18. Dezember

Ein Beitrag von Mein Name sei MAMA

Erst 1, dann 2, dann 3, dann 4

1

Der Weihnachtstag war endlich da. Die schulfreie Zeit, nicht unbedingt die lernfreie. Aber diesen Pflichten würde man sich erst wieder nach den Feiertagen widmen müssen. Jetzt kam erst einmal Weihnachten.

Der Zauber des Fests aus der Kindheit war längst verflogen und doch war ihr diese Zeit im Jahr die allerliebste. Zumindest bei der Erinnerung an die Vorfreude von früher schlug ihr Herz ein schneller. Erwartungsvoll summte sie von früh bis spät Weihnachtslieder. Das Gefühl, ein paar Tage lang alle Sorgen in eine Schublade stopfen zu dürfen, die erst wieder nach den Feiertagen geöffnet wurde, ließ sie leicht und beschwingt durch den Tag schweben. All die Greuel in der Welt wollte sie für kurze Zeit einfach draußen vor der eigenen Tür lassen und so tun, als wäre das Leben einfach nur schön und friedvoll.

Friedvoll war der Weihnachtstag jedoch nur selten. Die Mutter war am 24. Dezember stets besonders in Eile und leicht reizbar, der großen Schwester eine verzückte „I’m dreaming of a white Christmas“-Stimmung ohnedies fremd, weil alle Feierlichkeiten für sie einfach nur unter Kitsch fielen und der Vater setzte sich schon vormittags ab, um die häusliche Hektik zu meiden. Da ging er lieber mit seinen Freunden etwas trinken.

2

Was der Anlass für die Meinungsverschiedenheit am frühen Nachmittag zwischen Eltern und Tochter war, daran konnte sie sich später gar nicht mehr erinnern, vielleicht war es nur eine pubertäre Spinnerei gewesen oder eine jener prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten wie sie Heranwachsende mit ihren Eltern haben müssen, um sich im Kampf gegen alles Bestehende neu zu definieren. Streit ist Streit und zu Weihnachten bricht er nicht nur schneller vom Zaun, er bohrt sich auch umso schmerzhafter in das Herz, das sich nach der versprochenen Idylle der Weihnachtsgeschichte sehnt.

Nach ein paar lauteren Worten verließ sie wütend die elterliche Wohnung. Obwohl Schnee lag, hatte sie in der Eile, um den Abgang theatralisch zu gestalten, bloß die Jacke vom Haken gerissen. Rums, die Tür war zu. Da gab es jetzt erst einmal kein Zurück.

Verärgert stapfte sie hinaus, einfach weg. Ihr jugendliches Ich fühlte sich wie ein Ikarus, der an den Boden gekettet war. Jede elterliche Vorschrift, jeder elterliche Rat war ein Glied dieser Kette. Aber wie der Phönix aus der Ausche würde sie sich eines Tages erheben und endlich sie selbst sein dürfen.

Während sie ihren wütenden Racheplänen und Weglaufvisionen nachhing, wurde ihr zunehmend kälter. El Nino musste in jenem Jahr ausgelassen haben. Selten gab es am 24. wirklich weiße Weihnachten. Die düsteren Gedanken verblies nach und nach der Wind, dafür wurde ihr die Ziellosigkeit dieses „Spaziergangs“ immer schmerzlicher bewusst. Da merkte sie, dass ein kleiner Hund mit einem zotteligen grau-braunen Fell ein paar Meter hinter ihr lief.

3

Hier am Rande der Stadt war es nicht unüblich, dass manche Hunde alleine ihre Gassirunden drehten. Ganz besonders dann, wenn schlechtes Wetter war. Schlecht war es ja eigentlich nicht. Sondern sogar der perfekte Weihnachtstag. Glitzernder Neuschnee, klirrende Kälte und rundherum nur Stille. Die Läden hatten bereits geschlossen, alle Welt schien zu Hause zu sein und auf die Bescherung zu warten. Alle bis auf sie und diesen kleinen Hund.

Irgendwann holte er sie ein und trottete neben ihr her, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. So spazierten die beiden auf verschneiten Feldwegen durch eine fast unberührte, weiße Landschaft und genossen schweigend die Gesellschaft des jeweils anderen.

Gerade als sie anfing sich Sorgen zu machen, dass der Hund womöglich kein Zuhause haben könnte, weil er nun schon ein sehr langes Stück des Weges mit ihr gelaufen war, und sie längst die letzten Häuser der Stadt hinter sich gelassen hatten, bog er ab und lief über die Felder davon.

„Natürlich muss er ein Zuhause haben“ dachte sie, um sich selbst zu beruhigen und schaute ihm nach. Konnte das ein Streuner sein? Ein Ausreißer oder gar einer, der ausgesetzt oder verloren gegangen war? Hätte ihr Zusammentreffen womöglich ein Fingerzeig sein sollen, den sie – ganz typisch – nicht verstanden hatte? Ein stummer Hilferuf nach einem warmen Obdach an so einem kalten Tag?

Ihr Herz wurde schwer. Sie kehrte um und ging nachdenklich nach Hause. Die eigenen Sorgen waren verflogen.

4

Abends nach der Bescherung saß die Familie zusammen und lauschte einer Geschichte von Heinrich Waggerl.

Unverziehen bleibt das Gute, das wir nicht getan haben.“

So endete die Erzählung von dem Stock und dem alten Trinker, die sie schon seit Kindertagen kannte. Sie schluckte schwer und ihre Gedanken wanderten hinaus zu den schneebedeckten Feldern und einem kleinen Hund mit zotteligem Fell, wo immer er nun auch sein mochte.

 

 

 

2 Kommentare zu „18. Dezember

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