Schneewittchen

„Ich liebe Dich nicht mehr.“

Ich bin sofort auf 180. „Du…Was?“

„Ich liebe Dich nicht mehr!“ sagt sie etwas lauter. Als hätte mich dieser Satz nicht schon beim ersten Mal gefickt, eine Schleppleine um mein Herz gelegt und zugezogen.

„What the fuck?“

„Ja was? Ist doch nicht schlimm. Ich liebe Dich halt nicht mehr. Kommt vor.“

„Kommt vor? Das kommt doch nicht vor! Was läuft mit Dir?“

„Das ist das Problem. Mit mir läuft was. Mit Dir nicht!“

Was sie damit meinte, brauchte ich nicht fragen. Ihr koksverzerrtes Gesicht sprach für sich. Trotz ihrer Eskapaden liebte ich sie. Klar, es war nicht immer einfach. Aber sie war ein gutes Mädchen, im Grunde genommen. Sicher, ihre Höhen und Tiefen waren extrem, fast schon krankhaft. Vielleicht tatsächlich krankhaft, aber wen interessiert das schon, wer zum Psychologen geht findet schließlich immer etwas, alles Quacksalber, Wichtigtuer.

„Und nun?“

„Was und nun? Du kannst Dir ja eine Zweiraumwohnung nehmen. Ich bleibe hier. Mit der Katze. Die kannst Du aber gerne immer mal besuchen.“

ICH sollte ausziehen?! Aus MEINER Wohnung, in der sie eingezogen war, nachdem ich dort bereits gestorben und wiedergeboren wurde, mein ganzes Leben sich darin abspielte und zu Grunde ging?

„Ich ziehe doch nicht aus, das ist MEINE Wohnung!“

„Meins, Deins. Siehst Du, das ist Dein anderes Problem. Du bist so ein Spießer. Sei doch nicht so spießig!“

„ICH spießig? Nur weil ich Deine Hippiescheiße nicht mitmachen will bin ICH spießig? Du hast sie nicht mehr alle!“

„Ist ja schon gut, ich ziehe aus. Aber die Katze nehme ich mit!“

„Das ist meine Katze!“

Es war nicht meine Katze. Es war die Katze meiner Tante, die mit ihren 70 Jahren nicht mehr in der Lage war, sich darum zu kümmern. Ich mochte das Vieh nicht einmal. Ständig pisste sie unter die Couch, unter der sie nur hervor kam, um mir in die Füße zu beißen. Zwei, drei Mal täglich stellte ich ihr einen Napf voll Futter an das linke Fußende der Couch. Mehr konnte man ja wohl nicht verlangen. Ich wollte diese elende Krücke nicht einmal aufnehmen. Aber Deiner alten Tante, die Dich aufzog wie ihr eigenes Kind, kannst Du halt keinen Wunsch ausschlagen. Ich bin ja kein Monster.

„Du magst sie nicht einmal!“

„Es geht ums PRINZIP!“

Es ging ums Prinzip. Sie konnte doch wohl nicht ernsthaft glauben, dass sie mir erst das Herz aus der Brust reißen und dann meine Katze wegnehmen konnte? Wo kommen wir da hin?

„Weißt Du, für Deine Prinzipien habe ich Dich mal geliebt. Du stehst dazu, auch ums Verrecken. Und das ist genau das, was mich jetzt stört. Du lässt lieber etwas verrecken, Du verreckst sogar lieber selbst, als Deine Prinzipien auch nur annähernd zu checken. Die Welt ändert sich!“

„Die Welt ändert sich?!“

„Die Welt ändert sich. Nur Du nicht. War schön mit uns, aber jetzt ist Schluss. Jedenfalls, hab‘ ein gutes Leben. Ich wünsche es Dir.“

Sagte sie und verschwand.

Wie sie es alle tun, irgendwann.

Aber irgendwann, Baby, irgendwann wirst Du zu mir zurückkehren und mich auf Knien anflehen. Dann wird es zu spät sein und ich habe gewonnen.

Ich werde gewinnen.

Ich ganz allein.

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