16. Dezember

Ein Beitrag von Radioactive Waste Man

Weihnachten in der Schwerelosigkeit

Nafra und Jadjari überlegten, was sie in der Schule als Abschlussprojekt machen konnten. Es musste etwas gutes sein, etwas sehr gutes, da waren sie sich einig. Aber wie konnten sie die anderen Bewohner ihres Raumschiffes, der Sejereh, unterhalten? Was konnten sie machen, was die Menschen auf diesem Schiff in den letzten siebenhundert Jahren nicht schon mal gemacht hätten, um sich zu unterhalten?

Tagelang hatten die beiden am Computer in alten Unterlagen gestöbert und verschiedene Ideen verworfen: Ein Oper – wie langweilig. Das Spiel Völkerball mit allen 500 Bewohnern – hatte es letztes Jahr schon gegeben. Eine Verschönerung von Verbindungsgängen – gab es auch schon. In siebenhundert Jahren konnte man eine Menge Unterhaltungsmöglichkeiten ausprobieren.

„Die Schüler am Anfang der Reise hatten es echt besser“, sagte Nafra.

Jadjari nickte zustimmend. Dann sagte sie: „Wir werden schon noch etwas finden, das wir machen können. Vielleicht suchen wir einfach nach den falschen Begriffen.“

Nafra überlegte und sagte dann: „Du meinst, wir sollten nach Walfisch suchen, um Unterhaltung zu finden?“

„Vielleicht. Lass es uns ausprobieren.“

Die nächsten drei Stunden verbrachten die beiden damit, alle möglichen Begriffe, die ihnen einfielen, in die Suche einzugeben und zu schauen, was sie für Ergebnisse bekamen. Sie lernten zwar viel interessantes über die Erde, aber wirklich weiter kamen sie mit ihrem Projekt nicht.

Dann fand Nafra einen Artikel über Ferien und insbesondere über Weihnachtsferien. „Das hier könnte interessant sein“, sagte sie.

Jadjari schaute sich den Artikel und die zugehörigen Bilder an. „Hier steht, dass die Menschen die vier Wochen vorher immer mit Vorbereitungen für dieses Weihnachtsfest verbracht haben.“

„Vier Wochen? Was war das für ein Fest, dass sie vier Wochen zur Vorbereitung gebraucht haben?“

Jadjari schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung, aber das ist genau das, was wir suchen. Ein Fest, wo jeder an der Vorbereitung beteiligt ist, und das vier Wochen lang… Wenn wir dafür keine eins kriegen, weiß ich es auch nicht.“

Die nächsten Wochen suchten die beiden nach allen Informationen, die sie über dieses Weihnachtsfest und die Adventszeit, wie die Vorbereitungszeit hieß, finden konnten. Es schien in manchen Regionen der Erde ähnlich wichtig gewesen zu sein wie ihr Abflugsfest auf der Sejereh. Mit Geschenken für alle und gutem Essen und mehreren Tagen ohne Arbeit. Nur dass es vorher einen Haufen Zeremonien zur Vorbereitung des Festes gab.

Jadjari und Nafra trugen alles zusammen, was sie über die Vorbereitung des Festes fanden. Dann stellten sie ihr Projekt ihrem Lehrer vor. Der fand es eine gute Idee und sagte, dass sie es weiter verfolgen sollten.

In den nächsten drei Wochen mussten Jadjari und Nafra in jedem der Wohnmodule von ihren Plänen berichten und so die Zustimmung der Bewohner der Sejereh zu ihrem Projekt einholen. Tagelang mussten sie ständig Fragen beantworten und Auskünfte geben. Über 500 Personen zu überzeugen, merkten sie, war nicht ganz einfach. Aber am Ende hatten sie es geschafft und ihrem großen Abschlussprojekt stand nichts mehr im Weg.

Sie erstellten Anleitungen und Rezepte, die in der Vorweihnachtszeit benutzt werden sollten. In Modul Gamma Zwei, in dem auch die Pinguine lebten, gab es drei Tage lang einen Weihnachtsmarkt, mit Kinderpunsch, Glühwein und gleichmäßigem, ruhigem Schneefall. Dazu spielte die Kapelle zusammen mit dem Kinderchor mehrfach am Tag sogenannte Weihnachtslieder, die meistens von Frieden, Ruhe und obskuren göttlichen Wesen handelten.

Abends trafen sich die Familien in ihren Wohnzimmern und die Erwachsenen lasen den Kindern Geschichten vor und sangen gemeinsam Lieder. Meistens sangen sie ziemlich schief, aber bei Kerzenschein war es egal.

Außerdem waren alle damit beschäftigt, Geschenke für die Leute, die ihnen wichtig waren, zu basteln oder zu besorgen. Eltern halfen ihren Kindern dabei und brachten ihnen so ganz nebenbei

erste handwerkliche Fähigkeiten bei. Oder aber sie malten mit den Kindern Bilder oder schrieben Gedichte.

In vielen Häusern trafen sich die Bewohner in den Küchen, um gemeinsam Weihnachtsgebäck zu backen. Vor allem für die Kinder war es ein großer Spaß, die Kekse in verschiedenen Formen zu schneiden und anschließend zu backen.

Während all dies sich über vier Wochen hinzog, bereiteten Jadjari und Nafra die große Zeremonie vor. Im Modul Beta vier, dem Modul mit dem größten offenen Raum, dekorierten sie in der Mitte auf der Rotationsachse, wo Schwerelosigkeit herrschte, einen großen Tannenbaum mit allerlei Schmuck, wie sie ihn auf den Bildern von der Erde gesehen hatten. Elektrische Kerzen, Äpfel, Strohsterne, die der Kinderhort im Modul Gamma eins gebastelt hatte, bunte Figuren aus Holz und aus Salzgebäck, filigrane Glaskugeln und einiges mehr. Durch die Schwerelosigkeit, die in diesem Bereich herrschte, war das Dekorieren des zehn Meter langen Baumes kein Problem.

Die Leute murrten ein wenig, dass Jadjari und Nafra das Modul für alle anderen gesperrt hatten, aber mit dem Hinweis auf eine große Überraschung konnten sie doch alle davon abhalten, ihre Vorbereitungen zu stören.

Für jeden Bewohner der Sejereh hatten die beiden ein kleines Geschenk besorgt, eingepackt und mit dem Namen beschriftet. Dann sortierten sie die Geschenke nach den Wohnmodulen der Empfänger und ließen sie, jedes versehen mit einem kleinen Licht, um dem Baum herum schwirren. Immer wieder mussten sie einzelne Geschenke, die sich zu weit entfernt hatten, wieder einfangen, aber insgesamt funktionierte es gut.

Dann war der große Zeitpunkt gekommen und sie öffneten die Türen, dass alle in das Modul herein kommen konnten. Jadjari und Nafra hatten sich Aufzeichnungen von einigen Weihnachtszeremonien angeschaut und daraus ein Programm entwickelt, das sie für die Sejereh für angemessen hielten.

Rund um das Modul versammelten sich die Bewohner der Raumschiffs, jedes Wohnmodul an einer Seite des rotierenden Zylinders. Jadjari und Nafra schwebten in der Mitte in der Nähe des Baumes, das Orchester der Sejereh und der Chor schwebten jeweils über bzw. unter dem Baum, dessen Spitze entlang der Rotationsachse zeigte.

Gemeinsam sangen alle mit Unterstützung von Chor und Orchester drei Lieder, dann trugen Jadjari und Nafra abwechselnd einen rituellen Text vor und dann wurde wieder gesungen. Dann löschten sie alle Lichte im Modul bis auf den Baum und die an den Geschenken. Jedem einzelnen Geschenk gaben sie einen Schubs, so das es in einem großen Bogen um den Baum herum schwirrte und von der künstlichen Schwerkraft nach außen gezogen zu seinem Empfänger trudelte.

Es sah wunderschön aus, wie der ganze Zylinder des Module mit den kleinen Lichtern der Geschenke gefüllt war, die sich langsam immer weiter nach außen bewegten und schließlich wie kleine Schneeflocken bei ihren Empfängern ankamen.

Nachdem jeder sein Geschenk erhalten hatte, verabschiedeten Jadjari und Nafra die Leute und dann gingen alle nach Hause, um gemeinsam mit ihrer Familie zu Essen und die Geschenke, die sie sich gegenseitig gebastelt hatten, auszutauschen.

Als alle das Modul verlassen hatten, kam ihr Lehrer zu Jadjari und Nafra und gratulierte ihnen zu diesem sehr gelungenen Projekt und der guten Note, die sie damit zum Abschluss erhalten hatten. Dann gingen auch Jadjari und Nafra zu ihren Familien nach Hause.

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