25 Fragen

Das Herzkind hat vor mittlerweile drei Jahren eine Liste mit 25 Fragen gepostet, die von Max Frisch stammen. Den Schriftsteller und Architekten kennen einige vielleicht aus der Schule. Jedenfalls fand ich diese Fragen sehr interessant und möchte mich ihnen hier einmal stellen. Sie sind nicht ganz einfach und fangen schon mit einem scharfen Handkantenschlag in den Nacken an, deswegen genug der Vorrede und rein ins Getümmel:

1.) Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?

Nein, ich bin mir nicht sicher.

2.) Warum? Stichworte genügen.

Natürlich will ich nicht, dass die Kindeskinder meiner Kindeskinder leiden müssen, oder überhaupt ein Mensch. Aber nachdem wir in den paar Tausend Jahren, in denen wir die Welt bevölkerten sie schließlich auch verwüstet haben, bin ich mir nicht so sicher, ob der Fortbestand einer einzigen Spezies es Wert ist, alle anderen Lebewesen zu gefährden. Schaffen wir es, diese Entwicklung umzukehren und tatsächlich einen Mehrwert für diesen Planeten zu schaffen, wäre ich anderer Meinung. Jedoch, ich bin Pessimistin.

3.) Wie viele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?

Einige durch Benutzung von Verhütungsmitteln, keine durch Abbruch.

4.) Wem wären Sie lieber nie begegnet?

Einer Handvoll Menschen, alle von ihnen sind Männer.

5.) Wissen Sie sich einer Person gegenüber, die nicht davon zu wissen braucht, Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die Person dafür?

Nein. Bisher habe ich Unrecht immer zugegeben und versucht zu beseitigen oder zu lindern.

6.) Möchten Sie das absolute Gedächtnis?

Um Himmels Willen, bitte nicht! Niemals vergessen? Es hat schon seinen Grund, dass wir vergessen. Selbstschutz.

7.) Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?

Beantwortete ich diese Frage ehrlich, befürchtete ich moralische wie auch rechtliche Konsequenzen. Daher hülle ich mich in Schweigen. Wer mich kennt, hat jedoch vielleicht die eine oder andere Idee.

8.) Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?

Meinen Opa. Diesen Monat werden es 10 Jahre, die ich ohne seinen Zuspruch und seine Unterstützung lebe. Er fehlt mir sehr.

9.) Wen hingegen nicht?

Die Person ist bisher nicht gestorben.

10.) Hätten Sie lieber einer anderen Nation (Kultur) angehört und welcher?

Der britischen. Das Leben dort erscheint mir so viel einfacher und freier.

11.) Wie alt möchten Sie werden?

Alt genug, um etwaige Enkelkinder kennen zu lernen. Nicht so alt, dass ich nur noch existiere ohne zu sein.

12.) Wenn Sie Macht hätten, zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen, gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder nein?

Brexit war ja ein „mehrheitlicher“ Beschluss, auch wenn ich das bestreiten würde. In dem Falle ja, wohl schon. Andererseits möchte ich keine Tyrannin sein, die sich gegen eine tatsächliche Mehrheit stellen würde.

13.) Warum nicht, wenn es Ihnen richtig scheint?

Ich sehe ein, dass ich falsch liegen kann und möchte keine Schuld an Leid tragen, das ich nicht habe kommen sehen.

14.) Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder im Kollektiv?

Ich möchte am liebsten gar nicht hassen. Es ist ein hässliches Gefühl und macht unzufrieden.

15.) Wann haben Sie aufgehört zu meinen, dass sie klüger werden oder meinen Sie’s noch? Angabe des Alters.

Das kommt auf die Definition von Klugheit an. Mit meinen 31 Jahren bin ich durchaus der Meinung, noch mehr lernen zu können und zu wollen. Intelligenter werde ich aber wohl nicht.

16.) Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?

Ist das nicht der Fallstrick an der Selbstkritik, dass sie uns überzeugender erscheint als alle Gegenstimmen, die uns Freunde und Wohlgesonnene geben?

17.) Was, meinen Sie, nimmt man Ihnen übel und was nehmen Sie selbst übel und wenn es nicht dieselbe Sache ist: Wofür bitten Sie eher um Verzeihung?

Die Sache möchte ich hier gerne für mich behalten, aber es ist die selbe Sache. Ich bitte die andere Person um Verzeihung und wir müssen gleichzeitig lernen, mir zu verzeihen.

18.) Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: beunruhigt Sie diese Vorstellung?

Es war haarscharf damals, als mein Erzeuger meine Mutter dazu bringen wollte, mich abzutreiben. Den Termin hatte sie bereits. Mein Opa hat sie heraus geredet. Tatsächlich macht mich das ein wenig nervös, denn ohne Püppi in dieser Welt wären alle, die sie kennen, ein bisschen weniger glücklich.

19.) Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, dass der Verstorbene zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?

Manchmal vermisse ich den Rat meines Großvaters. Er hatte immer eine gute Sicht auf die Dinge. Das eine oder andere Mal habe ich mich schon gefragt, was er mir raten würde oder was er für mich wollen würde. Das hat mir die eine oder andere Wahl sehr erleichtert.

20.) Lieben Sie jemand?

Zwei Menschen.

21.) Und woraus schließen Sie das?

Ich denke ständig an sie, möchte sie bei mir haben und bin traurig, wenn sie es nicht sind. Ich fühle mit ihnen und für sie.

22.) Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht, wie erklären Sie es sich, dass es nie dazu gekommen ist?

Im Scherz würde ich jetzt sagen: pures Glück. Im Ernst gab es zwar bisher Menschen, die an dieser moralischen Grenze gerüttelt haben aber doch niemanden, der sie überschritten hat. Das würde schon extremer Umstände bedürfen und würde wohl erst dann eintreffen, wenn es um Leben und Tod meiner Tochter ging.

23.) Was fehlt Ihnen zum Glück?

Selbstliebe.

24.) Wofür sind Sie dankbar?

Meine Tochter. Ja, buhu, langweiligste Antwort ever und völlig absehbar. Doch sie war und ist das größte Geschenk meines Lebens. Nicht geplant und doch gewollt kam sie in mein Leben und hat mich gerettet und tut es bisher.

25.) Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als gesundes Tier? Und als welches?

Als Hund im Zuhause meiner erwachsenen Tochter, um noch ein bisschen auf sie aufzupassen, auch wenn meine Zeit schon gekommen war.

File:ETH-BIB-Max Frisch in der Galerie Erker, St. Gallen-Com A0900-0005.jpg

Bild: Max Frisch in der Galerie Erker, St. Gallen 1967; Photograf: Jack Metzger; Quelle

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