Ohne

Wir sind jetzt schon seit etwa viereinhalb Jahren ohne Fernsehanschluss. Weil das heute offensichtlich etwas total Unverständliches ist, will ich euch einmal davon berichten.

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„Ohne Fernsehanschluss? Das ist ja wie ohne Smartphone zu leben (hab ich auch nicht) oder ohne Stromanschluss zu sein! Ihr lebt wohl wie im Mittelalter?“

Die Entscheidung trafen wir damals, weil irgendwie immer mehr Blödsinn im Fernsehen lief und wir nicht bereit waren, dafür GEZ UND Kabelanschluss zu bezahlen, was sich zusammen auf knapp 35€ pro Monat belief. 35€ im Monat, das wären 420€ im Jahr – für Schund. Nee, für das Geld kauften wir uns lieber anderen Blödsinn. 😉

Ich muss zugeben, es war am Anfang komisch. Wo ich vorher einfach die Glotze einschaltete und mich ein bisschen berieseln lies, musste ich mir nun etwas anderes suchen. Dank Internet, Büchern und Zeitschriften musste ich da natürlich nicht lange überlegen. Trotzdem ist mir da erst einmal aufgefallen, wie unglaublich viel Zeit ich am Fernseher verbrachte, ohne das wirklich zu registrieren. Ist ja auch praktisch: Heim kommen, erstmal Glotze an. Man verrichtet seinen Haushalt und lässt nebenbei den Flimmerkasten laufen. Und am Abend schaut man gemütlich -ja was wohl- TV. Da man dazwischen aber immer wieder Werbung hat, zieht sich ein normal langer Film schonmal über Stunden. Und weil Werbung nervt zappt man weg, verfängt sich woanders, schaltet viel zu spät zurück und hat irgendwas verpasst, das wohl doch halbwegs wichtig war.

Werbung ist einer der Gründe, warum ich das Fernsehen nicht vermisse. Ja, ich versteh schon, man muss sich ja irgendwie finanzieren. Aber wenn ein 45 Minuten-Stück auf über eine Stunde gedehnt wird und alle paar Fürze erstmal 10 Minuten Werbung sind, ist nicht nur die Konzentration futsch, sondern auch die Stimmung dahin. Mich nervt das. Es macht mich wütend. Werbung kommt ja auch zu den unmöglichsten Zeitpunkten. Die Spannung baut sich langsam auf, das Herz klopft ob der nervösen Vorahnung – zack!- Werbung!

Was mindestens genauso nervt ist das oft richtig beschissene Schnippeln. Da werden Teile rausgeschnitten, die wichtig fürs Verständnis sind, eine Ästhetik in die Szenenabfolge bringen oder das Gefühlsleben der Protagonisten erklären. Sowas regt mich mindestens genauso auf wie die ständige Werbung. Das fällt einfach auf, egal ob man den Film kennt oder nicht.

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Ein anderer Grund ist das Programm. Wenn ich einmal bei meinen Eltern bin oder bei Freunden und der Fernseher läuft, dann komm ich oftmals aus dem Kopfschütteln gar nicht raus. Assi-TV, Meinungsmache, bescheuertes Geschwätz, Dummenfang- solche Schlagworte kommen mir in den Sinn. Immer häufiger werden Menschen bloßgestellt oder in gescripteten Riäletie-Sendungen schlechte Ableser gefilmt. Oh Gott, es ist so schlecht! Reich- Ranicki hatte so Recht!

Nagut, ich will nicht unfair sein. Es gibt gute Sendungen. Tatsächlich! Nur finde ich die fast ausschließlich im öffentlichen Fernsehen. Und genau die haben Mediatheken. Die finde ich unheimlich praktisch, weil ich selbst entscheiden kann, wann ich was gucke. Zumal ich das dann aufmerksame schaue als würde ich es im TV laufen lassen. Ist einfach so ne persönliche Macke.

Übrigens ist das mit den Nachrichten auch so eine Sache. Wer fernsieht, bekommt automatisch das neueste Weltgeschehen mit, weil es oft kurz eingespielt wird oder eben vor der Lieblingssendung noch Nachrichten laufen. Das schien mir zunächst ein Problem zu werden, so ohne TV. Und vorerst bekam ich auch wirklich nicht mehr viel mit. Wenn man es nicht passiv mitbekommt, muss man sich seine Informationen nämlich aktiv suchen. Allein. Ohne Vorsprecher. Was aber auch ein Pluspunkt ist, denn erstens kann man sich das raussuchen, was einen interessiert und zweitens sind viele der großen Nachrichtenshows sehr einseitig und eben nicht unabhängig. Ein erschreckendes Beispiel gab neulich eine Demonstration, ich weiß nicht mehr worum genau es ging. Meine Informationen erhielt ich aus erster Hand von voneinander unabhängigen Anwesenden und Beobachtern der Demo. Jedenfalls verlief alles friedlich, bis plötzlich die Polizei anfing, mit Wasserwerfern aufzuwarten und gewaltvoll durchzugreifen. In den Nachrichten wurde es später anders herum gedreht, als hätten die Demonstranten angefangen durchzudrehen und die Polizei hätte sich nur gewehrt. Solche Verdrehereien sind sehr gefährlich und verzerren den Zuschauern die Weltsicht, ohne dass die es mitkriegen. Denn Hand aufs Herz: man glaubt dem netten Nachrichtenonkel einfach, wenn der einem was mit ernster Miene erzählt.

Fazit: Fernsehen ist ein netter Zeitvertreib und er scheint es einem zu erleichtern, etwas von „draußen“ mitzubekommen. Über Geschmack lässt sich streiten. Wer sich gern von den Privaten zurieseln lässt, der kann das gerne tun. Mir ist das nix. Zumal mir die Aussagen zwischen den Zeilen von sehr vielen Sendungen extrem missfällt. (Stichworte: Körperkultur, Sexualität, sozialer Umgang miteinander etc.) Ich entscheide lieber selber, was ich sehe, wann ich es sehe und wie. Zum Putzen lasse ich Musik nebenher laufen. Filme und Serien schaue ich über DVD oder Internetstreams. (Legal, bevor einer fragt.) Nachrichten hole ich mir von Internetplattformen verschiedener Zeitungen. Und wenn ich doch einmal fernsehe, dann bin ich heute sehr schnell sehr genervt von den vielen Bildern, die da in kürzester Zeit an mir vorbeirauschen und der Werbung, die mir allen möglichen Unsinn andrehen will. Ich brauche es nicht. Und nein, ich vermisse es auch nicht. Kein bisschen.

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