Eingebrockt

In den Blogs und auf Sozialen Medien lese ich viele erschrockene, bittere, wütende Stimmen. Ich fühle mit und bin doch gleichzeitig erleichtert, dass es so viele Stimmen sind, die sich gegen die AfD aussprechen.

Jedoch bringen mich einige Meinungsbekundungen zum Nachdenken. AfD-Wähler als dumme Nazis zu bezeichnen – hat nicht gerade das diejenigen in eine Ecke gedrängt und somit einen Diskurs unmöglich gemacht?

Zumal das Nazi-Argument meiner Meinung nach nicht zieht. Die einen wählten die Partei gerade deshalb, den anderen war es schlicht egal, welche Aussetzer sich Gauleiterland und Co geleistet haben.

Dass sich der Großteil der Wähler nicht mehr mit dem Wahlprogramm beschäftigt, sondern sich auf Ausschnitte in Medien sowie auf Wahlplakate beschränkt, ist ein alter Hut.

Um so wichtiger wäre es gewesen, die Nazikeule mal wieder einzustecken und darauf zu konzentrieren, den Menschen nahzubringen, was sie mit der Flüchtlingspolitik der AfD, die meiner Vermutung nach Hauptargument für deren Wähler darstellte, mitwählen. Einen Auszug gibt es bei Mimikama. Dass das meiste davon genau das Gegenteil dessen ist, was der Ottonormalwähler sich in einem Staat erhofft, in dem man gut und richtig leben kann, habe ich bereits gesagt.

Die Regierung hat es versäumt, die Menschen, die sich vor der „Flüchtlingsflut“ fürchteten und sich bedroht sahen (was man ihnen nicht verübeln kann), zu beruhigen und sensationsfrei zu erklären, was geschieht. Stattdessen wurde der Klatschpresse die Oberhand in der Berichterstattung gelassen. „Flüchtlingswelle“ und „Immirantenflut“ sind dabei Worte, die lediglich der Stimmungsmache dienten – GEGEN die AUfnahme von Flüchtlingen – und das Szenario verschärften.

Die Regierungsvertreter um Merkel haben es versäumt zu betonen, wie einzig und allein richtig und menschlich Merkels Entscheidung war. Es waren schwere Entscheidungen und es war abzusehen, dass viele Bürger damit unzufrieden sein würden, stört es doch das heile Heimatbild mit den immergleichen Menschen.

Die Verteilung der Flüchtlinge war vielerorts taktisch beschissen (pardon) – ich weiß um kleine und kleinste Dörfer und Städte, die plötzlich, d.h. ohne Ankündigung und innert weniger Tage, mit Wohncontainern bestückt wurden, in die mehr Flüchtlinge gesetzt wurden als die Region Einwohner hatte. Ja, ein Menschenleben geht immer vor den Wohlfühlfaktor eines anderen, jedoch gab es da so viele konfliktverschärfende Momente, dass ich zwar die Meinungen nicht teile, die negativen Stimmungen aber nachvollziehen kann.

Und zu guter Letzt hat eben auch jeder versagt, der die Ängste und Sorgen der „besorgten Bürger“ nicht ernst genommen, sondern verlacht hat. Ja, hin und wieder war auch ich dessen schuldig und das war dumm. Ich habe mir aber auch sehr oft den Mund fusselig geredet und damit bei ein oder zwei Menschen etwas bewirkt. Es hat mich viele Nerven gekostet und ab und an zweifelte ich an der Menschheit.

Wer als Idiot bezeichnet wird, denkt sich nicht „Oh ja, vielleicht bin ich ein Idiot. Ich werde in mich gehen und über meine Position nachdenken.“ Wer als Idiot bezeichnet wird, macht dicht. Verständlicherweise.

Was ich sagen will: es gibt so viele Gründe, warum die AfD dermaßen erfolgreich war. Wir haben uns die Suppe (mit) eingebrockt. Um sie auszubrocken, sollten wir aufhören mit k.o.-Floskeln wie „dumm“ und „Nazi“ um uns zu werfen und stattdessen anfangen einen offenen Diskurs zu suchen.

 

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