PETA

Triggerwarnung: einige der Links enthalten verstörende Bilder und Erläuterungen.

Wisst ihr noch,

 

Ich weiß es noch und ich will nicht, dass man es vergisst.

Advertisements

Nachtleben

Nachtleben.png

 

Vorbilder: Emma Ihrer

Heute hat eine Frau Geburtstag, auf die mich Google aufmerksam gemacht hat. Zurecht erinnert Google an sie, hat sie doch in ihrer Zeit auf diesem Planeten und in ihrer Epoche viel erreicht.

So verhinderte sie (zusammen mit Clara Zetkin) nicht nur einen Antrag gegen die Frauenerwerbstätigkeit, sondern sorgte sogar dafür, dass Frauen in den Gewerkschaften als gleichberechtigt galten.

1857 wurde sie in ein Preußen geboren, das für politisch Interessierte und Aktive ein schwieriger Staat war. Nachdem 1849 die Revolution gescheitert war, die den Bürgern Mitbestimmungsrechte bringen sollte, wurde vielerorts nicht nur die Feudalherrschaft zurückgebracht, sondern sogar die Ergebnisse der Märzrevolution storniert, die unter anderem das Wahlrecht und Grundrechte beinhalteten.

Wie sehr ihre Arbeit den Autoritäten aufstieß wurde deutlich an den häufigen Polizeikontakten und letztlich dem Versuch, ihrem Mann, der Apotheker war, die Konzession zu entziehen. Er verkaufte die Apotheke und sie zogen nach Berlin. Dort war sie bis zu ihrem Tod 1911 unermüdlich tätig, sich für Rechte und Bedürfnisse von Arbeiterinnen einzusetzen.

Wer mehr zu dieser starken Frau, Gewerkschafterin, Frauenrechtlerin, Sozialistin wissen möchte, findet etwa in der Datenbank der Deutschen Biographie einen Artikel.


Grafik: Google Doodle vom 03.01.2018

13. Dezember

Ein Beitrag von Wirrkopf

 

Aus Holy Horror Christmas (ISBN 978-3-492-27349-8)

Wiglaf Droste

Weihnachten: Ungefickt zu Mutter

Heiligabend, Stichtag der Angst. Zwei Spätheimkehrerinnen berichten

Also „MUTTER“ ist ja ein ganz saudummes Wort. Ich meine, allein schon so als Wort.

Die Frau am Nebentisch sagte das sehr entschieden, ihre Zuhörerin nickte heftig und ich wurde wach.

„Wie das schon klingt – MUTTA!“, fuhr die Sprecherin fort.

„Wie Mutant und Mutterboden. Ich denke da immer an >Psycho< von Hitchcock, wie Anthony Perkins mit dumpfer Stimme sagt >Hallo, Mutter. Ich bin es, Mutter<. Und jetzt muss ich da wieder hinfahrn!“

Die Sprecherin hatte Leben in der Stimme, ein bisschen Rage und einen Anflug von Müdigkeit. Normalerweise schätze ich es nicht, im Café mit den Gesprächen fremder Menschen behelligt zu werden, aber diesmal war es mir ganz recht. Ich hatte Kaffee getrunken und Zeitung gelesen; Ein paar Lobbyisten erklärten Rudi Dutschke salbungsvoll zu ihrem ganz persönlichen Jesus und gefielen sich darin, eine Straße nach ihm benennen zu wollen.

Befeuert von aktionistischer Seligkeit trompeteten sie die flachsinnige Idee in die Welt und machten eine ganze Zeitung damit voll. Ob es an Weihnachten lag?

Kitsch hat ja immer Konjunktur, aber wenn Heiligabend und das Christkind vor der Tür stehen, kommt der Terror in besonders dicken Happen. Ich hatte einmal die Archivaufnahme einer Dutschke-Rede gehört und wusste seitdem, was Brei auf Stelzen ist.

Den beiden Frauen am Nebentisch war der Studentenführer egal, sie drängte Persönlicheres.

„Ich kann’s auch nicht ab!“, stöhnte die zweite Frau auf. Bisher hatte sie nur zugehört und mit weiblicher Ermunterungsmimik den Redefluss ihrer Freundin an Leben erhalten. Nun aber sturzbachte es auch aus ihr heraus. Wenn mein Bruder >Mutti< sagt, muss ich brechen. Wie der das ausspricht – mit weichem d! >Naaa, Muddi<, sagt der dann.

Gah! Ein erwachsener Mann von über vierzig ein >Mutti<-Sager! Und dann ist auch noch Weihnachten und man kann nicht mal abhauen.

Verstohlen betrachtete ich die beiden Frauen. Sie waren selbstunzweifelhaft erwachsen, ich schätzte sie auf Anfang bis Mitte dreißig. Beide verfügten sichtlich über Schönheit und Energie

auch Angst war im Spiel. „Noch zwei Kaffee, bitte!“, sagte die kurz zuvor noch von ihrem Mutti-Bruder entsetzensgepeitschte Frau zum Kellner. Der bot mechanisch allerlei italienisch Klingendes an. „Nein, ganz normalen Kaffee“, entgegnete ihm die Frau. Keinen Schaumscheiß, bitte.

Ich folgte ihrem Beispiel, bestellte und bekam Kaffee und tat, als läse ich weiter Zeitung – die beiden Frauen sollten sich ganz unbeobachtet fühlen und schon weitersprechen. Weil sie aber gerade Kaffee schlürften und Sprechpause hatten, heftete ich meine Augen wie hochkonzentriert ins Blatt – das mir nun damit kam, die Zeitung an sich sei etwas unglaublich Dolles, Rares und Erhaltungswürdiges und per se ein Ort der Kultur und des Geistes und überhaupt.

Nicht schlecht, dachte ich. Die Zeitung thematisiert sich selbst, haut sich kräftig auf die eigene Schulter und verkauft das als Nachricht, während andere ihre Reklameartikel ja verschenken müssen. Ich überlegte, bei welchen Freunden des Überflüssigen der Trick wohl zöge – mein eigener Bedarf an Zeitung war drastisch geschrumpft – seitdem ich keine Ofenheizung mehr hatte.

Endlich rissen mich die Frauen am Nebentisch in die Wirklichkeit zurück; Verglichen mit Zeitunglesen ist noch das kleinste Fitzelchen Leben sensationell. Die Frau, die so lustig tönern „Hallo Mutter“ sagen konnte, hatte die Sprache wiedergefunden.

„Die letzten Tage vor Weihnachten sind der reine Exodus“, hob sie an. „Du musst mal am Bahnhof kucken, was da alles nach Hause fährt. Und wie die aussehen – wie eine besiegte Armee.

Hundeaugen, hängende Schultern, gebeugt, gebückt, zerdrückt – das ist die Weihnachtsfreude.“

Sie lachte hell und grimmig. „Und ich mache das auch! Weihnachten zu Hause! Drei Tage Gesichter wie eingeschlafene Füße – all diese leeren, sexlosen Gestalten.

Wenn man sich wenigstens auf Vorrat mit Sex vollhauen könnte! Und ausgerechnet jetzt! -Ihre Stimme nahm Wut an -, habe ich Schluss mit meinem Freund gemacht.

Weißt du ja, seit drei Wochen. Ganz schlechtes Timing.

Ihre Freundin kicherte. „Wem sagst du das?“, fragte sie. Bei mir ist doch auch seit 14 Tagen Finito. Aus bloßem Ordnungssinn. Ich wollte das einfach noch im alten Jahr erledigt haben. Und jetzt müssen wir beide in diesen Film: Weihnachten ungefickt zu Mutter fahrn!

Die beiden prusteten los und freuten sich so sehr, dass sie Champagner bestellten. Sie tranken und wiederholten, der Drohung ungeachtet, immer munterer und begeisterter:

„Wir müssen mit der Eisenbahn / ungefickt zu Mutter fahrn! Da lachte nun auch ich mit – woraufhin die beiden schlagartig verstummten, und dann wurden wir alle drei rot, so rot wie eine Weihnachtsgans.

Frauen sind kompliziert und Männer verstehen sie nicht

Immer wieder einmal hört man diesen Satz, meistens im Scherz, manchmal halbernst gemeint. Was ist dran?

Wenn ein Mann das Erwachsensein erreicht hat, wurde er sehr wahrscheinlich schon das eine oder andere Mal damit konfrontiert, dass Frauen eine Sache sagen und eine andere meinen und dadurch unverstehbar sind. Vielleicht glaubt der eine oder andere diese Aussage, zumindest in einem gewissen Ausmaß.

Zu einem gewissen Grad entspricht es der Wahrheit. Frauen reagieren tatsächlich oft anders als sie fühlen, verwischen ihre eigentlichen Meinungen und Intentionen. Wenn man einmal versteht, warum sie das tun, ist es jedoch gar nicht mehr so unverständlich. Es ist pures Überleben.

Während einige Männer gekonnte Schauspieler werden, müssen die meisten Männer die Kunst der Täuschung niemals erlernen, wenn es nicht gerade darum geht, ruhig auszusehen, während man innerlich den Chef erwürgen möchte. Bei Frauen sieht das ganz anders aus.

Frauen sind die meiste Zeit im Leben von Menschen umgeben, die größer und stärker als sie sind, sozial privilegierter, aggressiver (Testosteron ist Höllenzeug) und gesellschaftlich eher ermutigt dazu, dies zum Ausdruck zu bringen. Und das beste?

Manche dieser Männer um sie herum sind extrem gefährlich, andere nicht und in den meisten Fällen kann man nicht wissen, zu welcher Sorte ein Mann gehört. Meistens ist die einzige Möglichkeit das herauszufinden, etwas zu sagen oder zu tun, das ihn zum Explodieren bringt – oder eben nicht.

Diese Testmethode ist in etwa eine ebenso gute Idee wie mit dem Pogostick durch ein Minenfeld zu hopsen. Verständlicherweise entscheiden sich die meisten Frauen also dazu, diesen Test nicht zu fahren.

Dazu gehört manchmal auch zu lächeln, wenn sie in einer Situation ohne potenzielle Helfer angeflirtet werden oder über einen unangenehmen Witz zu lachen, weil der Raum voller Männer ist und alle lachen.

Männer sind nicht nur nicht in der Täuschungskunst bewandert, sondern bekommen beigebracht, ihren Selbstwert in der Bestätigung einer Frau zu suchen. Und in den meisten Fällen nehmen sie diese Bestätigung sehr ernst. Das kann zu unwohlsamen oder gar gefährlichen Spiralen und Beziehungen führen.

Es ist sehr schwer bis unmöglich für Frauen, da heraus zu kommen. So wie unsere Gesellschaft funktioniert, haben Frauen oft keine bessere Wahl, als ihre Sicherheit über die Transparenz ihrer Aussagen zu stellen, vor allem gegenüber Menschen, die ihnen gefährlich werden könnten.

Obgleich es sehr frustrierend für Männer sein kann, ist es nicht an den Frauen sich anders zu verhalten, solange Männlichkeit assoziiert wird mit Aggression, Macht und Gewalt. Frauen lächeln und lachen so lange über (unerwünschte) männliche Annäherungsversuche, so lange ein nicht unerheblicher Anteil an Männern eine potenzielle Gefahr darstellt.

Für diejenigen Männer, die nicht von Wölfen erzogen wurden, die nicht mit Genervtheit sondern tatsächlichem Interesse an dieser Situation reagieren, die Frauen nicht in Panik versetzen wollen, sondern jetzt vielleicht erkennen, dass sie ein „oh Gott bitte verschwinde“ als „dieses Gespräch mit dir allein in diesem Aufzug ist großartig“ gelesen haben, gibt es ein paar Anhaltspunkte:

  • Wenn eine Frau sich bedroht fühlt, ist das meist erkennbar an bestimmten Reaktionen: Sie verlässt den Bereich, sie wechselt das Thema, sie bewegt sich selbst oder sich und den Gesprächspartner in Richtung anderer Menschen, besonders anderer Frauen, sie flirtet oder witzelt nicht zurück.
  • Auch passt die Antwort nicht zu dem, was gerade gesagt wurde: etwa beantwortet sie ein Kompliment mit „Danke“ oder einem Lachen, statt eines zurück zu geben oder beantwortet eine intime Frage mit einer unsexuellen Gegenfrage etwa nach den Eltern.

Nun würden die meisten Männer bei der Feststellung, dass eine Frau sich unwohl fühlt, wohl intuitiv fragen wollen „Habe ich etwas falsches gesagt?“ oder „Fühlst du dich unwohl mit mir?“

Das führt jedoch nur sehr selten zu einer ehrlichen Antwort, sondern startet das gleiche System des Nicht-Reizen-Wollens, weil es ja noch immer kein Indiz dafür gibt, dass der Mann im Ernstfall ruhig reagiert statt in die Luft zu gehen.

Stattdessen stellt sich dann eher die Frage, ob das Gegenüber tatsächlich besorgt ist oder aber sich angegriffen fühlt weil er vielleicht gemerkt hat, dass das Lachen nicht echt war? Stecke ich in größerer Gefahr als vorher?

In dieser Situation ist es für den potenziell bedrohlichen Mann das beste, sich zurück zu ziehen, auch körperlich einen Schritt oder zwei nach hinten zu machen und mehr Raum zu lassen. Hat sich die Situation entspannt, kann es helfen, ehrlich zu sein:

„Falls dir die Witze über Clownspimmel unangenehm sind, lass es mich wissen und ich lasse sie aus.“

Das kann helfen, muss aber nicht. Jede Frau reagiert anders und jeder Mann ist unterschiedlich in seinem Auftreten und seiner Wirkung. Menschliches Verhalten ist enorm kompliziert und es gibt keinen Trick, keine Allgemeinlösung, keinen Cheat-Code, der immer funktioniert. Es ist aber ein Schritt in eine gute Richtung.

Das Wichtigste: Wenn Sie einmal signalisiert haben, dass Sie nicht explodieren werden, dann stehen Sie auch dazu. Wenn eine Frau Ihnen ihre Offenheit schenkt, dann ist das ein Privileg, das Sie sich verdient haben müssen. Ehren Sie es.

TL;DR: Frauen haben simple Bedürfnisse (Sicherheit) und leben in einer gefährlicheren Welt als der Großteil aller Männer, was mehr Vorsichtsmaßnahmen mit sich bringt als sich der durchschnittliche Mann Gedanken machen muss. Sich darüber lustig zu machen oder wütend zu reagieren, wenn Frauen sich schlicht selbst schützen, ist Arschlochverhalten. Versuchen Sie die Welt um sich herum wahrzunehmen und zu verstehen, üben Sie Empathie dafür, dass manche Menschen andere Wahrnehmungen haben und verhalten Sie sich nicht wie ein Arschloch, von denen hat die Welt bereits zu viele.