Mein Leben als größte Kleinwüchsige der Welt

Als besonderer Mensch habe ich eine besondere Verantwortung. Ich bin 1,73m groß und gelte damit als größte Kleinwüchsige der Welt. Wie mein Leben mit diesem Titel aussieht, davon möchte ich Ihnen heute einmal berichten.

Als ich geboren wurde, war ich schon fast so groß wie meine Mutter. Bereits während der Schwangerschaft lieh sie alle Organe, die sie nicht brauchte, ihrer Nachbarin, um Platz zu schaffen. Das waren vorrangig solche, die sowieso doppelt waren – etwa Lungenflügel oder Nieren – aber auch diejenigen, die sie ohnehin nicht benötigte, Leber und Milz etwa, da sie eh keinen Alkohol trinken durfte. Diese Nachbarin wiederum hat mir später an besonderen Tagen den besten Tomatenkuchen gebacken, den ich jemals gegessen habe. Ihr Geheimnis lag darin, die kleinen tiefroten Tomaten zu verwenden, die in der Mitte nur einen einzigen Kern haben und eher süßlich schmecken. Die Kerne hätte die liebe Alte aber entfernen können, dann wäre der Kuchen noch besser gewesen.

Als ich mit 6 Jahren in die Schule kam, war ich bereits 1,20m und damit größer als die Hälfte meiner Familie. Meine Besonderheit führte bald dazu, dass ich gehänselt und ausgeschlossen wurde. Meine Noten wurden vor allem ab der 5. Klasse, als ich ins Gymnasium kam, immer schlechter. Das veranlasste meine Eltern dazu, mich auf eine Schule speziell für Kleinwüchsige zu schicken. Schon dort hinein zu kommen gestaltete sich aber schwierig, doch nach einer erfolgreichen Klage wegen Diskriminierung von Minderheiten bekam ich grünes Licht.

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Das bin ich nicht.

Nun muss ich sicher nicht erwähnen, dass ich von Anfang an die Größte in meiner Klasse war und sogar einige Lehrer mühelos überragte. Die Hoffnung, endlich dazu zu gehören, wurde mir auch hier, in der Schule, die mir eigentlich ein sicherer Hafen sein sollte, nicht erfüllt. Ich quälte mich durch die Schuljahre mit der Zuversicht, dass nach meinem Abschluss endlich alles besser werden würde, denn dann wäre ich ja erwachsen und Erwachsene mobben nicht.

Doch besser wurde es nicht. Schon einen Job zu finden war nicht einfach. Viele Arbeitgeber waren mehr oder weniger deutlich, dass sie „jemanden wie mich“ in der Firma nicht gebrauchen können. Einer machte sich sogar über mich lustig indem er behauptete, dass ich gar nicht kleinwüchsig sei, was natürlich Schwachsinn war, immerhin besuchte ich eine Schule für Kleinwüchsige! Dieses Erlebnis hat mich nachhaltig geprägt und nachdem ich es erst einmal verarbeitet hatte, entschloss ich mich, für große Kleinwüchsige einzustehen und eine Stimme zu sein. Schließlich handelt es sich um eine besondere Personengruppe, die viel mehr Aufmerksamkeit in unserer Gesellschaft braucht.

Seit einigen Jahren bin ich nun Pressesprecherin der UNESCO (Union of Not Extremely Short Cut Ones) und setze mich für unsere Rechte ein. Seitdem ich sage, dass ich für die UNESCO arbeite, sind die Menschen viel freundlicher zu mir und hören mir zu. So mache ich etwa darauf aufmerksam, dass es für unsere Gruppe kaum Kleidung in Kleinwüchsigenläden gibt, da die meisten Angebote einfach zu klein sind. Dass wir aber nicht in einen „normalen“ Laden gehen können, versteht sich ja von selbst.

Auch Autofahren stellt eine besondere Schwierigkeit dar. So ist es Vorschrift für Kleinwüchsige, eine Pedalverlängerung am Auto anzubringen. Da diese Pedalverlängerung für unsere abnorm langen Beine aber zu lang ist, ist der Umbau einer maßgeschneiderten Variante extrem kostspielig. Leider gibt es kein Entrinnen aus dieser Bestimmung, ich habe sogar bei der Zulassungsbehörde nachgefragt. Ich habe angerufen und gefragt „Brauchen Kleinwüchsige eine Pedalverlängerung?“ und der Beamte antwortete „ja“ und damit war alles klar.

Meine Hoffnung für unsere Gruppe der größeren Kleinwüchsigen ist, dass wir Gehör finden und in der Gesellschaft endlich akzeptiert werden. Für mich persönlich hoffe ich, einen verständnisvollen Partner zu finden, der mich so nimmt wie ich bin, auch wenn ich die größte Kleinwüchsige der Welt bin.

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Das bin ich auch nicht, aber Pancakes mag ich auch.
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