Ein offener Brief an meine Tochter

Liebe Kitty,

die Welt steht Kopf wegen Corona. Zum Glück bist Du noch zu klein, um das alles mitzubekommen. Auch wenn ich doch sehe, dass Du schon merkst, dass da etwas im Argen ist. Heute bist Du 2 Monate am Stück zuhause, ohne Kontakt zu Deinen Freunden aus dem Kindergarten. Immerhin dürfen wir jetzt wieder auf den Spielplatz gehen, auch wenn wir das nur selten tun, da dort öfter viele Kinder sind und wir doch Abstand halten müssen.

Diese zwei Wochen waren anstrengend, für alle von uns. Aber sie waren auch schön. Die Anstrengung liegt nicht an Dir, sondern an den Umständen. Ich genieße die Zeit mit Dir und freue mich, dass wir mal so richtig viel Zeit miteinander haben. Ich will Dir aber nicht verheimlichen, dass es auch schwierig ist, weil Papa und ich gleichzeitig auch arbeiten müssen, zum Ausgleich aber weder Freunde treffen, noch ins Fitnessstudio oder Café gehen können und somit die meiste Zeit in der Wohnung sind oder um die Blocks streichen. Das ist für keine Beziehung gut, besonders nicht für eine Ex-Partnerbeziehung die wir nun einmal haben.

Es gibt ein paar Menschen im Internet, die sagen jetzt gemeine Dinge über uns Eltern. Sie sagen, wir hätten unsere Kinder nicht lieb, wir würden jammern, uns über euch beschweren oder hätten gar nicht erst Eltern werden dürfen. All das ist falsch. Es ging niemals darum, uns über euch zu beschweren. Wir lieben euch Kinder nach wie vor, ganz ohne Bedingungen. Bitte glaube diesen Menschen nicht, denn sie haben es nicht verstanden, schreien jetzt aber laut auf. Wie Deine Oma gerne sagt: Wer schreit, hat Unrecht. So ist es auch jetzt.

Worum es uns stattdessen geht ist, dass von uns erwartet wird, dass wir sowohl euch Kindern als auch unseren (Erwerbs-) Arbeiten gleichermaßen gerecht werden, während wir uns um uns selbst und unsere Liebsten sorgen, weil eine Pandemie wütet und wir noch gar nicht wissen, wie und wann sich das wieder bessert. Wir wissen nicht, wie wir gleichzeitig zwei und mehr Vollzeitarbeiten übernehmen sollen, ohne eine zu vernachlässigen. Manche Menschen haben ihre Erwerbsarbeit ganz verloren, wieder andere bekommen nur einen Teil dessen, was sie sonst verdienen, alle haben aber Mehrkosten, weil gerade alles teurer wird. Dass die Erziehung von Kindern auch Arbeit ist, Care-Arbeit, wird gerne klein geredet und nicht anerkannt. Das stört uns und es sorgt uns um die Zukunft nach Corona, wenn es darum geht, endlich Arbeit und Kindererziehung vereinbar zu machen.

Einige Gruppen werden unfair bevorteilt, etwa Fußballer, die alle drei Tage einen Test machen dürfen und Vorzugsbehandlung beim Arzt bekommen, während wir selbst zum Beispiel, oder eure LehrerInnen und ErzieherInnen, genauso wie medizinisches Personal, VerkäuferInnen etc., sehen können, wie sie zurechtkommen. Manche von uns Eltern haben Angst, dass wir schlimm krank werden oder sogar dieses Virus nicht überleben und euch allein lassen. Das ist eine der schlimmsten Ängste, die Eltern haben können. Die andere ist, euch zu verlieren.

Mit all dieser Angst und Ungewissheit sollen wir jetzt, während wir für euch sorgen -was wir gerne tun!- auch noch von Zuhause aus arbeiten und irgendwie die Rechnungen bezahlen, die ja trotzdem ins Haus flattern, auch wenn wir vielleicht kein Einkommen (mehr) haben. Dass wir das ansprechen und diese Ungerechtigkeiten anmerken, können manche Menschen nicht verstehen. Aber seien wir ehrlich, das sind alles Leute, die sich keine Sorgen machen müssen, wie es weiter geht.

Was ich sagen will, Kitty, ist ganz einfach:

Ich liebe Dich, ich verbringe gerne Zeit mit Dir, es macht mir Spaß, Deine Mama zu sein. Bitte lass Dir von niemandem auf der Welt irgend etwas anderes einreden.

Deine Mama


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