6. Dezember

Ein Beitrag von Jule

Last Christmas, da lag ich am Strand

Das Wetter könnte schöner nicht sein: Meine Füße spielen mit dem weichen Sand, meine Haut wird von der Sonne gestreichelt und mein Näschen von einer leichten Brise erfrischt. Manchmal blinzle ich in den Sonnenschein, beobachte ein paar kleine Boote oder die beiden Einheimischen, die am Ende des Piers angeln. Irgendwo hört man Kinder spielen. Ich seufze zufrieden. 30 Grad, Sonne, Meer, Palmen… ja, es könnte wirklich schlechter sein.

Um kurz vor halb zwei krame ich mein Handy aus dem Rucksack und rufe zu Hause an. Dort ist es kurz vor halb sieben, die Bescherung dürfte vorüber sein, das Abendessen noch nicht aufgetischt.

Hier, 8.000 km weit weg, erinnert nichts daran, dass heute Heiligabend ist. Der 24. ist in der Karibik das, was bei uns der 23. ist, also der letzte Tag vor Weihnachten. Alles scheint normal zu sein. Dass irgendetwas anders ist, verraten nur die überfüllten Parkplätze, das geschäftige Treiben in den Supermärkten und die menschenleeren Strände.

Es fühlt sich unwirklich an, inmitten von Palmen „frohe Weihnachten“ ins Handy zu flöten. Zu meinen Füßen liegt die herrlichste Karibik und das letzte, was ich fühle, ist Weihnachten, jedenfalls mit dem „deutschen“ Weihnachtsfeeling verglichen. Zwar gibt es Weihnachten auch hier, aber Weihnachtsmärkte sucht man genauso vergeblich wie Lametta und Whams „Last Christmas“.

Einzelne Geschäfte haben allerdings Tannenbäume aufgestellt und mit glänzenden Kugeln oder Girlanden behangen, inmitten von Maracujabäumen leuchten knallbunte Lichterketten. Wenn man möchte, kann man auch Schneemannlampen und Weihnachtsmänner mit dickem Mantel und Mütze kaufen. Es wirkt allerdings surreal, diese winterlichen Anblicke passen hier nicht hin. Sie transportieren etwas Belastendes, die Karibik ist aber durch und durch fröhlich. Das merkt man auch an der Musik, die hier gespielt wird.

Schon seit unserer Ankunft laufen im Radio bekannte Weihnachtslieder rauf und runter, von „Stille Nacht, heilige Nacht“ bis „Gloria“. Hier wird allerdings zu „Stille Nacht, heilige Nacht“ getanzt, denn das Lied ist ziemlich flott. Genauso wie alle anderen Lieder. Musik gibt es aber nicht nur im Radio, sondern nahezu überall. Kinder singen in Chören, die Kirchen laden zum gemeinsamen Singen ein und an jedem Adventswochenende findet in der offenen Dorfhalle, die tagsüber als Marktplatz dient, ein großes Fest statt. Während hier wechselnde Bands spielen, tanzen Einheimische und Besucher fröhlich miteinander. Hier springt der Funke schnell auf alle anderen über. Von den vielen strahlenden Gesichtern und begnadeten und unbegnadeten Tänzern lässt man sich gerne anstecken, ausgelassen zu sein, zu lachen, zu tanzen und einfach Spaß zu haben.

Aber auch abseits der Dorfhalle ist das Leben unkompliziert und locker. Genauso war dann auch unser Heiligabend. Unkompliziert und locker, mit Sonne, Meer, Strand und Palmen, einem Marktbesuch, einem bescheidenen Abendessen und gutem karibischen Rum – so wie jeder andere Urlaubstag.

Weihnachten ist quasi ausgefallen. Und trotzdem war es nie schöner als an diesem Tag.

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3 Kommentare zu „6. Dezember

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