Status Quo

Ich habe in der Nacht von Freitag auf Samstag durchweg gekotzt, lag Sonntag noch flach, kann heute kaum sprechen und huste und schwitze vor mich hin und morgen halte ich einen 90-minütigen Vortrag, dessen 10 Seiten A4 in Stichpunkten ich gerade ausgedruckt habe.

 

Noch Fragen?

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Wie wir Regeln finden

Beim Nuf gab es ein interessantes Interview mit Berlinmittemom über Konsumverhalten im Internet und dessen Grenzen in deren Familie. Berlinmittemom stellte zum Schluss des Interviews eine Frage in die Runde:

An was orientiert ihr euch, wenn ihr Regeln zur Mediennutzung mit euren Kindern formuliert?

tldr: Wie bei allem orientieren wir uns auch in Erziehungsfragen am Wohlfühlfaktor, dem Tagesgeschehen, eigenen Erfahrungen und nur selten an Ratgebern.

Meine Tochter ist erst 11 Monate jung, daher kann ich nur theoretisch antworten. Ich treffe aber alle meine Entscheidungen (auch außerhalb des Elternseins) so, deshalb kann ich es sicher adaptieren.

Für mich bzw. uns ist es wichtig, dass es mit Entscheidungen und Regeln allen gut geht. Beispiel: Erlaubt man dem Kind uneingeschränkten und unkontrollierten Zugriff auf Internet und TV, so gefällt das dem Kind sicher sehr, aber a) würde es mir selbst damit nicht gut gehen und b) wie schon im Interview gesagt wurde hat das eben auch Einfluss – ganz direkt auf die Stimmung und längerfristig auf die Charakterbildung. Ich sage damit nicht, dass Internet per se schlechte Menschen macht, ich bin ja selbst sehr internetaffin und wohl ganz okay geraten. Jedoch merke ich an mir selbst, dass es gewisse Abhängigkeiten gibt, steckt man einmal drin – und das ist sicher nicht immer so gesund und auch nicht immer so toll wie man glauben möchte. Ein ganz simples Beispiel, das sicher viele kennen: morgens Emails checken. Eine Studie fand heraus, dass das morgendliche Emailchecken die Tagesproduktivität um 27% (sicher auch mehr) senken kann. Man möchte up to date sein. Bei Kindern und Jugendlichen sind das vermutlich weniger die Emails, dafür aber Abos verschiedener Youtube-Kanäle, bei Instagram, Facebook und Co. Und ganz schnell hat man da ein, zwei Stunden verplempert ohne es zu merken. Und es schafft Abhängigkeiten, die in der Nutzungsweise jugendlicher Cliquen begründet liegen. Wer den neuesten Beitrag nicht gesehen hat, kann nicht mitreden.

Natürlich hat eine einzelne Familie nicht viel Macht gegen den Druck der Peergroup, doch man kann Grundsteine setzen. Diese Grundsteine sollte man so früh wie möglich setzen, denn ist das Kind erst einmal in der Pubertät, in der Freunde ungleich wichtiger und einflussreicher werden als die Eltern, kommt man kaum gegen unerwünschtes Verhalten mehr an. Da Internet inklusive Social Media und diversen Spielen Teil unserer Gesellschaft sind, auch wenn es manch einer nicht wahrhaben will und alles Digitale verteufelt, müssen wir als Eltern unsere Kinder auch dafür sensibilisieren und ihnen verantwortungsvollen Umgang mit diesen Medien beibringen. Das geht weder durch Laissez-Faire noch durch strikte Verbote. Irgendwo in der Mitte, zwischen diesen beiden Extremen, sind gute und wirkungsvolle Methoden dafür zu finden.

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Wobei ich wieder zurück komme: jede Familie muss es selbst entscheiden, was für sie richtig ist.

Woran wir uns orientieren ist neben dem „Wohlfühlen“ mit Regelungen auch die tagesaktuelle Stimmung. Was heute passt, kann morgen unpassend sein. Man könnte das Finetuning nennen. Wer niedergeschlagen und traurig ist, kann diese negative Stimmung im Internet ganz schnell multiplizieren und gehört stattdessen an die frische Luft, zu Freunden oder in den Kreis der Familie, wo aktiv etwas unternommen wird. Wer sich körperlich nicht gut fühlt, eine Erkältung hat oder dergleichen, kann sich dagegen gerne mit der Lieblingssendung ablenken. Das machen wir hin und wieder schon jetzt so (jaha, ich Rabenmutter!) – wenn die Zähnchen besonders schmerzen oder der Wachstumsschub stresst und schmerzt, stehen Sunny Bunnies und Gazoon hoch im Kurs.

Hin und wieder finde ich (Papa liest keine Elternthemen) auch gute Ideen oder Ansätze in Blogs oder Zeitschriften, die wir dann individuell angepasst austesten und beibehalten oder auch nicht.

Das meiste haben wir bisher jedoch selber überlegt und ausgetüftelt, was wir sicher auch später so beibehalten werden.

Was mir jedoch noch sehr wichtig ist, sind Gruppenspiele. Diese tauchten auch im Interview auf und haben etwas in mir angepiekst. Diese Spiele machen süchtig. Langsam und schleichend. Die gefährlichste, hinterhältigste Form also. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. WoW war für mich irgendwann nicht mehr nur ein netter Zeitvertreib, ein lustiges Spiel. Es ging über in eine Art sozialer Verpflichtung – es gab Gildenziele, die es zu erreichen gab, Freundschaften, die gepflegt werden wollten und eben auch Menschen, mit denen man sich über intimste Gedanken austauschte -in der scheinbaren Anonymität. Davon ausgehend wurde WoW zum Suchtfaktor und dort auszubrechen hat mich viel Zeit und viel Schmerz gekostet. Das will ich unbedingt vermeiden, ist Püppi einmal in dem Alter.

Das muss nicht zwangsläufig ein komplexes Spiel sein wie WoW, dazu reichen schon diverse Facebookspiele und Browsergames, bei denen man ohne die Beteiligung von Freunden nicht weiter kommt. Eigene Erfahrungen, die unsere Eltern noch nicht hatten, sind für uns damit ebenso wichtige Orientierungspunkte wie die oben genannten.

Ich sauf‘ Dich schön

Ein Rant – inklusive Kraftausdrücken

Ist euch einmal aufgefallen, wie alkoholisiert unsere Gesellschaft ist? Zu jedem Anlass und Nichtanlass MUSS getrunken werden. Zu Geburtstagen, zu Hochzeiten, zu Beerdigungen, am Wochenende, zum Feierabend…

Es. Geht. Mir. Auf. Den. Sack.

Ja, auch ich habe gerne getrunken und das auch nicht wenig. Ein Samstagabend zum Ausgehen war grundsätzlich mit Alkohol verbunden. Wenn es irgendwo Bier gab, habe ich ganz sicher nicht nein gesagt.

Aber verdammt, ich bin keine 20 Jahre mehr, ich arbeite verdammt viel und vor allem bin ich Mutter.

Ich muss mit meinen Kräften haushalten und habe seit über einem Jahr nicht mehr durchgeschlafen. Meiner Tochter will ich eine gute Mutter sein, was ich nun mal nicht kann, wenn ich meine Augen kaum auf halten kann oder eine Fahne habe, die Püppi und den Postboten zum Weinen bringt. Alkohol verhindert erholsamen Schlaf und scheiße habe ich den nötig.

Zudem sorry, aber wenn ich über ein Jahr lang (Schwangerschaft und Stillzeit) keinen Alkohol mehr getrunken habe, dann schmeckt er einerseits auch nicht mehr und dann brauche ich andererseits eben auch nicht viel, um zumindest angeschickert zu sein. Übel wird mir mittlerweile auch schneller.

Das heißt nicht, dass ich gar keinen Alkohol trinke. Aber verdammich, ich bin eine erwachsene Frau und möchte selber entscheiden UND DARF DAS AUCH, wann ich Alkohol trinke und wann nicht. Und das ohne mir anhören zu dürfen, dass ich doch voll der Langweiler sei oder eine Pussy oder „oah jetzt hab‘ Dich nicht so“ und all dieser Mist – ganz besonders nicht von Freunden, die meine Umstände kennen. Ich will mitbekommen, wenn ich einmal im halben Jahr ausgehe und vor allem kann ich es mir schlicht und ergreifend nicht leisten, am nächsten Tag im Arsch zu sein.

Warum also, warum müssen diese dummen Sprüche sein, warum muss man jemanden, der einfach keine Lust auf Alkohol und dessen Geschmack hat beleidigen? „Aber es war doch nur Spaß“ – nein es ist wahrlich kein Spaß, wenn man sich diese Kinderkacke den ganzen Abend lang anhören darf, weil jeder mal seinen Senf dazugeben will und die Sätze bei steigendem Alkoholpegel in der Runde zunehmend aggressiver werden. Es ist kein Spaß, den ganzen Abend bemäkelt zu werden und dann zieht man „diese Fresse“ nicht, weil man so nüchtern ist, sondern weil es ätzt und langweilt.

Vielleicht, ganz vielleicht, sollte jemand, der sich absolut nicht vorstellen kann, dass jemand ohne Alkohol einen Abend genießt, über seinen eigenen Konsum nachdenken. Just saying.

 

Gedankeneintopf

Ich bin über ein Video gestolpert, das ein paar Szenen in New York im Jahre 1911 zeigt.

Unfassbar gute Qualität, nicht wahr? Auch wenn es nachbearbeitet ist, so ist es doch faszinierend, wie gut die damals frisch erfundenen Videokameras ihren Dienst schon taten.

Es ist interessant zu sehen, wie gemischt die Technik noch war. Zwar gibt es vereinzelte Automobile zu sehen und auch Straßenbahnen fahren durch das Bild. Doch auch  Pferdekutschen wurden noch viel verwendet und die Zahl der Fußgänger ist auffällig. (Wobei ich gar nicht weiß, ob das mit heute vergleichbar ist. Zwar laufen heute auch viele Menschen durch die Straßen New Yorks, aber wenn man die Bevölkerungszahlen vergleicht…)

Damals dachte man vielleicht, man sei auf dem Höhepunkt der Zivilisation. Zwar waren Mischehen verboten und Frauen durften nicht wählen, aber das hat man doch schon immer so gemacht…

Heute geht es uns mit dem Gedanken der Hochkultur ja nicht viel anders. Wir gleichberechtigen, wo es nur geht; achten auf Ansprachen. Wir stellen alles in Frage, was „schon immer so gemacht wurde“ und das ist auch gut so. Technisch sind wir so fortgeschritten, dass es schon Mühe macht sich etwas auszudenken, das es noch nicht gibt; Erfindungen finden meist im Kleinen statt. Alles Weltbewegende scheint bereits erfunden.

Und doch wird es in naher und ferner Zukunft Dinge geben, die wir uns nicht vorstellen können und die wohl eines Tages ganz alltäglich sind. (Für den Anfang wäre ein Sandwichtoaster mit Schalter doch was…) So wie es den Menschen 1911 auch ergangen sein muss.

Doch nur 3 Jahre nach diesem Video fielen zuerst Europa und dann die ganze Welt in ein Loch, das knapp 20 Jahre später zu einem viel größeren Loch wurde. Wer sich mit den Weltkriegen befasst, was zu ihnen führte und wie instabil das politische Weltgeflecht war, kommt nicht umhin, in der heutigen Zeit Parallelen zu finden.

Auch ich finde Parallelen – und es macht mir Angst. Werden wir in einen Krieg gezogen werden, der uns ganz direkt berührt?

Zu Beginn des ersten Weltkriegs im Sommer 1914 ging man davon aus, dass man Weihnachten wieder zu Hause sei. Was ist, wenn die Sache in Syrien etwa so eskaliert, dass Europa wieder in ein solches Loch fällt?

Ich will nicht, dass meine Tochter einen Krieg erleben muss. Ich will selbst keinen Krieg erleben. Ich will nicht, dass wir Mr. English im Extremfall gar in den Krieg ziehen lassen müssen.

Kann bitte jemand ISIS ganz still und leise auflösen, Kim Jong Un und Donald Trump zum Spielen schicken und überhaupt mal allen sagen, dass sie gefälligst chillen sollen?

Status Quo

Na, Ostern überstanden?

Bei uns hat der Osterhase das WLAN versteckt, weswegen es auch keine Freitagsfragen gab. So sehr es mich genervt hat, so produktiv war ich am Ende des Tages aber auch. Was mich zum Nachdenken brachte. Warum verschwende ich so viel Zeit im Internet, auf Spaßseiten, auf Facebook, mit Spielen? Dieses Prokrastinieren ist ziemlich blöd, es macht unglücklich und unzufrieden.

Anfangen. Man muss nur anfangen zu arbeiten und dann geht es. Dieses Anfangen fiel mir seit eh und je schwer. Jordan B Peterson, ein kanadischer Psychologe, schrieb in seinem Writing Guide, einem Essay über das Schreiben guter Essays (sehr empfehlenswert! Wenn ihr bessere Essays schreiben wollt, ist der Text ein Muss!), dass man sich hinsetzen muss und mehr oder weniger zwingen anzufangen. Die Gedanken werden rebellieren, doch nach einer Weile hören sie damit auch wieder auf und man arbeitet und es ist gar nicht schlimm. Je länger man das macht, desto kürzer wird die Zeit bevor die Gedanken klar und fokussiert sind, doch es wird nie aufhören, dieses Gedankendriften wenn man anfängt.

Überhaupt habe ich in letzter Zeit viel gedacht und gelernt. Ich habe TedTalks für mich entdeckt und das tägliche Lesen. Ich bereite mich auf meine Kurse vor, die in ein paar Tagen anfangen, schaue Dokus, lese Fachtexte und denke nach.

Wie froh ich sein kann, in dieser Zeit und in diesem Teil des Erdballs geboren zu sein. Vor 100 Jahren endete ein bestialischer Krieg, Familien waren zerstört und viele überlebende Soldaten waren verstümmelt, körperlich wie geistig. Deutschland war vernichtet. Eine kurze Zeit des Aufschwungs und ein wenig Freiheit, bevor der Kontinent erneut im Chaos versank. Wenn man seine Angehörigen nicht im letzten Krieg verloren hatte, verlor man sie in diesem. Oder man wurde von seinem eigenen Land, für das man in den Jahren zuvor arbeitete und sich verbog,  von seinen eigenen Landsleuten, Nachbarn, Kollegen verraten, gedemütigt, gequält, ermordet.

Erneute Niederlage Deutschlands, in Thüringen und anderen Teilen kamen erst die Alliierten und nahmen sich mit, was sie gebrauchen konnten und dann kamen die Russen und nahmen den Rest. Ein Volk, das sich keine 70 Jahre zuvor den Nationalstatus erkämpft hat und 1871 damit endlich die ersehnte Einigung erbrachte wurde wieder gespalten und so sehr mit Hass und Propaganda gegen die jeweils andere Seite vollgestopft, dass diese Hirnwäsche auch 30 Jahre nach der Vereinigung noch wirkt – bei nachfolgenden Generationen, die nach dem Mauerfall geboren wurden und das indoktrinierte Erbe ihrer Eltern weitertragen.

Ich kann froh sein, dass ich in einer Zeit des Friedens lebe und große Freiheiten genieße. Würde ich meine Sachen packen und auswandern wollen, könnte mich keiner daran hindern. Menschen können ihre Persönlichkeiten finden und ausleben, ohne dafür in Gulags oder Psychiatrien gesperrt zu werden. (Meistens jedenfalls.) Ich bin nicht an den Status meiner Familie gebunden sondern kann in der gesellschaftlichen Hierarchie nach oben klettern. Studieren wird mir erlaubt, auch wenn meine Eltern nicht Mitglieder in einer (der einzigen) Partei sind.

Genug der Geschichte und des Lamentierens. Wie geht es sonst?

Das Mäuschen wächst rasant. Pünktlich zu ihrem neunmonatigen Geburtstag überraschte sie uns mit der Fähigkeit zu krabbeln und sie wird immer besser. Sie isst gerne und sie ist nicht wählerisch. Sie entwickelt Humor und entdeckt ihre Gefühlswelt, was nicht immer einfach für uns Eltern ist, aber doch interessant zu sehen. Wir haben einen Kindergartenplatz in einer wirklich schönen Kita für sie, in weniger als einem halben Jahr starten wir ganz langsam mit der Eingewöhnung.

Dann haben Mr. Englisch und ich mehr Zeit für Uni und Arbeit und vor allen Dingen für uns. Es ist wirklich nicht leicht für uns gewesen. Diese erste Zeit des Zusammenlebens ist nie leicht. Man lernt den anderen auf eine ganz andere Art und Weise kennen, findet seine Macken sozusagen. Es bedarf vieler Diskussionen und Verhandlungen um Kompromisse zu finden, sodass beide Seiten zufrieden sind.

Bei uns kamen aber noch zwei bedeutende Aspekte hinzu. Zum einen kommen wir aus ganz anderen Lebenswelten, einerseits aus verschiedenen Ländern, andererseits aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Zum anderen ist da natürlich noch unsere Tochter. Selbst langjährige Beziehungen können scheitern oder ins Straucheln kommen, weil es nicht einfach ist, sich auf diese gänzlich neue Lebenssituation einzustellen und den Druck und Stress zu managen, den die Verantwortung für ein Menschenleben mit sich bringt.

Wir sind aber auf einem guten Weg, denke ich.

Ansonsten habe ich meine Ernährung umgestellt, mache Sport und verliere fleißig Babypfunde. In nächster Zeit werden vier neue kleine Menschlein in meinem Freundeskreis das Licht der Welt erblicken und ich bin erfreut und gespannt auf jeden Einzelnen von ihnen. Weitere Zwerge sind in Planung und auch darauf freue ich mich.

Wir waren in England, bald kommt England zu uns und im Sommer geht’s für eine längere Weile an die Küste, wo wir von Püppis Großeltern umsorgt werden und ich in Ruhe meine Hausarbeiten schreiben kann. Ich freue mich zurück zur Uni zu gehen, zu arbeiten und eben nicht bloß Mutter und Hausfrau zu sein – auch wenn ich das genossen habe und noch genieße, aber ich muss auch raus in die Welt und meinen Geist füttern. Zudem sehe ich Freunde wieder und habe nebenbei etwas mehr Zeit für mich ganz allein. Psychische Hygiene ist eben auch wichtig.

 

Und bei euch so?

Wer bis hier gelesen hat, hat sich ein Fleißbienchen ins Muttiheft redlich verdient.