Ich bin sauer

Oder: habt ihr eigentlich noch alle beisammen?!

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Bin ich auf Twitter unterwegs, finde ich meistens viele interessante Artikel, Gedanken, ich kann lachen, lerne etwas Neues oder stolpere über schöne Bilder und gute Leseempfehlungen.

Gestern allerdings verließ ich Twitter so zürnisch wie nie zuvor. Grund dafür waren zwei Artikel, die echt…aber seht selbst:

1. Frauen, werft die Schminke weg, dann seid ihr sicher

Barbara Kuchler hat in ihrem Artikel „#OhneMich“ gefordert, dass Frauen sich nicht mehr körperbetont kleiden und ihr Make-Up wegwerfen sollen. Denn: „Solange sich Frauen als das schöne Geschlecht gerieren, bleibt die #MeToo-Debatte oberflächlich.“

Zwar sagt sie „[d]ass enge Hosen und hohe Schuhe Männern kein Recht zum Grapschen und zu schlüpfrigen Sprüchen geben, bleibt dadurch unbenommen. Männer müssen sich kontrollieren und ihre Hände und Zunge im Zaum halten – selbst wenn die Wahrnehmung von Körperattributen sich aufdrängt, ist der Überschritt zum Handeln in keinem Fall erlaubt.

Jedoch macht das nicht wett, dass im Artikel der gleiche Mist gefordert wird, das gleiche Victimshaming und Opfererziehen, die gleiche „selbst schuld“ Scheiße passiert, die wir schon so oft gehört haben und die durch Wiederholung eben nicht besser wird.

Frau Kuchler als Soziologin sollte wissen, dass Abschminken und Schlabbershirt nicht vor sexuellen Übergriffen schützen. Sie als Soziologin sollte wissen, dass die Mechaniken, die hinter sexualisierter Gewalt stecken, ob verbal, psychisch oder körperlich, wesentlich tiefer liegen als die Frage nach der Länge des Rocks. Vergewaltigung findet schließlich auch da statt, wo Frauen ganzkörperverhüllt sind. Eine Frau muss sich nicht präsentieren, um in eine sexistische Rolle gedrängt zu werden.

Nein verdammt, Frauen sollen nicht auf Makeup und Ausgehkleid verzichten, damit ein Arschloch sich nicht wie ein Arschloch benimmt! Es geht auch nicht darum, dass sich entweder Frauen weniger oder Männer mehr hübsch machen (ja, das steht echt im Text!), sondern es geht darum, Männern und Frauen -Frauen als Täterinnen gibt es in Frau Kuchlers Welt wohl nicht- schon im Kindesalter gegenseitigen Respekt und Impulskontrolle beizubringen. Den Unterschied zu zeigen zwischen einem Kompliment, Flirten und einem ekelhaften Spruch.

Zudem, Frau Kuchler, ob Sie glauben oder nicht, aber so manche Frau schminkt sich nicht für andere, sondern für sich. Weil sie es mag, nicht weil sie einer Gehirnwäsche unterzogen wurde. Nicht weil sie ne geile Schnitte sein will, sondern weil es ihr gefällt. Auch wenn Sie das nicht glauben wollen und auf Seite 2 als Spinnerei abtun. Und mal ehrlich: wenn sie anderen gefallen will, warum denn nicht? Das heißt trotzdem nicht, dass sie dann mehr Schuld an einem Übergriff hätte als ohne Kayal.

Ich zum Beispiel gehe nur noch selten weg, da sich das mit Kind eben nicht so einfach gestaltet, aber wenn, dann möchte ich doch nicht „irgendeine Hose, irgendeine Jacke und irgendwelche Schuhe“ anziehen, nur weil Sie das bei ein paar Männern beobachtet haben.

Zugegeben, die Passage darüber, sich nicht mehr mit dem Schönheitswahn zu quälen, die finde ich gut. Tatsächlich denke ich mir manchmal, wenn Freundinnen fragen „sieht das gut genug aus? Kann ich so aus dem Haus?“ nachdem sie eine Stunde an sich herum gezupft haben und sie so gutaussehend locker auf meinem imaginären Catwalk laufen könnten, dass etwas schief läuft. Dass Frauen in Filmen und Serien immer gertenschlank und top gestylt zu sein haben nervt mich auch.

Das aber mit dem Thema des sexuellen Übergriffs in Verbindung zu bringen geht mir zu weit. Das ist nicht fair. Das ist nicht in Ordnung. Es rückt den Fokus auf das Opfer, wo er doch beim Täter liegen sollte. Der Täter ist der Täter, der der etwas getan hat, das nicht rechts- und werte- und sittenkonform war.

„Wer morgens vorm Spiegel den Eyeliner zückt, malt mit an der schönen Seite einer gesellschaftlichen Ordnung, deren hässliche Seite das Grapschen und Einsammeln von Frauen als Jagdtrophäe ist.“

Wissen Sie, was es heißt, den Fokus auf das Opfer zu rücken? Es heißt, dass das Opfer sich ändern muss, um nicht Opfer zu sein; es heißt, dass es Schuld an seiner Opferrolle hat; es heißt, dass es falsch handelt und falsch ist. Und das ist die Argumentation, die am Ende relativiert, die Täter im Gerichtssaal sagen lässt „aber die hatte einen Minirock an, da konnte ich mich nicht beherrschen. Sie ist selbst Schuld! Sie hätte sich ja nicht so anziehen müssen, dann hätte ich ihr auch nichts getan!“

Diese Täterkultur gilt es zu überwinden, statt Frauen zu sagen, sie sollen sich nicht schminken und hübsch anziehen und zu behaupten, dass sie das gar nicht wollen, sondern das allein für die Männer tun, von denen sie am Abend belästigt werden. Ganz nebenbei würdigt das alle Männer pauschal auf unkontrollierte Bestien herab – und das ist wiederum ebenso sexistische Kackscheiße wie Catcalls und Grapschattacken.

(Fazit: Weder sind Opfer selber Schuld noch sind alle Männer Vergewaltiger. Opfern die Schuld zuzuweisen hat fatale Folgen!)

2. Arbeitslosengeld gibt’s jetzt bei Rewe

Zur Kategorie WHAT THE FUCK gehört der zweite Artikel: „Gibt es Arbeitslosengeld künftig an der Supermarktkasse?“ aus der FAZ.

Darin heißt es, dass in Ausnahmefällen, also wenn jemand kein eigenes Konto hat oder eine sofortige Auszahlung braucht, das Arbeitslosengeld an den Kassen von Rewe, Penny, Real, dm und Rossmann ausgezahlt wird. Dazu bringt der AG-Empfänger einen Zettel mit Barcode mit, den er vom Jobcenter oder der Arbeitsagentur bekommt, das wird gescannt und an der Kasse ausgezahlt.

Sehr geehrtes Bundesamt für Arbeit: Geht’s noch?

Das ist auf so vielen Ebenen scheiße, dass ich eine Liste machen muss:

  1. Stigmatisierung von Arbeitslosen:
    Arbeitslose werden in unserer Gesellschaft gerne als arbeitsscheu, faul und ungebildet dargestellt, als Zielscheibe menschenunwürdiger Debatten missbraucht und sind somit bereits eingehend stigmatisiert. Kommt dann noch dazu, dass diejenigen ohne Konto demnächst für alle sichtbar an der Kasse ihr Bargeld bekommen, wird sich das für diese Personen nicht bessern, im Gegenteil. Dann weiß jeder, dass Herr Müller zu den „Extremfällen“ gehört. Das verschlimmert sich um eine Unbekannte, handelt es sich bei der Person um jemanden, der „nicht deutsch“ aussieht.
  2. Abwälzen eigener Aufgaben:
    Indem das BA diese Aufgabe den Supermärkten zuschiebt, drückt es sich um seine Verantwortung. Dass es kein Bargeld mehr in den Jobcenter haben will interessiert hier schlicht und ergreifend nicht. Es kann nicht sein, dass Supermärkte eine solche Aufgabe zugeschoben bekommen. Davon abgesehen: wie soll das funktionieren, ohne ein Risiko für die Ladeninhaber zu beinhalten? Sie müssen das Geld vorstrecken, doch wann und unter welchen Prämissen bekommen sie es wieder? Und wird es dann auch so irre Sonderausnahmen wie bei den Retaxierungen der Krankenkassen geben, sodass sie auf den Kosten sitzen bleiben?
  3. Symptombekämpfung statt Ursachenforschung
    Indem man die „Sonderfälle“ an andere Stellen verweist, um sich ihr Geld abzuholen, geht man kein Problem an, sondern wirft ein bisschen Schminke auf eine offene Wunde. Nicht die Stelle sollte erneuert werden, wo Menschen ohne Konto Geld abholen dürfen, sondern das Recht auf ein Girokonto soll endlich durchgesetzt werden. Den Banken entsteht dabei anders als den Supermärkten kein Risiko. Sie können bestimmen, dass kein Dispositionskredit gegeben wird, Zinsen gibt es ohnehin nicht mehr. Eine Adresse ist mMn unnötig, geschieht ohnehin alles digital und die einzige Post, die ich von meiner Bank bisher bekommen habe, waren entweder Kontoauszüge weil ich es verschlafen habe sie zu ziehen (geschieht jetzt auch digital, keine Post mehr!) oder Werbung.

Das schlechte Bankenwesen in Deutschland ist auch so ein Thema, das mich ziemlich ankotzt, aber das würde jetzt zu weit führen.

Zu Punkt 2 allerdings treibt mich eine Frage um: Habt ihr oder haben Bekannte, Freunde, Verwandte etc. jemals eine ordentliche Arbeitsstelle vom Jobcenter vermittelt bekommen? Also weder eine bis fünf Maßnahmen, noch Zeitarbeit, sondern eine „normale“ Arbeitsstelle?

 

Autor: nickel

Schmeckt wie Regenbogen. kopfbunt, verhaltensoriginell, warmherzig, ehrlich, verrückt, denkintensiv, pflegeleicht. Manchmal.

15 Kommentare zu „Ich bin sauer“

    1. Ein seltener Fall, wie ich finde. Im gesamten Bekannten-, Freundes- und Familienkreis kenne ich keinen einzigen Erfolgsfall. Und diese meine Kreise haben doch oft genug mit dem JC zu tun, dass die Relation einfach nur grottenschlecht ist.

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  1. Oh, dass sind beides auch zwei Themen, welche mich zur Zeit sehr wütend machen. Allein der Gedanke, ein Opfer trüge Mitschuld an einer Tat, ist derart dreist und unverschämt – argh, da fehlen mir echt die Worte. Gut, dass Du Deinen Ärger aber in Worte gepackt hast! 🙂

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  2. Hat dies auf Tempest rebloggt und kommentierte:
    An einen Mann in meinem Leben, den ich gerne mag, der leider auch Victim-Blaming-Äußerungen getroffen hat (`Sie ist selbst Schuld, wenn sie sich so anbietet´ oder so ähnlich): Lies das und mach dir Gedanken. Denn besser hätte ich es nicht schreiben können. Die Aussage habe ich dir nämlich bis heute nicht verziehen, auch wenn du es hinterher als nicht ganz ernst gemeint herunterspielen wolltest, teilweise indem du sagtest, der Täter müsse natürlich mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft werden. Du hast mich mit dieser Aussage auch sehr verletzt und enttäuscht, weil ich dir eigentlich besseres zugetraut hätte.

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  3. Zu beiden Punkten meine volle Zustimmung.

    Und zur Frage: Ja, ich kenne (und genau) einen Fall, in dem aus einer Vermittlung (in einen Minijob) über’s JC eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wurde, die jetzt schon ca. fünf Jahre hält.

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  4. Woach! Ich krieg Puls! Ich kann Dich völlig verstehen. Hat die Perle zu Nr. 1 eigentlich noch alle Latten am Zaun? Das ist so herabwürdigend wie die dämliche „Armlänge“ als Schutz vor Übergriffen. Dass die Politiker in anderen Welten als wir Normalsterbliche leben, das haben wir ja schon mitbekommen, aber die hat vermutlich eher mit ihrem eigenen „Frau sein“ ein Problem oder ist selbst zu dämlich zu schminken. Und ja, das war jetzt vermutlich unsachlich, aber zu solch dämlichen Aussagen fällt mir einfach nix mehr zu ein.

    Zu 2. Eigene Erfahrung: Willst du einen Job haben, dann bemühe Dich überall selbst. Denn das Arbeitsamt ist dazu einfach nicht fähig. Mir hat allein der Lebenslauf gereicht, den die von mir eingestellt hatten: der hatte mir meinem Lebenslauf nichts mehr zu tun! Null Bock und Unfähigkeit = Arbeitsamt bzw. Jobcenter. Meine traurige Erfahrung.

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    1. Zu 2.: so sieht meine Erfahrung eben auch aus. Diejenigen, die sich allein auf das JC verlassen haben, waren ewig arbeitslos, haben hier und da eine Maßnahme reingedrückt bekommen und wurden vom einen Scheißjob zum anderen Job geschickt, für den sie gar nicht bis überqualifiziert waren oder der ewig weit weg war oder von dem sie gerade gekündigt wurden oder oder. Man ist nur eine Nummer und wer die Fresse aufmacht oder 5 Minuten zu spät kommt (!) kriegt Geld gestrichen.
      Nur die, die sich selber bemüht haben und auch auf Jobs beworben haben, die ihnen gar nicht vorgeschlagen wurden, obwohl sie 1:1 passten, die haben es auch aus der Arbeitslosigkeit geschafft.

      Und ja, ja, 1. Da musste ich mir auch einiges verkneifen. Etwa die Frage, ob wir jetzt alle wie sie rumrennen müssen, ungekämmt und im Überpulli. Aber nee, ich bin ja brav. Manchmal.

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  5. Hmmmm hmmm hmmmmm – ich habe den Artikel der werten Kollegin nicht gelesen, aber ich denke, dass sie da ein bis drei Dinge zusammenwirft:

    – Selbstbestimmtheit: eine Frau soll natürlich vor die Tür gehen können, wie sie es für richtig hält
    – Selbstbewusstsein: Für wen sie sich schminkt, bleibt ihre Sache. Wünschenswert ist es aus meiner Sicht allerdings schon, wenn sie es macht, weil es ihr gefällt und nicht weil sie gefallen will
    – Sexualstraftaten: die gibt es, egal, wie die Frau aussieht. Leider. Aber das in irgendeiner Weise mit den vorigen beiden Themen zusammenzubringen funktioniert nicht und sieht einfach wie „victim blaming“ aus, bzw. ist es einfach.

    Ich finde es sehr schade, dass diese Debatte überhaupt geführt werden muss. Aber es scheint, wir sind doch nicht viel weiter gekommen, als im Mittelalter.

    Was Dein zweites Thema angeht: Ich kenne ehrlich gesagt niemanden, der jemals das Jobcenter in Anspruch genommen hat. Ein Freund wird davon gerade gequält, weil er mit seiner Dissertation nicht fertig ist, obwohl sein Vertrag ausgelaufen ist. Aber das ist eine Diss in Informatik, ergo ist der Aufwand unnötig.

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  6. zu 1) D’accord! Ich verstehe sowieso den Ansatz „moderner“ Feministinnen nicht. Immer und überall wird die Frau als Opfer dargestellt und gleichzeitig als toughte Powerfrau, die alles viel besser könnte, wenn das allgegenwärtige Patriarchat sie nur mal lassen würde.

    Und wieso versucht man eigentlich ständig, Frauen vorzuschreiben, was sie anziehen oder ausziehen sollen?

    zu 2 eine Anmerkung (da ich in der Branche arbeite): Während reiche Oligarchen und große Konzerne in aller Seelenruhe ihr zusammengerafftes Geld in Steueroasen parken, wird gleichzeitig eine wahre Hexenjagd wg. Geldwäsche veranstaltet. Also nur auf die normalen Leute, versteht sich. Wer also als Bankangestellter ein Konto eröffnet, ohne eine glasklare Identifizierung vorgenommen zu haben (Adresse!!!), steht mit einem Bein im Knast.

    Es bleibt natürlich eine Frechheit, was sich die Menschenschinder vom Jobcenter da wieder ausgedacht haben.

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    1. 2: Eben deswegen finde ich muss das alles mal überarbeitet werden. Totaler Scheiß, das.

      1.: Eben! Frauen haben selbstbestimmt zu sein (das ist ein Befehl!) aber dabei 2947 Regeln zu befolgen, denn dies ist falsch und jenes auch und das da sowieso. Wie wär’s mit einfach mal machen lassen?

      Gefällt 1 Person

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