach der Geburt als Nonplusultra gilt, wenige Monate später schon so kritisch gesehen wird?
    Das ist nämlich der Punkt. Es geht gar nicht ums Stillen oder Geburtsvorgang oder Betreuung oder Ernährung. Es ist ein sich Erheben über andere, vielleicht, um eigene Unsicherheiten klein zu machen und sich zu bestätigen in dem, was die Mehrheit macht.
    Für das Mutterleben gilt eigentlich nur: Erspüre, was dir und deinem Kind gut tut und handele dementsprechend. Selten ist das so leicht wie im ersten Jahr und wir Mütter sollten uns darin unterstützen, auf dieses Gefühl zu hören und das Verständnis dafür zu haben, dass unser gutes Bauchgefühl möglicherweise nicht das unseres Gegenübers ist.

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  5. Ich habe auch nur die ersten paar Wochen gestillt (es hat einfach nicht richtig geklappt), anschließend noch für eine Weile abgepumpt und dann auf Flaschennahrung gesetzt. Ja, der Junior war oft krank, allerdings hat er neben den obligatorischen Erkältungen (bis zu 12 im Jahr sind ab der Kindergartenzeit normal, tröstete mich mein Kinderarzt) auch Dinge mitgenommen, die definitiv nichts mit der „stillen oder nicht“-Frage zu tun haben. Armbruch und fiesere Sachen. Und ein Baby mit Fieber gehört zum Arzt. Immer. Und zwar schnell. Hat mein alter Chef stets gepredigt und das war einer der besten Kinderärzte, den ich kennenlernen durfte.

    Rückblickend betrachtet bin ich heilfroh und dankbar, dass ich damals als Kinderarzthelferin gearbeitet habe, denn anderenfalls wäre ich angesichts dieser Glaubenskriege wahnsinnig geworden. Und den Rabenmutter-Stempel hatte ich schnell weg. Erst das Fläschchen und später noch das Gläschen und dann gab’s nicht mal den „guten Babytee“ oder „gesunden Multivitaminsaft“ aus der Flasche zu trinken (das machst du nicht, wenn du einmal ein Kind mit „Nuckelflaschenkaries“ gesehen hast… schlimm), sondern reines Wasser. Krabbelgruppen & Co habe ich auch gemieden. Trotzdem scheint aus dem Junior was zu werden und wir haben ein super Verhältnis, was durchaus nicht selbstverständlich ist und für das ich jeden Tag aufs Neue dankbar bin. Ich kann nur sagen: Lass dir nicht reinquatschen, hör auf dein Bauchgefühl und sieh zu, dass du einen Kinderarzt hast/findest, dem du wirklich vertrauen kannst. Und dann pendelt sich das alles ein. 😉

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  6. Ich als Kinderlose kann da eigentlich nicht mitreden, denn all das, was ihr berichtet, habe ich selbst ja nicht erlebt. Aber immer bei Freundinnen und Familie miterleben dürfen. Ich habe echt keine Ahnung, warum diese „Hau-drauf-Methodik“ angewandt werden muss. Aber das ist wohl ein Thema, das so alt ist, wie die Menschheit. Spontan fiel mir dazu nur ein Spruch aus der – verzeiht bitte – Hundeerziehung ein: Wenn Du wissen willst, wie Du Deinen Hund richtig erziehst, dann frage diejenigen, die keinen haben, die wissen das!
    Jeder sollte seinen für ihn und seine Familie richtigen Weg gehen und niemanden dafür verurteilen! Denn ihr persönlich steckt drin, die anderen sind immer außen vor! Und da haben sie auch zu bleiben!

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    1. Danke für deinen Kommentar. Eins vorweg: dass du keine Kinder hast, disqualifiziert dich meiner Meinung nach nicht, an der Diskussion teilzunehmen. Eine Meinung hast du ja trotzdem und um etwas gut oder schlecht zu finden muss man nicht selber drin stecken. (Das ist so ein „Argument“, das mich in Diskussionen doch sehr aufregt: „Du hast keine Ahnung, weil du keine Kinder/Brüste/Krankheit hast, also halt dich raus“, daher erwähne ich das.)
      Hundeerziehung und generell Tierhaltung sind aber, da stimme ich dir zu, auch solche bitter umkämpften Felder. Ich kenne das von meinen Meerschweinen: „Was, du gibst denen gefiltertes Leitungswasser und nicht selbst gezogenes Gemüse?!“ Ich finde den Spruch durchaus passend, vielleicht nicht 1:1 übertragen auf Kinderlose vs. Eltern, sondern auf Eltern in verschiedenen Situationen und Stadien. Oft wird ja davon ausgegangen, dass das, was beim eigenen Kind geklappt hat, auch bei anderen Kindern das Nonplusultra sein muss. Ist es aber nicht.
      Und genau deswegen sollte jeder seinen Weg gehen dürfen, wie du ja auch sagst.

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  7. Das tut mir leid! Ich glaube, wenn man stillen will und es nicht klappt, ist das schon echt hart. Und Mütter könne da sehr unfair werden. Klar… jetzt ist es rum… ich habe gemerkt, dass es bei mir punktuell mit den Stillen nicht geklappt hat, wenn ich angespannt war und damit auch das Kind… der eigene Druck verhindert Endes das Fließen der Milch. Es geht um entspannen und loslassen.. Irgendwie habe ich mit bewusster Entspannung wieder die Kurve bekommen…
    lg

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