Spenden wird in Frankreich Pflicht

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In Frankreich wurde durch den Senat beschlossen, dass Supermärkte keine Lebensmittel mehr wegwerfen dürfen. Dadurch soll bis 2025 die Abfallmenge halbiert werden.

UnserDing fragte auf Facebook:

Brauchen wir das Gesetz auch?

Die meisten mir bekannten Supermärkte spenden bereits. Manche missbrauchen das allerdings, um vergammelte Lebensmittel loszuwerden und dadurch ihre Abfallgebühren zu minimieren.

Ein kleiner Exkurs: Es gibt einen Laden in Jena, der grundsätzlich alles in seine Spendenkartons wirft. Im Sommer führt das dazu, dass man den Inhalt dieser Kartons nahezu komplett wegwerfen muss, da etwa vergammelnder Kohl (stellt euch allein diesen Gestank vor) auch das Verderben anderer Lebensmittel beschleunigt. Man könnte ihnen das zum Vorwurf machen, jedoch ist es einfach so, dass sie nicht ausreichend Personal und Zeit haben, um zu sortieren. Stellten sie nun jemanden dafür ein, würden auch die Waren teurer werden, da der Inhaber auf dieses Geld nicht verzichten möchte. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz, denn in diesem Laden gehen vor allem diejenigen einkaufen, die ein niedriges Einkommen haben. Ich möchte betonen, dass „Gammelkartons“ ansonsten die Ausnahme sind.

Ich finde es dennoch gut, dass so viel ankommt; die Menschen, die z.B. bei der Tafel beziehen (das sind etwa 1,5 Millionen bedürftige Haushalte in Deutschland), sind darauf angewiesen. Außerdem sind die Lebensmittel oft in gutem Zustand, haben lediglich Druckstellen o.ä.

ABER! In meinen Augen bekämpft das nur Symptome und keine Ursachen.
Zum einen ist es eine Schande, dass es sowas wie die Tafel in einem der reichsten Länder der Welt überhaupt geben muss. Das ist ein Systemfehler, der in der ungerechten Ressourcenverteilung begründet ist. Schlagwort wäre hier die Schere zwischen arm und reich.dwo-wi-wirtschaftsentwicklung-jb-teaser

Zweitens sollte man bedenken, warum so viel weggeschmissen wird. Selten, weil Obst oder Gemüse wirklich faul geworden ist, sondern meistens aus ästhetischen Gründen. Eine braune Stelle oder eine Delle führen zum Ausschluss. Hier ist der Konsument gefragt.

Dazu kommen noch strikte Vorgaben zu Gewicht (ein Apfel der Sorte X darf nur zwischen a und b Gramm wiegen), Aussehen (eine Gurke darf keine Biegung im Winkel über y° haben) und dergleichen.

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Drittens sind wir verwöhnt! Der deutsche Durchschnittskonsument besteht auf eine große Auswahl durch das ganze Jahr hindurch. Außersaisonale Produkte und exotische Früchte gelten als selbstverständlich. Während meiner Zeit in einem Supermarkt, in dem ich vor allem im Obst- und Gemüsebereich tätig war, habe ich die Beobachtung gemacht, dass es für alles eine Zeit gibt und die große Auswahl unsinnig ist. Während Bananen im Frühling der Renner sind, kann man ihnen im Spätsommer beim Vergammeln zusehen, weil dann beispielsweise Beerenobst lieber gekauft wird, das dafür im Winter zugunsten von Zitrusfrüchten im Regal zurückbleibt. Ihr habt keine Vorstellung davon, wie viel allein dadurch weggeschmissen werden muss! Mir als spatsamem Menschen blutete dabei das Herz. Und das ist mit jedem Obst und dem meisten Gemüse so.
Was diese allzeitliche Verfügbarkeit für ökologische Auswirkungen hat, begreift man spätestens, wenn man vor Kartoffeln aus Äthiopien oder Äpfeln aus Chile steht. Von den sozialökonomischen Konsequenzen für die Herkunftsländer fange ich erst gar nicht an; das sprengte den Rahmen dieses Beitrages.

yupik

Das sind nur drei Ursachen, die von einem Gesetz der Pflicht des Spendens von Supermärkten völlig unberührt blieben. Betrachtet man nur das Symptom Abfall, so wäre auch ich für ein derartiges Gesetz, denn das, was „noch gut“ ist und dennoch im abgeschlossenen und gesicherten Müllcontainer landet, während gleichzeitig Menschen Hunger schieben, ist einfach unglaublich. (Überhaupt finde ich es absurd, Müll einzuschließen und auf Eigentumsrecht zu pochen. Very deutsch?)

Meiner bescheidenen Meinung nach sollte an diesen Problemen gearbeitet werden; Symptombekämpfung ist eine Farce. Jedoch sind sie eng mit dem praktizierten kapitalistischen System und unserem Verständnis von Zivilisation verknüpft und daher schwer zu handhaben. Auf die Frage, ob wir ein Gesetz nach dem Vorbild Frankreichs brauchen, antworte ich also: solange der Status Quo derselbe bleibt: vielleicht. Viel dringender jedoch wäre ein Umdenken, eine Weiterentwicklung der Gesellschaft, eine Wertschätzung für Dinge, Menschen und Natur.

Solange für die westliche Hemisphäre selbstverständlich ist, dass zu ihrem Zweck in fernen Ländern massenproduziert wird, ohne dies anständig zu entlohnen und entschädigen, so lange wird weggeschmissen. Und solange dieses System der Bereicherung weniger auf Kosten vieler (auch intersystemisch) geschieht, solange werden ausgleichende Gesetze benötigt, die jedoch nur ein Pflaster auf eine Schusswunde darstellen.


Ja, ich weiß, ich wollte hier eine Blogpause machen. Jedoch stolperte ich auf Facebook über den eingangs erwähnten Beitrag, wollte antworten, diese Antwort fiel sehr lang aus, ich machte einen Blogeintrag daraus und diesen erst in 2-3 Wochen zu veröffentlichen wäre unsinnig. Bin mal weiter lernen.

Autor: nickel

Schmeckt wie Regenbogen. kopfbunt, verhaltensoriginell, warmherzig, ehrlich, verrückt, denkintensiv, pflegeleicht. Manchmal.

2 Kommentare zu „Spenden wird in Frankreich Pflicht“

  1. Das Gesetz in Frankreich verpflichtet die Supermärkte nicht dazu zu spenden, sondern lediglich dazu, die Produkte einer andere Verwendung zuzuführen als sie wegzuwerfen, dabei ist die Verwendung als Tierfutter ausdrücklich vorgesehen. Diesen Weg werden vermutlich die meisten gehen, da er einfacher ud kostengünstiger ist als die Spende an Bedürftige und deren Organisationen, für die eben eigentlich auch noch die verwendbaren von den definitv nicht mehr verkehrsfähigen Lebensmitteln getrennt werden müssten. Insofern ist die französische Regelung im Bezug auf Lebensmittelspende, die direkt den Menschen zugute kommen soll und die Lebensmittel ihrem eigentlichen Zweck, nämlich dem Verzehr duch Menschen zuzuführen, halbherzig.

    Eine deutsche Version sollte zumindest eine Regelung in der Richtung enthalten, dass noch verzehrfähige Lebensmittel in jedem Fall, wenn technisch möglich, auch dem Verzehr zugeführt werden.
    Zu den „verwöhnten“ Verbrauchern: So gut wie niemand wird einsehen, warum er für Ware, die leichte Mängel zeigt, das gleiche bezahlen soll, wie für einwandfreie, die gleich nebenan liegt. Ich versuche einigermaßen bewusst einzukaufen, aber trotzdem würde es mir nicht einfallen, extra zum leicht angestoßenen Obst zu greifen, wenn es das gleiche kostet wie völlig unbeschädigtes. Für den halben Preis greife ich aber gern zu, wo immer mir dieses Angebot gemacht wird, was leider sehr selten passiert. Wäre das verbeiteter, würde vermutlich ein großer Teil des Abfalls in den Märkten gar nicht erst entstehen. Offenbar ist es aber für die Ketten immer noch billiger, die Ware wegzuwerfen als sie zu sortieren und B-Ware mit einem *deutlichen* Nachlass anzubieten.

    Der größte Teil dessen, was an produzierten Lebensmitteln weggeworfen wird, kommt aber überhaupt erst gar nicht in den Einzelhandel sondern wird entweder bereits bei den Produzenten aussortiert, weil er nicht den Vorstellungen (und nicht nur den vermeintlichen „Normen“) der Aufkäufer entspricht, obwohl er durchaus genussfähig wäre, oder in den Großmärkten, wo eine Stichprobe von zwei oder drei nicht völlig einwandfreien Paprika genügt um eine ganz LKW-Ladung ungesehen auf den Müll zu schicken.

    Für diese Lebensmittelverschwendung bringt ein solches Gesetz nichts. Trotzdem wäre ich auch für uns sehr für einen solche, am besten besser durchdachte Regelung. Auch, um zum Besipiel die Foodsharing-Bewegung zu stärken, die für meinen Geschmack das bessere Konzept als die Tafeln hat, weil sie mehr auf dem Gelegenheitsprinzip basiert und in erster Linie das Ziel verfolgt, lebensmittel vor der Tonne zu retten und dabei den Nebeneffekt der Versorgung Bedürftiger mit *kostenlosen* Lebensmitteln ohne Anshen der Person, ohne jegeliche Bürokratie des Nachweises der Bedürftigkeit „billigend in Kauf nimmt“. Theoretisch dürfte sich an einem Fairteiler auch ein Multimillionär bedienen, was in der Praxis kaum vorkommen dürfte. Durch diese Bewegung, die aus meiner Sicht ein typische Graswurzelprojekt mit bemerkenswertem bürgerschaftlichen Engagement besonder junger Menschen, wurden schon viele tausend Tonnen Lebensmittel vor dem Vergammeln auf der Kippe bewahrt und ihre Unterstützung könnte die Rettung von Lebensmitteln vor dem Weggeworfenwerden verfielfachen.

    Andererseits müsste auch viel früher, vor den Supermärkten einiges passieren. Um die Vernichtung bereits porduzierter Lebensmittel bevor sie überhaupt in die Verfügbarkeit für die Verbraucher kommen zu verhindern oder wenigsten erheblich zu vermindern.

    Bei der Beseitgung der Ursachen für die Bedürftigkeit sehe ich auf absehbare Zeit schwarz. Das zu versuchen ist ein löbliches Vorhaben, aber in der Zwischenzeit muss es schneller umsetzbare Lösungen geben ohne dieses Zeil aus den Augen zu verlieren.

    Gefällt 2 Personen

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