Die eigene Entscheidung

Manche von euch kennen Christine Finke bestimmt schon, mindestens aus Retweets auf meinem Twitterkanal, den ihr alle fleißig abonniert habt. 😉

Wir mögen nicht immer einer Meinung sein, doch ich schätze ihre Arbeit und ihr Einsetzen für Alleinerziehende. Mindestens bringen mich ihre Artikel zum Nachdenken. So auch der heute gepostete, ein Gespräch mit Mariam Tazi-Preve, Professorin für Politikwissenschaft und Geschlechterforschung: “Familie ist ein hochpolitischer Ort!”

Wie war das bei mir? Meine Mutter zog mich allein groß, mein Vater war abwesend, weil er das so wollte. Meine erste Begegnung mit ihm fand vor Gericht statt, als ich 21 Jahre alt war; niemand hat ihm den Zugang zu mir verwährt, er hatte schlicht kein Interesse. (Nach der Begegnung war ich ganz froh, dass er nie Teil meines Lebens war.)

Wie hat das meine Mutter geschafft? Möglich war ihr das aus zwei Gründen: einerseits meine Großeltern, die auf mich aufpassten, wenn meine Mutter arbeiten war. Andererseits eine schon früh beginnende Betreuung durch Kinderkrippe und Kindergarten. DDR eben.

Das würde ich mir allerdings so nicht für mein Mäuschen wünschen. Zum einen haben wir eben kein funktionierendes Netz aus Großeltern und Co., die überdies ja selber noch arbeiten. Zum anderen ist der Gedanke, 6 Wochen nach Geburt wieder arbeiten gehen zu müssen, wie es in der DDR war, ein Graus. Meine Tochter so jung schon in fremde Hände zu geben, es käme für mich nicht in Frage. Wenn da aber eben keine andere Person ist, die den Lebensunterhalt mitverdient, was will man machen?

Was wäre, wenn ich heute alleinerziehend wäre? Ganz einfach: ich wäre aufgeschmissen. Ob ich mein Studium dann weiterführen könnte? Nur mit Kindergartenplatz. Doch diese Plätze sind knapp. Da ich das Mäusekind unter einem Jahr nicht abgeben wollen würde, wäre das die Mindestzeit, die ich aussetzen müsste. Mindestens, weil dann eben das Pokern um die knappen Betreuungsplätze losginge.

Und in dieser Zeit fiele ich in die Schublade, die die neuen Rechten als Schmarotzer bezeichnen würden: alleinerziehend, auf staatliche Gelder angewiesen, arbeitslos. Dass ich auf dem Weg zu einer höheren Qualifizierung stünde, interessiert da nicht.

Könnte ich mein Studium nicht weiterführen, würde das vermutlich auch bedeuten, dass ich auch keine Ausbildung machen könnte, denn auch dafür muss man sehr viel Zeit haben. Dann hätte ich lediglich meinen Abschluss als Sozialassistentin, mit dem man zumindest in dieser Gegend keine Arbeitsstelle finden könnte, die man nicht mit Hartz IV aufstocken müsste. Ungelernte Tätigkeiten wären für die nächsten Jahre mein Schicksal, aber nur mit geregelter Betreuung.

Und so geriete ich immer weiter ins soziale Aus. Theoretisch gibt es Hilfestellen und Angebote für Alleinerziehende, praktisch ersetzt das eben auch keinen qualifizierten Beruf. Da kommt auch niemand, passt auf das Kind auf und sagt: „Mensch, dein Tag war schon so lang und für das Testat morgen musst du ja auch noch lernen. Lass mich mal machen!“

Komme ich also zur im verlinkten Artikel eingangs gestellten Frage: „[S]ind Entscheidungen über den Rückzug von Frauen ins Private nach der Geburt wirklich rein private, persönliche Entscheidungen?“

Ja und nein. Ich kann es mir erlauben, weil ich in der privilegierten Stellung bin, nicht alleinerziehend zu sein, sondern einen Partner zu haben, der sich um unsere Tochter kümmern kann und will und weil ich nicht den Druck habe, so schnell wie möglich wieder arbeiten zu gehen. Wenn ich es wünschte, könnte ich aber auch schon wieder arbeiten gehen oder mein Studium fortsetzen, während Papa auf das Mäuschen aufpasst beziehungsweise wir uns abwechseln.

Hätte Mr. English einen Job, für den er täglich 9+ Stunden das Haus verlassen müsste, wäre ich gezwungen, daheim zu bleiben. Vice versa ebenso. Auf einen Kindergartenplatz wartet man hier schon einmal gut 2 Jahre.

Alleinerziehend hätte ich die Wahl zwischen daheim bleiben und Hartz IV beziehen, studieren gehen und weiterhin einen Studienkredit beziehen oder unqualifiziert für Mindestlohn auf Halbtagsbasis arbeiten gehen.

Ja, in unserer speziellen Konstellation habe ich/haben wir das Glück, die Entscheidung selbst treffen zu können. Nein, in einer anderen Konstellation wäre diese Entscheidung nicht meine eigene, sondern in erster Linie ein notwendiger Kompromiss oder eine rein finanzielle Frage.

 

P.S.: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf halte ich für ein Märchen.

2 Kommentare zu „Die eigene Entscheidung

  1. Mein Eindruck ist, dass die Familienpolitik – ebenso wie die Rentenpolitik übrigens – immer noch auf einem Familienbild aus den 50ern basiert, in dem der Mann den Ernährer der Familie darstellt und die Frau schön zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert. Da beide ja sowieso lebenslang zusammenbleiben, versorgt der Mann seine Frau dann auch im Alter. Dass das längst nicht mehr der Lebensrealität vieler Menschen entspricht, hat sich anscheinend noch nicht rumgesprochen.

    Abgesehen davon empfinde ich das, was die Autorin in dem Interview über die sogenannten „Väterrechtler“ sagt, schon als ziemlich harten Stoff, weil sehr verallgemeinernd. Das ist aber nur meine persönliche Sicht. 😉

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    1. Wie gesagt teile ich auch nicht immer jede Meinung und auch in diesem Interview gab es die eine oder andere Stelle, die ich anders sehe.

      Dass sich die Politik nicht weiterentwickelt hat, ist zum Kotzen, aber nicht verwunderlich, schauen wir uns doch mal an, wer so i.d.R. in der Regierung sitzt. Und da jetzt auch noch die AfDödel im Bundestag sitzen, wird es nicht besser werden. Im Gegenteil, wahrscheinlich driften wir noch weiter ab in längst vergangene Zeiten.

      Die Rentenpolitik ist übrigens ein guter Punkt, denn auch hier werden Eltern, vor allem aber Mütter gerne benachteiligt. Man bekommt zwar ein Jahr Erziehungszeit angerechnet, aber dass das in der Realität nicht halbwegs das widerspiegelt, was tatsächlich „draufgeht“ an (nicht erbrachter) Arbeitszeit, brauche ich wohl nicht extra zu betonen.

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