Wie wir Regeln finden

Beim Nuf gab es ein interessantes Interview mit Berlinmittemom über Konsumverhalten im Internet und dessen Grenzen in deren Familie. Berlinmittemom stellte zum Schluss des Interviews eine Frage in die Runde:

An was orientiert ihr euch, wenn ihr Regeln zur Mediennutzung mit euren Kindern formuliert?

tldr: Wie bei allem orientieren wir uns auch in Erziehungsfragen am Wohlfühlfaktor, dem Tagesgeschehen, eigenen Erfahrungen und nur selten an Ratgebern.

Meine Tochter ist erst 11 Monate jung, daher kann ich nur theoretisch antworten. Ich treffe aber alle meine Entscheidungen (auch außerhalb des Elternseins) so, deshalb kann ich es sicher adaptieren.

Für mich bzw. uns ist es wichtig, dass es mit Entscheidungen und Regeln allen gut geht. Beispiel: Erlaubt man dem Kind uneingeschränkten und unkontrollierten Zugriff auf Internet und TV, so gefällt das dem Kind sicher sehr, aber a) würde es mir selbst damit nicht gut gehen und b) wie schon im Interview gesagt wurde hat das eben auch Einfluss – ganz direkt auf die Stimmung und längerfristig auf die Charakterbildung. Ich sage damit nicht, dass Internet per se schlechte Menschen macht, ich bin ja selbst sehr internetaffin und wohl ganz okay geraten. Jedoch merke ich an mir selbst, dass es gewisse Abhängigkeiten gibt, steckt man einmal drin – und das ist sicher nicht immer so gesund und auch nicht immer so toll wie man glauben möchte. Ein ganz simples Beispiel, das sicher viele kennen: morgens Emails checken. Eine Studie fand heraus, dass das morgendliche Emailchecken die Tagesproduktivität um 27% (sicher auch mehr) senken kann. Man möchte up to date sein. Bei Kindern und Jugendlichen sind das vermutlich weniger die Emails, dafür aber Abos verschiedener Youtube-Kanäle, bei Instagram, Facebook und Co. Und ganz schnell hat man da ein, zwei Stunden verplempert ohne es zu merken. Und es schafft Abhängigkeiten, die in der Nutzungsweise jugendlicher Cliquen begründet liegen. Wer den neuesten Beitrag nicht gesehen hat, kann nicht mitreden.

Natürlich hat eine einzelne Familie nicht viel Macht gegen den Druck der Peergroup, doch man kann Grundsteine setzen. Diese Grundsteine sollte man so früh wie möglich setzen, denn ist das Kind erst einmal in der Pubertät, in der Freunde ungleich wichtiger und einflussreicher werden als die Eltern, kommt man kaum gegen unerwünschtes Verhalten mehr an. Da Internet inklusive Social Media und diversen Spielen Teil unserer Gesellschaft sind, auch wenn es manch einer nicht wahrhaben will und alles Digitale verteufelt, müssen wir als Eltern unsere Kinder auch dafür sensibilisieren und ihnen verantwortungsvollen Umgang mit diesen Medien beibringen. Das geht weder durch Laissez-Faire noch durch strikte Verbote. Irgendwo in der Mitte, zwischen diesen beiden Extremen, sind gute und wirkungsvolle Methoden dafür zu finden.

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Wobei ich wieder zurück komme: jede Familie muss es selbst entscheiden, was für sie richtig ist.

Woran wir uns orientieren ist neben dem „Wohlfühlen“ mit Regelungen auch die tagesaktuelle Stimmung. Was heute passt, kann morgen unpassend sein. Man könnte das Finetuning nennen. Wer niedergeschlagen und traurig ist, kann diese negative Stimmung im Internet ganz schnell multiplizieren und gehört stattdessen an die frische Luft, zu Freunden oder in den Kreis der Familie, wo aktiv etwas unternommen wird. Wer sich körperlich nicht gut fühlt, eine Erkältung hat oder dergleichen, kann sich dagegen gerne mit der Lieblingssendung ablenken. Das machen wir hin und wieder schon jetzt so (jaha, ich Rabenmutter!) – wenn die Zähnchen besonders schmerzen oder der Wachstumsschub stresst und schmerzt, stehen Sunny Bunnies und Gazoon hoch im Kurs.

Hin und wieder finde ich (Papa liest keine Elternthemen) auch gute Ideen oder Ansätze in Blogs oder Zeitschriften, die wir dann individuell angepasst austesten und beibehalten oder auch nicht.

Das meiste haben wir bisher jedoch selber überlegt und ausgetüftelt, was wir sicher auch später so beibehalten werden.

Was mir jedoch noch sehr wichtig ist, sind Gruppenspiele. Diese tauchten auch im Interview auf und haben etwas in mir angepiekst. Diese Spiele machen süchtig. Langsam und schleichend. Die gefährlichste, hinterhältigste Form also. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. WoW war für mich irgendwann nicht mehr nur ein netter Zeitvertreib, ein lustiges Spiel. Es ging über in eine Art sozialer Verpflichtung – es gab Gildenziele, die es zu erreichen gab, Freundschaften, die gepflegt werden wollten und eben auch Menschen, mit denen man sich über intimste Gedanken austauschte -in der scheinbaren Anonymität. Davon ausgehend wurde WoW zum Suchtfaktor und dort auszubrechen hat mich viel Zeit und viel Schmerz gekostet. Das will ich unbedingt vermeiden, ist Püppi einmal in dem Alter.

Das muss nicht zwangsläufig ein komplexes Spiel sein wie WoW, dazu reichen schon diverse Facebookspiele und Browsergames, bei denen man ohne die Beteiligung von Freunden nicht weiter kommt. Eigene Erfahrungen, die unsere Eltern noch nicht hatten, sind für uns damit ebenso wichtige Orientierungspunkte wie die oben genannten.

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8 Gedanken zu “Wie wir Regeln finden

  1. Grundsätzlich, ja, wre es wünschenswert und Dein „Plan“ hört sich gut an und ist vernünftig. Aber….so ein „draußen“, wie es das bei uns noch gab, gibt es heute nicht mehr.

    Meine Lütte ist 10, der Zwerg mittlerweile 15. Die Kleine hat – durch Grundschule und Reitstall – noch Freunde, mit denen sie draußen etwas unternimmt ohne Computer und Handyspiele. Wobei das Handy auch bei den Kleinen mit youtubeVideos und Musik machen schon durchaus ein Thema ist und von mir gelegentlich konfisziert wird, wenn es überhand nimmt. Noch geht das, auch bei ihren Kumpelinen.

    Beim Junior sieht das schon anders aus. Die treffen sich fast nur noch online. Hier gibt es auch wenig, was sie tun könnten. Sein Sozialleben beschränkt sich darauf, mit seinen Kumpels vernetzt online Games zu spielen. Dabei quatschen, lachen und scherzen sie. Manchmal singen sie zusammen. (Die Kopfhörer waren mal kaputt, womit ich alles über die Lautsprecher mithören konnte, ich hab mich kaputtgelacht). Natürlich treffen sie sich auch mal real, aber dann zum Kino oder Sitzen abends. Wenn sie, wie wir früher, am Dorfplatz sitzen, werden sie verscheucht. Rumgammeln und sabbeln ist nicht im Stadtbild erwünscht. Bäume klettern? Verboten. Fußball auf dem Rasen im Park? Um Himmels Willen! Sowasvon verboten! Sie können schlichtweg ausser im heimischen Garten nirgendwo mehr hin.
    So bleibt mir als Mutter die Wahl ihn entweder stundenlang datteln zu lassen oder von der Außenwelt abzuschneiden. :/ Schön ist das nicht.

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    1. Das sind wichtige Punkte, danke für die Ergänzung. Wie gesagt kann ich das ja bisher nur theoretisch beleuchten, meine Lütte ist noch kein Jahr alt.

      Immerhin gibt es hier (noch) ein paar Jugendclubs, wobei auch die mehr und mehr geschlossen werden. Der JC meines Viertels war damals sehr wichtig für mich.

      Smartphones sind natürlich (elterlicher) Fluch und Segen zugleich. Da muss man ganz schön streng und konsequent sein, glaube ich. Was sind diesbezüglich denn eure Regeln? Und funktioniert die Umsetzung oder sind sie ein (ständiger) Streitpunkt?

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      1. Wichtigste Regel: Es ist immer an (und damit ortbar für mich!) wenn sie unterwegs sind.
        Zweite Regel: Das Passwort ist so, dass ich da ran komme und sie wissen, dass ich das gelegentlich durchsehe.
        Dritte Regel: Nicht übertreiben, wobei das nicht in Mimuten/Stunden gefasst ist.

        Grundsätzlich haben sie das Handy schon zur Verfügung, wenn es nicht überhand nimmt. Es gibt auch Tage, da legen wir (alle!) es dann auf den Handyparkplatz (Schrank im WZ). Es geht ja nicht nur den Kids so, auch ich verliere mich gelegentlich im Internet. Wenn es mir auffällt, dass es soweit ist, legen wir eine Pause ein.

        Die Lütte hat Anfags zuviel YT gesehen, da musste ich mal einschreiten. Und auch der Junior hat so manche Tage, da klebt er am Handy. Wie ein Zombi schlurfte er von seinem Zimmer zum Klo. Handy in der Hand, Blick auf dem Bildschirm. Wurde sich auch erst bewusst, was er grade tat, als ich ihn laut ansprach….
        Normalerweise langt eine Ermahnung, falls nicht, ist das Handy auch schonmal weg für ein paar Tage.

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      2. Das finde ich gute Regeln. Und ja, die Euphorie in der Anfangszeit ist so eine Sache. Ich musste zum Beispiel meine Mutter (!) ermahnen, doch mal das Handy wegzulegen, als sie es neu hatte. 😀

        Handyfreie Tage finde ich eigentlich auch ganz abgesehen von Erziehungsfragen ganz gut. Stresst manchmal, immer erreichbar zu sein.

        Benutzt Du Zugangsbeschränkungen durch Apps und dergleichen oder vertraust Du den Kids, dass sie nichts kaufen oder ansurfen, was nicht für ihre Augen bestimmt ist?

        Sorry wenn ich Dich so ausfrage, ich finde es so interessant, wie andere das handhaben. Auf uns kommt das ja auch irgendwann zu. ^^

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      3. Hihi… mit Eltern und Handy (oder Pc) ist es fast noch anstrengender als mit den Kids. Den Pc meiner Eltern mache ich jedenfalls regelmäßig platt, weil sie sich wieder irgendeinen Mist eingefangen haben durch wildes herumklicken auf irgendwelchen Bannern…. 🙈😂

        Jein. Meinem Sohn vertraue ich soweit und habe nichts gesperrt. Aber, wie gesagt, es gibt unregelmäßige Spontankontrollen. Mehr jedoch wegen Mobbing und ähnlichem. Heißt nun nicht, dass ich alle seine WA lese – aber ich gucke mir schon an, mit wem er so verkehrt. Grade auch durch die online Spiele. Das ist aber selten, alle paar Monate oder so.

        Der Lütten habe ich quasi alles gesperrt, was nur irgendwie geht! Sie hat es geschafft, mir Kosten von über 400€ zu fabrizieren. Unbeabsichtigt. Typischen Umsonst- Kinder-Apps-Abofallen…. 😤😤 Riesen Gratis Angebot und irgendwo in klein darunter:Abo für 12,99€. Die Woche! Davon ein paar und es läppert sich sehr schnell zur Summe zusammen. 😫 direkt ihr einen Vorwurf machen, konnte ich nicht, sie hat echt gedacht, es sei umsonst. Dennoch… nun kann sie nichtmal mehr Apps runterladen geschweige denn irgendwelche In-App Geschichten tätigen.

        Insofern – Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser…. 🤪

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      4. Au weia, das ist ja echt mies. Erinnert mich ein wenig an die Jamba-Abos, denen gar viele meiner Freundinnen auf den Leim gingen. Meine Mutter hatte mich schon vorher gebrieft, so wusste ich, dass das nicht wirklich kostenlos ist. Das ist schon eine ganze Weile her.
        Erlaubt ist so etwas noch immer. Mies!

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