Identität

Krieg raubt Identitäten.

Das wird mir gerade bewusst, als ich über Briefen aus dem Ersten Weltkrieg sitze und sie analysiere. Ich meine damit nicht nur, was der Krieg mit denen macht, die involviert sind und direkt betroffen.

Mir fehlt heute ein Stück meiner Identität, meiner Herkunft, weil meine Familiengeschichte für mich Mitte der 1930er Jahre aufhört. Das ist die Zeit, in der meine Großeltern geboren wurden, mütterlicherseits. Die Seite meines Vaters, inklusive ihm selbst, kenne ich nicht.

Woher wir kommen, welche Berufe meine Großeltern hatten, das ist mir bekannt. Auch woher unser Name kommt, das hat mir jemand erzählt, mit dem ich eine Handvoll Emails ausgetauscht habe und der zu diesem Namen geforscht hat. Aber da hört es fast auf. Dass mein Opa eine Schwester hatte wurde mir erst bekannt, als diese zufällig in das gleiche Gebäude (eine Mischung aus betreutem Wohnen und herkömmliche Wohnungen ohne Betreuung) zog, in dem er wohnte. Vor Kurzem erzählte meine Mutter, dass er wohl auch einen Bruder gehabt haben muss, aber mehr wisse sie auch nicht. Von meiner Oma weiß ich bloß, dass sie vor meinem Opa schon einmal verheiratet war, meinen ältesten Onkel bekam und später in die Ehe mit meinem Opa trat, aus der noch 4 weitere Kinder entstanden. Warum die erste Ehe nicht mehr bestand, Tod, Scheidung, was auch immer, weiß ich schon wieder nicht.

Meine Oma war ein Waisenkind und arbeite später als Köchin in einem Waisenhaus (demselben vielleicht?) Mit meinem Opa versuchte ich ein paar Mal, über die Vergangenheit zu reden. Bei jedem erneuten Versuch füllten sich seine Augen mit Tränen, was mir wiederum einen Stich ins Herz versetzte. Über den Tod meiner Oma kam er nie hinweg, bis zum Schluss nicht, als er 13 Jahre nach ihr ging. Über die Zeit davor, auch lange vor seiner Zeit mit ihr, konnte er nicht sprechen. So beschützten wir uns gegenseitig vor dem Schmerz vergangener Tage und wechselten immer wieder das Thema.

Vielleicht hätte ein Fremder ihn fragen müssen, vielleicht hätte er sich besser öffnen können. Ich lese immer wieder von phantastischen Interviews, die Kulturforscher mit Zeitzeugen führen, denen sie selbst intimste Details entlocken können. Vermutlich braucht es eine gewisse Distanz, um diese Nähe zuzulassen.

Ob ich jemals mehr erfahren werde als das, was ich jetzt weiß, ist ungewiss. Was ich aber tun kann ist meine Mutter nach und nach zu befragen, damit zumindest dieser Teil unserer Familiengeschichte erhalten bleibt und meine Tochter mehr erfahren kann, als es mir selbst möglich ist. Wie genau ich das handhaben werde, ist mir noch nicht klar. Vielleicht wäre ein extra Buch dafür gut, denn in das Tagebuch, das ich ihr schreibe, kommen eher Geschehnisse aus unserem Alltag.

Habt ihr vielleicht Ideen? Habt ihr selbst Familienbücher, Fotoalben, gemeinsame Tagebücher und dergleichen? Oder habt einmal davon gelesen? Schreibt gerne in die Kommentare, was ihr wisst oder schreibt auch gerne eigene Posts dazu. 

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6 Gedanken zu “Identität

  1. Letztes Weihnachten hab ich meinen Schwiegereltern „Erzähl mir dein Leben: Ein Fragebuch an Oma und Opa“ geschenkt.
    Obwohl meine Großeltern ein Leben lang verheiratet waren, haben sie nie darüber gesprochen, was sie vor der Geburt ihrer Kinder gemacht haben.

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  2. Lulu

    Achtung, es wird lang und etwas wirr…

    Ich habe noch einen Uropa kennengelernt, allerdings starb er, als ich sechs war, und ich habe ihn auch nicht häufig gesehen, weil er in Wilhelmshaven lebte und wir in NRW. Ich habe ein paar Bilder von ihm im Kopf, viel mehr nicht, aber ich weiß, daß er ein Hotel, wohl eher einen Gasthof, in Apolda hatte, bevor er enteignet wurde. Und daß er meine Mutter und ihre Schwester großgezogen hat, nachdem mein Opa geflohen war und bis zur Flucht 1961. Als junger Mann soll er zur See gefahre sein, seine älteste Tochter wurde unehelich geboren (meine Tante geht aber davon aus, daß es seine leibliche Tochter war). Sei erstes Hotel in Ostfriesland wurde im ersten Weltkrieg zerstört (so sagte jedenfalls meine Mutter mal).

    Der Vater meines Vaters starb 1948 an den Folgen seiner Kriegsverletzungen, da war mein Vater vier Jahre alt. Die Mutter starb acht Jahre später. Es gab zwar mehrere Onkel und Tanten, aber niemand konnte/wollte meinen Vater damals aufnehmen, er kam ins Internat.

    Von diesen Onkeln und Tanten habe ich ein paar in meiner Kindheit kurz kennengelernt, aber ich war unehelich geboren, meine Mutter war nicht gut genug, mein Vater war das schwarze Schaf – da gibt es keinen Kontakt mehr.

    Die Mutter meiner Mutter starb schon 1946 oder 47, als meine Mutter zwei Jahre alt war, weder sie noch ihre jüngere Schwester haben Erinnerungen an sie, und Opa hat nie etwas erzählt. Er war wg. einer Kriegsverletzung schwerhörig und Unterhaltungen waren nicht nur deswegen schwierig (er war auch Alkoholiker und ich habe ihn wohl selten nüchtern erlebt). Er war viermal verheiratet, die erste Frau starb an Schwindsucht (Familiengerüchte besagen, daß auch ein Sohn da war, der ebenfalls starb), meine Oma starb an Blutvergiftung, weil sie sich einen Pickel ausgedrückt hatte (Opa wurde immer hysterisch, wenn ich als Teenager einen Pickel im Gesicht auch nur berüht habe). Von der dritten Frau gab es nach seiner Flucht in den Westen eine Fernscheidung (seine Töchter blieben erstmal bei ihr zurück, bis meine Tante sich bei einem Besuch bei ihren Großeltern im Ofen versteckte, um nicht heim zu müssen und Uropa dann entschied, daß die Kinder bei ihm und seiner Frau bleiben sollten).

    Die vierte Frau heiratete er im Westen, aber als ich geboren wurde,. waren die beiden schon wieder geschieden, glaube ich. Jedenfalls habe ich sie nie als Opas Frau gekannt, obwohl sie für mich „Omi“ war.

    Mein Vater hat mir ein bißchen von seiner Familie erzählt, er war wohl der einzige/erste Nicht-Akademiker – wie gesagt, das schwarze Schaf. Tja, vielleicht, wenn sie sich etwas besser um ihn gekümmert hätten, als er mit zwölf Jahren Vollwaise wurde…

    Vor einer mir unbekannten Reihe von Generationen gab es noch ein „von“ im Familiennamen meiner Mutter; auch hier gibt es zwei Versionen, wie das abhanden gekommen ist. Variante 1: Ein sozialistisch eingestellter Vorfahre hat das „von“ abgelegt. Variante 2: Einem unehelichen Kind wurde das „von“ verweigert.

    Über die ursprüngliche „von“-Familie, die es ja nach wie vor gibt, hat die Freundin meines Cousins mal ein Buch aus der Uni-Bibliothek mitgebracht. Bei manchen der dort abgebildeten Männer dachte ich, meinen Opa zu sehen. Eine Nonne aus der Familie sah fast genauso aus wie meine Mutter.

    Letzte Anektdote: Angeblich war ein Vorfahre mütterlicherseits ein Freund von Rosa Luxemburg. Aber auch das ist ein Familiengerücht und ich habe keine Ahnung, ob es stimmt…

    Zum Thema „Foto“: Meine Mutter hat Fotos aus meiner Kinderzeit in einem Schukarton aufbewahrt, der bei irgendeinem Umzug verloren ging. Opa hatte noch viele Fotos und auch Super-8-Filme, aber als er starb, ließen wir die Sachen in der Wohnung, in der noch seine Lebensgefährtin lebte, und als sie dann einige Jahre später starb, hatten wir keinerlei Anspruch mehr auf diese Dinge. Ist alles auf dem Müll gelandet. Ich habe nur noch ein Grundschulfoto und eines mit jungen Löwen im Duisburger Zoo, als ich 14 war. Und von meiner Tante habe ich drei oder vier Fotos von ihr und meiner Mutter als Kinder.

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  3. Ich merke gerade, dass ich wohl ein wenig älter bin, denn meine Eltern sind im Alter deiner Großeltern. Mein Vater ist Jahrgang 1929. Meine Mutter wurde 1932 in Rumänien geboren. Ich weiß eigentlich alles über meine Familie. Auch Dinge, dich ich lieber nicht gewusst hätte. Vor allem die Eltern meiner Mutter waren sehr schlimme Nazis. Meine Großmutter hat den Holocaust geleugnet. Sehr schlimm und wenig schön. Mein Vater wurde nie müde von seiner Kindheit und Jugend zu erzählen, immerhin war er 16 bei Kriegsende. Er wurde von seinem Vater auf eine SS-Schule geschickt. Also auch hier Nazis. Mein Vater hatte Glück und ist kurz vor Kriegsende aus der Schule getürmt. Allein mehrere Hundert Kilometer zu Fuß nach Hause gelaufen. Was er alles erlebte, davon erzählt er wenig. Das muss sehr schlimm gewesen sein. Ihm war es wichtig, dass so etwas NIE mehr passieren kann. Wenn wir bei den Großeltern waren, gab es eigentlich immer Streit, weil mein Vater nicht akzeptieren konnte, dass seine Eltern und Schwiegereltern noch immer Nazis waren.

    Ich verstehe heute gut, warum man wissen will, woher man kommt. Obwohl mich das früher gar nicht so sehr interessiert hat, habe ich den Geschichten meiner Großeltern, die im heutigen Rumänien aufgewachsen sind, verschlungen. Das war wie im Märchen. So unwirklich. Meine Großmutter mütterlicherseits ist noch in Österreich geboren worden. Das war ja noch weit vor dem ersten Weltkrieg. Es gibt wenige Fotos aus Rumänien, das ist echt aus einem anderen Jahrhundert.
    Meiner Mutter habe ich gesagt, dass ich unbedingt die alten Fotoalben haben möchte.
    Meine Mutter ist schon seit Jahre dabei ihr Leben aufzuschreiben. Mein Bruder meint allerdings, dass sie sich auch viel ausdenkt. Ich bin gespannt, was mich da erwarten wird.

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  4. Vreni

    Hallo,
    wir haben den Großeltern zum ersten Weihnachten nach der Geburt unseres Sohnes die Bücher „Oma/Opa erzähl mal“ geschenkt.
    Der Hintergrund: Mein Mann ist nach der Geburt im Kinderheim aufgewachsen und wir wissen sehr wenig von seiner Familie. Sein Vater war Amerikaner und ist nach der Trennung von seiner deutschen Frau wieder in die USA zurückgekehrt. Über viele Umwege und Recherchen habe ich mal herausgefunden, dass er schon vor einigen Jahren verstorben ist. Von der Mutter meines Mannes wissen wir gar nichts. Ich kann meinen Mann aber auch gut verstehen, dass er da nichts wissen möchte. Schließlich hat sie ihn nach der Geburt im Krankenhaus zurückgelassen und wollte ihn nicht.
    Jetzt gibt es für unsere Kinder eben nur eine Oma und einen Opa und dann sollen sie wenigstens von denen noch ein paar Dinge erfahren bzw. mal nachlesen können.

    Die Bücher sind meiner Meinung nach sicher nicht das Nonplusultra, aber eine gute Anregung, das eine oder andere Erinnernswerte aufzuschreiben.

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    1. Lustig, dass du die Bücher ansprichst, denn die habe ich erst recherchiert. Auf Englisch gibt es wiederum zwar viele Bücher, aber kaum eines, das beide Großeltern einbezieht.

      Die Geschichte deines Mannes ist traurig, aber in die Köpfe kann man jetzt natürlich nicht mehr reinschauen. Vielleicht ist es besser so, dass er da nicht weiter nachhaken möchte. Mein Vater hat meine Mutter schon vor der Geburt sitzen gelassen und sich nie gemeldet, um mir dann, als ich 21 war, im Gerichtssaal vorzuwerfen, ich habe ihm nicht Guten Tag gesagt (was ich habe, er hat es über sein aufgeblasenes Ego nur nicht gehört, zumal er mir 21 Jahre „Guten Tag“ schuldig war…) Spätestens da war es mit meinem Interesse auch vorbei. Manche Dinge muss man dann wohl einfach ablegen.

      Willkommen hier und danke für den Kommentar!

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