Vorbilder: Emma Ihrer

Heute hat eine Frau Geburtstag, auf die mich Google aufmerksam gemacht hat. Zurecht erinnert Google an sie, hat sie doch in ihrer Zeit auf diesem Planeten und in ihrer Epoche viel erreicht.

So verhinderte sie (zusammen mit Clara Zetkin) nicht nur einen Antrag gegen die Frauenerwerbstätigkeit, sondern sorgte sogar dafür, dass Frauen in den Gewerkschaften als gleichberechtigt galten.

1857 wurde sie in ein Preußen geboren, das für politisch Interessierte und Aktive ein schwieriger Staat war. Nachdem 1849 die Revolution gescheitert war, die den Bürgern Mitbestimmungsrechte bringen sollte, wurde vielerorts nicht nur die Feudalherrschaft zurückgebracht, sondern sogar die Ergebnisse der Märzrevolution storniert, die unter anderem das Wahlrecht und Grundrechte beinhalteten.

Wie sehr ihre Arbeit den Autoritäten aufstieß wurde deutlich an den häufigen Polizeikontakten und letztlich dem Versuch, ihrem Mann, der Apotheker war, die Konzession zu entziehen. Er verkaufte die Apotheke und sie zogen nach Berlin. Dort war sie bis zu ihrem Tod 1911 unermüdlich tätig, sich für Rechte und Bedürfnisse von Arbeiterinnen einzusetzen.

Wer mehr zu dieser starken Frau, Gewerkschafterin, Frauenrechtlerin, Sozialistin wissen möchte, findet etwa in der Datenbank der Deutschen Biographie einen Artikel.


Grafik: Google Doodle vom 03.01.2018

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13. Dezember

Ein Beitrag von Wirrkopf

 

Aus Holy Horror Christmas (ISBN 978-3-492-27349-8)

Wiglaf Droste

Weihnachten: Ungefickt zu Mutter

Heiligabend, Stichtag der Angst. Zwei Spätheimkehrerinnen berichten

Also „MUTTER“ ist ja ein ganz saudummes Wort. Ich meine, allein schon so als Wort.

Die Frau am Nebentisch sagte das sehr entschieden, ihre Zuhörerin nickte heftig und ich wurde wach.

„Wie das schon klingt – MUTTA!“, fuhr die Sprecherin fort.

„Wie Mutant und Mutterboden. Ich denke da immer an >Psycho< von Hitchcock, wie Anthony Perkins mit dumpfer Stimme sagt >Hallo, Mutter. Ich bin es, Mutter<. Und jetzt muss ich da wieder hinfahrn!“

Die Sprecherin hatte Leben in der Stimme, ein bisschen Rage und einen Anflug von Müdigkeit. Normalerweise schätze ich es nicht, im Café mit den Gesprächen fremder Menschen behelligt zu werden, aber diesmal war es mir ganz recht. Ich hatte Kaffee getrunken und Zeitung gelesen; Ein paar Lobbyisten erklärten Rudi Dutschke salbungsvoll zu ihrem ganz persönlichen Jesus und gefielen sich darin, eine Straße nach ihm benennen zu wollen.

Befeuert von aktionistischer Seligkeit trompeteten sie die flachsinnige Idee in die Welt und machten eine ganze Zeitung damit voll. Ob es an Weihnachten lag?

Kitsch hat ja immer Konjunktur, aber wenn Heiligabend und das Christkind vor der Tür stehen, kommt der Terror in besonders dicken Happen. Ich hatte einmal die Archivaufnahme einer Dutschke-Rede gehört und wusste seitdem, was Brei auf Stelzen ist.

Den beiden Frauen am Nebentisch war der Studentenführer egal, sie drängte Persönlicheres.

„Ich kann’s auch nicht ab!“, stöhnte die zweite Frau auf. Bisher hatte sie nur zugehört und mit weiblicher Ermunterungsmimik den Redefluss ihrer Freundin an Leben erhalten. Nun aber sturzbachte es auch aus ihr heraus. Wenn mein Bruder >Mutti< sagt, muss ich brechen. Wie der das ausspricht – mit weichem d! >Naaa, Muddi<, sagt der dann.

Gah! Ein erwachsener Mann von über vierzig ein >Mutti<-Sager! Und dann ist auch noch Weihnachten und man kann nicht mal abhauen.

Verstohlen betrachtete ich die beiden Frauen. Sie waren selbstunzweifelhaft erwachsen, ich schätzte sie auf Anfang bis Mitte dreißig. Beide verfügten sichtlich über Schönheit und Energie

auch Angst war im Spiel. „Noch zwei Kaffee, bitte!“, sagte die kurz zuvor noch von ihrem Mutti-Bruder entsetzensgepeitschte Frau zum Kellner. Der bot mechanisch allerlei italienisch Klingendes an. „Nein, ganz normalen Kaffee“, entgegnete ihm die Frau. Keinen Schaumscheiß, bitte.

Ich folgte ihrem Beispiel, bestellte und bekam Kaffee und tat, als läse ich weiter Zeitung – die beiden Frauen sollten sich ganz unbeobachtet fühlen und schon weitersprechen. Weil sie aber gerade Kaffee schlürften und Sprechpause hatten, heftete ich meine Augen wie hochkonzentriert ins Blatt – das mir nun damit kam, die Zeitung an sich sei etwas unglaublich Dolles, Rares und Erhaltungswürdiges und per se ein Ort der Kultur und des Geistes und überhaupt.

Nicht schlecht, dachte ich. Die Zeitung thematisiert sich selbst, haut sich kräftig auf die eigene Schulter und verkauft das als Nachricht, während andere ihre Reklameartikel ja verschenken müssen. Ich überlegte, bei welchen Freunden des Überflüssigen der Trick wohl zöge – mein eigener Bedarf an Zeitung war drastisch geschrumpft – seitdem ich keine Ofenheizung mehr hatte.

Endlich rissen mich die Frauen am Nebentisch in die Wirklichkeit zurück; Verglichen mit Zeitunglesen ist noch das kleinste Fitzelchen Leben sensationell. Die Frau, die so lustig tönern „Hallo Mutter“ sagen konnte, hatte die Sprache wiedergefunden.

„Die letzten Tage vor Weihnachten sind der reine Exodus“, hob sie an. „Du musst mal am Bahnhof kucken, was da alles nach Hause fährt. Und wie die aussehen – wie eine besiegte Armee.

Hundeaugen, hängende Schultern, gebeugt, gebückt, zerdrückt – das ist die Weihnachtsfreude.“

Sie lachte hell und grimmig. „Und ich mache das auch! Weihnachten zu Hause! Drei Tage Gesichter wie eingeschlafene Füße – all diese leeren, sexlosen Gestalten.

Wenn man sich wenigstens auf Vorrat mit Sex vollhauen könnte! Und ausgerechnet jetzt! -Ihre Stimme nahm Wut an -, habe ich Schluss mit meinem Freund gemacht.

Weißt du ja, seit drei Wochen. Ganz schlechtes Timing.

Ihre Freundin kicherte. „Wem sagst du das?“, fragte sie. Bei mir ist doch auch seit 14 Tagen Finito. Aus bloßem Ordnungssinn. Ich wollte das einfach noch im alten Jahr erledigt haben. Und jetzt müssen wir beide in diesen Film: Weihnachten ungefickt zu Mutter fahrn!

Die beiden prusteten los und freuten sich so sehr, dass sie Champagner bestellten. Sie tranken und wiederholten, der Drohung ungeachtet, immer munterer und begeisterter:

„Wir müssen mit der Eisenbahn / ungefickt zu Mutter fahrn! Da lachte nun auch ich mit – woraufhin die beiden schlagartig verstummten, und dann wurden wir alle drei rot, so rot wie eine Weihnachtsgans.

Frauen sind kompliziert und Männer verstehen sie nicht

Immer wieder einmal hört man diesen Satz, meistens im Scherz, manchmal halbernst gemeint. Was ist dran?

Wenn ein Mann das Erwachsensein erreicht hat, wurde er sehr wahrscheinlich schon das eine oder andere Mal damit konfrontiert, dass Frauen eine Sache sagen und eine andere meinen und dadurch unverstehbar sind. Vielleicht glaubt der eine oder andere diese Aussage, zumindest in einem gewissen Ausmaß.

Zu einem gewissen Grad entspricht es der Wahrheit. Frauen reagieren tatsächlich oft anders als sie fühlen, verwischen ihre eigentlichen Meinungen und Intentionen. Wenn man einmal versteht, warum sie das tun, ist es jedoch gar nicht mehr so unverständlich. Es ist pures Überleben.

Während einige Männer gekonnte Schauspieler werden, müssen die meisten Männer die Kunst der Täuschung niemals erlernen, wenn es nicht gerade darum geht, ruhig auszusehen, während man innerlich den Chef erwürgen möchte. Bei Frauen sieht das ganz anders aus.

Frauen sind die meiste Zeit im Leben von Menschen umgeben, die größer und stärker als sie sind, sozial privilegierter, aggressiver (Testosteron ist Höllenzeug) und gesellschaftlich eher ermutigt dazu, dies zum Ausdruck zu bringen. Und das beste?

Manche dieser Männer um sie herum sind extrem gefährlich, andere nicht und in den meisten Fällen kann man nicht wissen, zu welcher Sorte ein Mann gehört. Meistens ist die einzige Möglichkeit das herauszufinden, etwas zu sagen oder zu tun, das ihn zum Explodieren bringt – oder eben nicht.

Diese Testmethode ist in etwa eine ebenso gute Idee wie mit dem Pogostick durch ein Minenfeld zu hopsen. Verständlicherweise entscheiden sich die meisten Frauen also dazu, diesen Test nicht zu fahren.

Dazu gehört manchmal auch zu lächeln, wenn sie in einer Situation ohne potenzielle Helfer angeflirtet werden oder über einen unangenehmen Witz zu lachen, weil der Raum voller Männer ist und alle lachen.

Männer sind nicht nur nicht in der Täuschungskunst bewandert, sondern bekommen beigebracht, ihren Selbstwert in der Bestätigung einer Frau zu suchen. Und in den meisten Fällen nehmen sie diese Bestätigung sehr ernst. Das kann zu unwohlsamen oder gar gefährlichen Spiralen und Beziehungen führen.

Es ist sehr schwer bis unmöglich für Frauen, da heraus zu kommen. So wie unsere Gesellschaft funktioniert, haben Frauen oft keine bessere Wahl, als ihre Sicherheit über die Transparenz ihrer Aussagen zu stellen, vor allem gegenüber Menschen, die ihnen gefährlich werden könnten.

Obgleich es sehr frustrierend für Männer sein kann, ist es nicht an den Frauen sich anders zu verhalten, solange Männlichkeit assoziiert wird mit Aggression, Macht und Gewalt. Frauen lächeln und lachen so lange über (unerwünschte) männliche Annäherungsversuche, so lange ein nicht unerheblicher Anteil an Männern eine potenzielle Gefahr darstellt.

Für diejenigen Männer, die nicht von Wölfen erzogen wurden, die nicht mit Genervtheit sondern tatsächlichem Interesse an dieser Situation reagieren, die Frauen nicht in Panik versetzen wollen, sondern jetzt vielleicht erkennen, dass sie ein „oh Gott bitte verschwinde“ als „dieses Gespräch mit dir allein in diesem Aufzug ist großartig“ gelesen haben, gibt es ein paar Anhaltspunkte:

  • Wenn eine Frau sich bedroht fühlt, ist das meist erkennbar an bestimmten Reaktionen: Sie verlässt den Bereich, sie wechselt das Thema, sie bewegt sich selbst oder sich und den Gesprächspartner in Richtung anderer Menschen, besonders anderer Frauen, sie flirtet oder witzelt nicht zurück.
  • Auch passt die Antwort nicht zu dem, was gerade gesagt wurde: etwa beantwortet sie ein Kompliment mit „Danke“ oder einem Lachen, statt eines zurück zu geben oder beantwortet eine intime Frage mit einer unsexuellen Gegenfrage etwa nach den Eltern.

Nun würden die meisten Männer bei der Feststellung, dass eine Frau sich unwohl fühlt, wohl intuitiv fragen wollen „Habe ich etwas falsches gesagt?“ oder „Fühlst du dich unwohl mit mir?“

Das führt jedoch nur sehr selten zu einer ehrlichen Antwort, sondern startet das gleiche System des Nicht-Reizen-Wollens, weil es ja noch immer kein Indiz dafür gibt, dass der Mann im Ernstfall ruhig reagiert statt in die Luft zu gehen.

Stattdessen stellt sich dann eher die Frage, ob das Gegenüber tatsächlich besorgt ist oder aber sich angegriffen fühlt weil er vielleicht gemerkt hat, dass das Lachen nicht echt war? Stecke ich in größerer Gefahr als vorher?

In dieser Situation ist es für den potenziell bedrohlichen Mann das beste, sich zurück zu ziehen, auch körperlich einen Schritt oder zwei nach hinten zu machen und mehr Raum zu lassen. Hat sich die Situation entspannt, kann es helfen, ehrlich zu sein:

„Falls dir die Witze über Clownspimmel unangenehm sind, lass es mich wissen und ich lasse sie aus.“

Das kann helfen, muss aber nicht. Jede Frau reagiert anders und jeder Mann ist unterschiedlich in seinem Auftreten und seiner Wirkung. Menschliches Verhalten ist enorm kompliziert und es gibt keinen Trick, keine Allgemeinlösung, keinen Cheat-Code, der immer funktioniert. Es ist aber ein Schritt in eine gute Richtung.

Das Wichtigste: Wenn Sie einmal signalisiert haben, dass Sie nicht explodieren werden, dann stehen Sie auch dazu. Wenn eine Frau Ihnen ihre Offenheit schenkt, dann ist das ein Privileg, das Sie sich verdient haben müssen. Ehren Sie es.

TL;DR: Frauen haben simple Bedürfnisse (Sicherheit) und leben in einer gefährlicheren Welt als der Großteil aller Männer, was mehr Vorsichtsmaßnahmen mit sich bringt als sich der durchschnittliche Mann Gedanken machen muss. Sich darüber lustig zu machen oder wütend zu reagieren, wenn Frauen sich schlicht selbst schützen, ist Arschlochverhalten. Versuchen Sie die Welt um sich herum wahrzunehmen und zu verstehen, üben Sie Empathie dafür, dass manche Menschen andere Wahrnehmungen haben und verhalten Sie sich nicht wie ein Arschloch, von denen hat die Welt bereits zu viele.

Ich bin sauer

Bin ich auf Twitter unterwegs, finde ich meistens viele interessante Artikel, Gedanken, ich kann lachen, lerne etwas Neues oder stolpere über schöne Bilder und gute Leseempfehlungen.

Gestern allerdings verließ ich Twitter so zürnisch wie nie zuvor. Grund dafür waren zwei Artikel, die echt…aber seht selbst:

1. Frauen, werft die Schminke weg, dann seid ihr sicher

Barbara Kuchler hat in ihrem Artikel „#OhneMich“ gefordert, dass Frauen sich nicht mehr körperbetont kleiden und ihr Make-Up wegwerfen sollen. Denn: „Solange sich Frauen als das schöne Geschlecht gerieren, bleibt die #MeToo-Debatte oberflächlich.“

Zwar sagt sie „[d]ass enge Hosen und hohe Schuhe Männern kein Recht zum Grapschen und zu schlüpfrigen Sprüchen geben, bleibt dadurch unbenommen. Männer müssen sich kontrollieren und ihre Hände und Zunge im Zaum halten – selbst wenn die Wahrnehmung von Körperattributen sich aufdrängt, ist der Überschritt zum Handeln in keinem Fall erlaubt.

Jedoch macht das nicht wett, dass im Artikel der gleiche Mist gefordert wird, das gleiche Victimshaming und Opfererziehen, die gleiche „selbst schuld“ Scheiße passiert, die wir schon so oft gehört haben und die durch Wiederholung eben nicht besser wird.

Frau Kuchler als Soziologin sollte wissen, dass Abschminken und Schlabbershirt nicht vor sexuellen Übergriffen schützen. Sie als Soziologin sollte wissen, dass die Mechaniken, die hinter sexualisierter Gewalt stecken, ob verbal, psychisch oder körperlich, wesentlich tiefer liegen als die Frage nach der Länge des Rocks. Vergewaltigung findet schließlich auch da statt, wo Frauen ganzkörperverhüllt sind. Eine Frau muss sich nicht präsentieren, um in eine sexistische Rolle gedrängt zu werden.

Nein verdammt, Frauen sollen nicht auf Makeup und Ausgehkleid verzichten, damit ein Arschloch sich nicht wie ein Arschloch benimmt! Es geht auch nicht darum, dass sich entweder Frauen weniger oder Männer mehr hübsch machen (ja, das steht echt im Text!), sondern es geht darum, Männern und Frauen -Frauen als Täterinnen gibt es in Frau Kuchlers Welt wohl nicht- schon im Kindesalter gegenseitigen Respekt und Impulskontrolle beizubringen. Den Unterschied zu zeigen zwischen einem Kompliment, Flirten und einem ekelhaften Spruch.

Zudem, Frau Kuchler, ob Sie glauben oder nicht, aber so manche Frau schminkt sich nicht für andere, sondern für sich. Weil sie es mag, nicht weil sie einer Gehirnwäsche unterzogen wurde. Nicht weil sie ne geile Schnitte sein will, sondern weil es ihr gefällt. Auch wenn Sie das nicht glauben wollen und auf Seite 2 als Spinnerei abtun. Und mal ehrlich: wenn sie anderen gefallen will, warum denn nicht? Das heißt trotzdem nicht, dass sie dann mehr Schuld an einem Übergriff hätte als ohne Kayal.

Ich zum Beispiel gehe nur noch selten weg, da sich das mit Kind eben nicht so einfach gestaltet, aber wenn, dann möchte ich doch nicht „irgendeine Hose, irgendeine Jacke und irgendwelche Schuhe“ anziehen, nur weil Sie das bei ein paar Männern beobachtet haben.

Zugegeben, die Passage darüber, sich nicht mehr mit dem Schönheitswahn zu quälen, die finde ich gut. Tatsächlich denke ich mir manchmal, wenn Freundinnen fragen „sieht das gut genug aus? Kann ich so aus dem Haus?“ nachdem sie eine Stunde an sich herum gezupft haben und sie so gutaussehend locker auf meinem imaginären Catwalk laufen könnten, dass etwas schief läuft. Dass Frauen in Filmen und Serien immer gertenschlank und top gestylt zu sein haben nervt mich auch.

Das aber mit dem Thema des sexuellen Übergriffs in Verbindung zu bringen geht mir zu weit. Das ist nicht fair. Das ist nicht in Ordnung. Es rückt den Fokus auf das Opfer, wo er doch beim Täter liegen sollte. Der Täter ist der Täter, der der etwas getan hat, das nicht rechts- und werte- und sittenkonform war.

„Wer morgens vorm Spiegel den Eyeliner zückt, malt mit an der schönen Seite einer gesellschaftlichen Ordnung, deren hässliche Seite das Grapschen und Einsammeln von Frauen als Jagdtrophäe ist.“

Wissen Sie, was es heißt, den Fokus auf das Opfer zu rücken? Es heißt, dass das Opfer sich ändern muss, um nicht Opfer zu sein; es heißt, dass es Schuld an seiner Opferrolle hat; es heißt, dass es falsch handelt und falsch ist. Und das ist die Argumentation, die am Ende relativiert, die Täter im Gerichtssaal sagen lässt „aber die hatte einen Minirock an, da konnte ich mich nicht beherrschen. Sie ist selbst Schuld! Sie hätte sich ja nicht so anziehen müssen, dann hätte ich ihr auch nichts getan!“

Diese Täterkultur gilt es zu überwinden, statt Frauen zu sagen, sie sollen sich nicht schminken und hübsch anziehen und zu behaupten, dass sie das gar nicht wollen, sondern das allein für die Männer tun, von denen sie am Abend belästigt werden. Ganz nebenbei würdigt das alle Männer pauschal auf unkontrollierte Bestien herab – und das ist wiederum ebenso sexistische Kackscheiße wie Catcalls und Grapschattacken.

(Fazit: Weder sind Opfer selber Schuld noch sind alle Männer Vergewaltiger. Opfern die Schuld zuzuweisen hat fatale Folgen!)

2. Arbeitslosengeld gibt’s jetzt bei Rewe

Zur Kategorie WHAT THE FUCK gehört der zweite Artikel: „Gibt es Arbeitslosengeld künftig an der Supermarktkasse?“ aus der FAZ.

Darin heißt es, dass in Ausnahmefällen, also wenn jemand kein eigenes Konto hat oder eine sofortige Auszahlung braucht, das Arbeitslosengeld an den Kassen von Rewe, Penny, Real, dm und Rossmann ausgezahlt wird. Dazu bringt der AG-Empfänger einen Zettel mit Barcode mit, den er vom Jobcenter oder der Arbeitsagentur bekommt, das wird gescannt und an der Kasse ausgezahlt.

Sehr geehrtes Bundesamt für Arbeit: Geht’s noch?

Das ist auf so vielen Ebenen scheiße, dass ich eine Liste machen muss:

  1. Stigmatisierung von Arbeitslosen:
    Arbeitslose werden in unserer Gesellschaft gerne als arbeitsscheu, faul und ungebildet dargestellt, als Zielscheibe menschenunwürdiger Debatten missbraucht und sind somit bereits eingehend stigmatisiert. Kommt dann noch dazu, dass diejenigen ohne Konto demnächst für alle sichtbar an der Kasse ihr Bargeld bekommen, wird sich das für diese Personen nicht bessern, im Gegenteil. Dann weiß jeder, dass Herr Müller zu den „Extremfällen“ gehört. Das verschlimmert sich um eine Unbekannte, handelt es sich bei der Person um jemanden, der „nicht deutsch“ aussieht.
  2. Abwälzen eigener Aufgaben:
    Indem das BA diese Aufgabe den Supermärkten zuschiebt, drückt es sich um seine Verantwortung. Dass es kein Bargeld mehr in den Jobcenter haben will interessiert hier schlicht und ergreifend nicht. Es kann nicht sein, dass Supermärkte eine solche Aufgabe zugeschoben bekommen. Davon abgesehen: wie soll das funktionieren, ohne ein Risiko für die Ladeninhaber zu beinhalten? Sie müssen das Geld vorstrecken, doch wann und unter welchen Prämissen bekommen sie es wieder? Und wird es dann auch so irre Sonderausnahmen wie bei den Retaxierungen der Krankenkassen geben, sodass sie auf den Kosten sitzen bleiben?
  3. Symptombekämpfung statt Ursachenforschung
    Indem man die „Sonderfälle“ an andere Stellen verweist, um sich ihr Geld abzuholen, geht man kein Problem an, sondern wirft ein bisschen Schminke auf eine offene Wunde. Nicht die Stelle sollte erneuert werden, wo Menschen ohne Konto Geld abholen dürfen, sondern das Recht auf ein Girokonto soll endlich durchgesetzt werden. Den Banken entsteht dabei anders als den Supermärkten kein Risiko. Sie können bestimmen, dass kein Dispositionskredit gegeben wird, Zinsen gibt es ohnehin nicht mehr. Eine Adresse ist mMn unnötig, geschieht ohnehin alles digital und die einzige Post, die ich von meiner Bank bisher bekommen habe, waren entweder Kontoauszüge weil ich es verschlafen habe sie zu ziehen (geschieht jetzt auch digital, keine Post mehr!) oder Werbung.

Das schlechte Bankenwesen in Deutschland ist auch so ein Thema, das mich ziemlich ankotzt, aber das würde jetzt zu weit führen.

Zu Punkt 2 allerdings treibt mich eine Frage um: Habt ihr oder haben Bekannte, Freunde, Verwandte etc. jemals eine ordentliche Arbeitsstelle vom Jobcenter vermittelt bekommen? Also weder eine bis fünf Maßnahmen, noch Zeitarbeit, sondern eine „normale“ Arbeitsstelle?

 

It builds character

Ich weiß nicht, ob ihr die 365 Days of Writing Prompts kennt, die es von WordPress gibt. Für jeden Tag des Jahres gibt es eine Idee für einen Blogeintrag, eine Frage oder Anregung, ein Thema zum Schreiben.

Heute heißt die Aufgabe

„Tell us about a favorite character from film, theater, or literature, with whom you’d like to have a heart-to-heart. What would you talk about?“

Zu Deutsch soll man einen Charakter aus Film, Theater oder Literatur benennen, mit dem man gerne ein persönliches Gespräch führen würde – und worum es ginge.

Mir ist sofort Lorelai Gilmore eingefallen. Mit ihrer spritzigen, schlagfertigen und unbekümmerten aber herzigen Art war sie (zusammen mit ihrer Tochter Rory) immer eine meiner Lieblingsfiguren. Man könnte sagen, ein bisschen war sie auch Vorbild, wollte ich auch so spritzig und schlagfertig sein und so wie sie durch jede Schwierigkeit erhobenen Hauptes gehen.

Vor zwei Jahren noch hätte ich vermutlich Rory erwählt, doch jetzt sind mir einfach andere Dinge wichtig, die mir eher Lorelai beantworten könnte.

Zum einen ist das -ihr wisst was jetzt kommt- Mutterschaft. Es ist ein schönes aber auch schwieriges Thema. Lorelai rannte damals, schwanger mit 16 Jahren, von zu Hause fort, verließ ihren Freund und Rorys Vater und baute sich ein eigenes, unabhängiges Leben im beschaulichen, zauberhaften Stars Hollow auf. Als ich anfing die Serie zu schauen fand ich das vor allem mutig, heute denke ich, war es auch ein bisschen dumm, nichtsdestotrotz aber beachtenswert, da sie das tat, um sich selbst treu zu sein, um unabhängig zu sein und nicht mit allem, vor allem der Erziehung ihrer Tochter, unter der Fuchtel ihrer spießigen, konservativen Eltern zu stehen.

Das ist mir insoweit wichtig, als es mir zur Zeit schwer fällt, mich als eigene Person nicht zu verlieren. Ich bin vor allem Mutter und Hausfrau, ich bin Partnerin, aber wer bin ich eigentlich? Was macht mich neben all dem aus? Wie habe ich mich verändert? Und wie schaffe ich mir Raum und Zeit für mich und mich ganz allein?

In dem Gespräch mit Lorelai ginge es auch um Mutter einer Tochter sein im Speziellen, denn das ist nunmal anders als Jungsmama, denke ich. Ich würde wissen wollen was in etwa auf mich zukommt, denn wenn mein Mäusekind in etwa so wird wie ich, dann wird das nicht einfach werden. Wie schafft man es dann, nicht an sich selbst zu zweifeln oder sich vom Kind verlassen zu fühlen, wenn es schreit „Ich hasse dich, Mama! Du bist die blödeste Mama der Welt!“ Und wie wird man nicht eifersüchtig, wenn sie Papa in Beschlag nimmt? Das klang für mich immer merkwürdig, aber mittlerweile kann ich es nachvollziehen. Nicht dass ich nicht wollen würde, dass die beiden eine gute Beziehung haben. Im Gegenteil, ich schmelze dahin, wenn Daddy das kleine Mädchen zum Lachen bringt und die beiden sich anstrahlen. Aber manchmal, wenn ich gerade außerhalb des Geschehens bin, fühle ich mich ein bisschen zurück gesetzt. Wenn ich gerade nicht gut genug bin, sondern Papa her soll, dann sticht das schon ein bisschen im Mutterherz.

Ein sehr schwieriges Thema hätte ich aber auch mit Lorelai zu besprechen: den Tod. Wer die neuere Miniserie noch nicht gesehen hat, sollte jetzt wegschauen.

Als ihr Vater Richard stirbt, bricht für Lorelai eine Welt zusammen. Dennoch schafft sie es, nicht zusammenzubrechen, sondern weiter zu gehen. Wie geht das? Wie ist man stark für die trauernde Mutter und die trauernde Tochter gleichermaßen? Wie geht man dann mit der eigenen Trauer um? Kann man das überhaupt oder wird es irgendwann nur weniger scheiße?

Zu guter Letzt wäre mir das Dragonfly Inn noch wichtig. Sie hat es zusammen mit ihrer besten Freundin Sookie aufgebaut und managt es 365 Tage im Jahr, zu jedem Wetter und ohne zu murren. Das finde ich bewundernswert! Sie hat Spaß an ihrer Arbeit und ist stressresistent. Wie ist sie dahin gekommen? Und wie hat sie das alles auf die Beine gestellt? Was wären ihre Tipps für Neuunternehmer und Firmengründer?

Jetzt lasst mal hören: Welchen Charakter würdet ihr euch für ein persönliches Gespräch wünschen und warum?


Beitragsbild von http://de.gilmoregirls.wikia.com/wiki/Lorelai_Gilmore