Köter im Straßenlicht

Er hatte sich schon lange nichts mehr gegönnt. Nichts Gutes, nichts Selbstverständliches. Der Antrieb fehlte.

Seitdem sie gegangen war, musste er sich immerhin nicht mehr ihr dummes, inhaltsloses Geschwafel antun. Immer dieses Geschwafel, „wusstest Du schon, die Meiers haben jetzt ein neues Auto! Das können die sich doch gar nicht leisten“ oder „Hast Du schon den hässlichen Haarschnitt von Frau Bielemann gesehen?“

Ihr letztes dummes Geseier war „Ich habe jemanden kennen gelernt.“
„Endlich,“ sagte er, „endlich habe ich Dich los. Geh und nimm mit, was Du brauchst.“ Doch sie nahm nicht nur das mit, was sie brauchte.

Die Freunde, die sie zweiwöchentlich einlud, waren IHRE. Die Verwandten, die sie unregelmäßig besuchten, waren IHRE. Selbst seine Hobbies waren ihre und so blieb ihm nichts weiter übrig, als stur seiner Arbeit nachzugehen, nach Hause kommen, essen, schlafen und das gleiche Spiel am nächsten Tag fortzuführen. Eat, sleep, work, repeat.

Die Abwechslung in seinen Tagen, Wochen und Monaten war durch das Fernsehprogramm bestimmt, das ihn mit Fake News und Hysterie zunehmend zu verblöden schien. Dieser Trump musste entweder ein Genie oder ein fataler Idiot sein. Bei #metoo konnte er nicht anders als daran denken, dass er seine Chance mit der blonden Mitarbeiterin hätte nutzen sollen. Die, die ihm schöne Augen machte und ihren geilen Arsch hinstreckte. Er hätte ihn einfach packen und reiben sollen, du geiles Stück, dachte er. Doch nicht einmal diese Gedanken brachten ihn genug in Wallungen, als dass er sich lebendig gefühlt hätte.

Doch jetzt stand er hier, vor dieser winzigen Kneipe abseits des mit Weihnachtsdeko vollgekotzten Stadtzentrums, erleuchtet nur von einer einsamen, dunklen Straßenlaterne in flackerndem Gelborange. Eine Werbung, ausgerechnet eine bescheuerte Werbung hatte ihn dazu veranlasst, das Haus zu verlassen und das Abenteuer zu suchen. Unrasiert und ungekämmt zog er sein drittbestes Hemd an und machte sich auf die Suche. Wonach, das verriete ihm vielleicht der Boden des dritten geleerten Bierglases.

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